„Deine Mutter will für drei Wochen als Einsiedlerin in die Wälder bei Tschechien ziehen, um einen Roman zu schreiben.“
Er seufzte.
„Wir stören sie beim Schreiben.“
Sabrina schaute stirnrunzelnd zu ihrer Mutter, welche sich an der Kaffeemaschine zu schaffen machte.
„Was für eine Schnapsidee ist das schon wieder, Mama?“
Die junge Frau schaute besorgt zu ihrer Mutter hinüber.
„Wir haben Anfang Oktober. Wenn es zu schneien beginnt, bist du vielleicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten.“
„Es schneit aber nicht!“
Marina setzte die Tasse, auf der ein blöder Spruch stand, hart auf der Arbeitsfläche ab.
„Ich werde es tun. Es ist meine Entscheidung. Ich habe Herrn Groß bereits angerufen. Er ruft mich morgen an, um mir zu sagen, wo der Schlüssel deponiert ist. Das Navi ist programmiert. Ich muss es nur noch anbringen.“
Michael und Sabrina schauten sich an. Sie wussten, weitere Einwände würden nichts bringen.
„Wann willst du fahren“? fragte Sabrina.
„Übermorgen. Ich besorge mir nur noch Lebensmittel und Getränke.“
Sie setzte sich zu den beiden an den Küchentisch.
„Ihr werdet wohl mal ein paar Wochen ohne mich zurechtkommen.“
„Aber darum geht es doch nicht.“, versuchte Sabrina einzuwenden.
Marina hob die Hände.
„Keine weitere Diskussion. Ich fahre!“
10. Oktober 2012
Der Tag versprach schön zu werden. Als Marina den VW vom Hof steuerte, schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ihr Mann war zur Arbeit gegangen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ihr Sohn Martin hatte am Abend vorher noch ein Telefonat mit seiner Mutter geführt. Er war ebenfalls besorgt. Andererseits machte er deutlich, dass er ihre Entscheidung respektierte und diese sogar als sehr mutig bezeichnete. Sie lächelte bei dem Gedanken an ihren Sohn. Er hatte sich nach pubertären Schwierigkeiten wunderbar entwickelt, eine Familie gegründet, ein Haus gekauft und sich selbstständig gemacht. Sie seufzte. Hoffentlich würden ihre Kinder niemals solch ein finanzielles Desaster erleben müssen. Alles hängt am Geld. Es ist eine unsichere Zeit. Marina folgte genau den Anweisungen der Frauenstimme, welche ab und zu aus dem Navi tönte. An der Grenze zu Tschechien legte sie eine Pause ein. Die Sonne hatte noch Kraft und nichts deutete darauf hin, dass der Oktober kein goldener werden sollte. Sie trank in einer Raststätte einen Kaffee und gönnte sich ein Stück Streuselkuchen. Leider hatte sie einige Kilo zugenommen. Was nicht zuletzt am Prednisolon lag, welches sie seit fast zwei Jahren wegen ihrer Krankheit nehmen musste. Sie hatte sich etwas abseits gesetzt und hing ihren Gedanken nach, welche sich, wie fast immer in letzter Zeit, ums Geld drehten. Die ständigen Sorgen hatten aus der einst so lebensfrohen Frau einen verbitterten Menschen gemacht. Trotz vieler Arbeit nie genügend Geld zu haben, war ein Phänomen der heutigen Zeit. Marina hatte es satt. Sie wollte mehr und sie wusste, dass sie das Zeug dazu hatte. Allerdings war ihr auch bewusst, dass es ohne entsprechende Lobby und ohne berühmte Eltern beinahe unmöglich war, Erfolg zu haben. Aber sie wollte es unbedingt schaffen. Ungewöhnliche Umstände erfordern eben drastische Maßnahmen. Sie hatte keine Angst. Nicht vor der Einsamkeit. Nicht vor dem Mörder und schon gar nicht vor wilden Tieren. Angst hatte sie nur, dass es so weitergehen würde. Sie hatte Angst vor der Armut.
Sie räumte das Geschirr ab und fragte die Dame am Nachbartisch, ob nahe des Waldstücks die Möglichkeit bestünde, noch einmal Rast zu machen. Die Frau nannte ein Dorf, welches etwa eine Stunde entfernt lag. Man könne dort sogar übernachten.
Michael seufzte. Gerade hatte er wieder einen Umschlag geöffnet. Eine Forderung des Verlages seiner Frau. Die Herstellung des letzten Buches hatte die Familie mehr Geld gekostet, als wieder hereingekommen war. Marina hatte die Rechnung in drei Raten abzahlen wollen. Diese war zum Glück die letzte. Das musste aufhören. Michael war wild entschlossen, seiner Frau die Pistole auf die Brust zu setzen. Wenn es diesmal nicht klappte, würde er sie vor die Wahl stellen. Er konnte nicht zulassen, dass dieser Traum seiner Frau die Familie ruinierte. Ihre Ehe würde zerbrechen, fürchtete er. Er schaute auf Marinas altes Handy, das wie ein Relikt auf dem Küchentisch lag.
„Komm bitte heil zurück, du verrücktes Huhn, “ flüsterte er.
KAPITEL DREI: Die Ankunft
Der kleine Ort Ceska Kubice lag verschlafen am Fuß des Berges. Es war mittlerweile fast sechzehn Uhr. Graue Wolken türmten sich am Himmel. Es roch nach Regen. Marina beschloss, im Dorf zu übernachten. Eine kleine Pension am Marktplatz war genau richtig.
„Ein Zimmer bitte. Nur für eine Nacht.“
Sie hatte Glück. Die kräftig gebaute Frau mit dem freundlichen Gesicht sprach deutsch. Sie nahm einen Schlüssel vom Holzbrett hinter dem Tresen.
„Zimmer 13. Ich hoffe, Sie sind net abergläubisch?“ sagte sie schmunzelnd.
Marina lachte.
„Passt zu meinem Vorhaben. Hoffentlich ist es kein schlechtes Omen.“
Die Frau fragte Marina, wo sie denn hin wolle.
„Nach Grafenried. In das alte Försterhaus mitten im Wald. Gleich nach dem Frühstück fahre ich los. Ich denke, ich finde mich zurecht.“
Marina lachte erneut.
Die Frau machte ein ernstes, ja beinahe entsetztes Gesicht.
„Tun Sie das nicht!“
Sie schaute sich um und fuhr flüsternd fort zu sprechen.
„Sie wären dort mutterseelenallein. Kein Mensch würde Sie schreien hören.“
Sie beugte sich über den Tresen.
„Schreckliche Dinge sind da passiert. En Mord. Ganz en fürchterlicher, der nie aufgeklärt wurde.“
Sie nickte vielsagend. Marina ließ sich nicht einschüchtern.
„Genau. Deswegen fahre ich dorthin. Wissen Sie, ich bin Autorin.“ Sie winkte ab. „Noch eine ganz unbekannte. Aber das wird sich ändern. Ich werde einen Bestseller schreiben. Ich muss einen Bestseller schreiben. Und dazu brauche ich Ruhe und die geeignete Atmosphäre.“
„Ne, ne. Aber doch net dort.“ Die Stimme der Frau wurde beinahe weinerlich.
„Wenns anfangt zu schneien, kommen sie dort net weg. Und och kener kann Ihnen helfen. Ken Handy funktioniert. Ich tät mir das noch mal überlegen.“
Marina legte ihre Hand auf die der Frau.
„Sie sind sehr nett. Aber es gibt nichts zu überlegen. Es ist meine letzte Chance.“
Die Frau seufzte.
„Ich mach Ihnen morgen früh ein gutes Frühstück.“ Sie fügte hinzu. „Überschlafen Sie das Ganze noch emal.“
Die Nacht verbrachte Marina teils mit Lesen, teils mit Grübeln. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Es gab weder Fernsehen noch Dusche. Aber es war sauber. Sie lag gerade auf dem Rücken in dem Bett mit weiß gestrichenem Metallrahmen und starrte an die Decke. Sie erinnerte sich an die Zeit vor fast drei Jahren. Damals starb ihr geliebter Vater an Krebs. Sie glaubte, der Himmel würde einstürzen. Zwei Tage später verunglückte ihr Mann schwer. All das geschah, als sie aus der Praxis umziehen mussten wegen des gesundheitsgefährdenden Schimmels, welcher aus dem Kellergewölbe darunter nach oben in die Praxisräume gekrochen war. Der Umzug war teuer. Der Vater, der ihr immer geholfen hatte, tot. Ihr Michael, Gott sei Dank am Leben. Er würde sie jetzt brauchen, genau wie ihre schwangere Tochter, welche gerade ihren Abschluss als Physiotherapeutin gemacht hatte und in das Geschäft eingestiegen war.
Marina lächelte. Das Mädel hatte frischen Wind in die Praxis gebracht. Die Patienten waren begeistert. Alles schien nach dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten gut zu werden. Dann, anderthalb Jahre später die Nachricht, der Vermieter sei seit Monaten nicht auffindbar. Das Desaster nahm seinen Lauf. Damals dachte sie das erste Mal an Selbstmord. Die Lebensversicherung würde alle Schulden decken und es würde sogar noch was übrig bleiben. Sie musste es nur geschickt anstellen. Eine Träne bahnte sich den Weg aus dem linken Augenwinkel über die Wange zum Kinn. Dort blieb sie hängen, bis Marina sie fort wischte. Sie setzte sich auf. All die Mühe und harte Arbeit umsonst. Wäre ihre Familie nicht gewesen, vor allem der kleine Zuwachs, ihr Enkel, wer weiß? Das Bettgestell quietschte, als sie aufstand.
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