Advaita ist ein Gedankenkomplex; wenn man sich in ihn hineinbegibt, dann ist alles stimmig. Das ist aber bei den meisten Gedankenkomplexen der Fall: Das gilt für alle –ismen wie Nationalismus, Kommunismus, Islamismus, aber auch für Psychoanalyse, Christentum oder Sekten wie Scientology.
Ich glaube, und deshalb schreibe ich, dass man ein Denksystem als solches erkennen muss und es nicht für die Wirklichkeit halten darf. Gerade die Geschlossenheit eines Denksystems muss misstrauisch machen.
Ich kann im Grunde alles so sagen, wie es im Advaita Vedanta gesagt wird. Ich möchte nur klarstellen, dass man es nicht so sagen muss und auch nicht die Erfahrung haben muss, dass man z. B. eins ist mit dem universalen Sein. Es genügt vollauf, aus dem transzendierten Ich zu leben, einfach nur der zu sein, der man ist. Ob man der von Anbeginn immer schon war, ob man schon immer eins mit dem Absoluten ist spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es mag so sein, aber ich kann nicht sehen, dass diese Aussage irgend jemand als Erfahrung sagen könnte. Ich halte es für eine Irreführung eines Suchenden, der durch solche Aussagen vielleicht glaubt, die Verbindung zum universalen Sein erleben zu müssen, was ihn nur festhält in Konzepten.
Das Ich, das gebrochene Ich – und in diesem Zustand befinden sich die meisten Suchenden –, ist immer bemüht, alles richtig zu machen. Eine Wortbedeutung von Religion leitet sich von relegere ab, was „sorgsam beachten“ heißt, d. h. sorgsam die Rituale beachten, um die Götter zu besänftigen. Ein Suchender versucht genau das zu tun: Das sorgsam beachten, was gelehrt wird, was in Büchern steht, was von Lehrern gesagt wird.
Je mehr ich lese, desto mehr drängt sich mir der Eindruck auf, dass mit Advaita. ein erheblicher Ballast an Theorien verbunden ist, der einem Suchenden vielleicht erhellende Einsichten vermittelt, aber keine Hilfe auf dem Weg zur Befreiung ist. Natürlich ist es immer möglich, dass einem beim Lesen eines Buches oder in einem Seminar die Befreiung passiert, was wohl so häufig geschieht, wie jemandem die Heilung, wenn er eine Wallfahrt nach Lourdes unternimmt. Es kommt ja tatsächlich vor!! Von vielen Hunderttausenden ist es einer.
Mir scheint, dass der ganze intellektuelle Aufwand, der im Advaita Vedanta getrieben wird, nur dazu dient zu zeigen, dass das Ich sich als getrennt erfährt und damit einer Illusion unterliegt. Das ist das, wovon ich genau so überzeugt bin. Durch diese Erfahrung des Ichs als getrenntes Wesen sieht es sich als Zentrum der Welt und ignoriert völlig die Abhängigkeiten, denen es unterworfen ist. Um das zum Ausdruck zu bringen, ist aber der ganze theoretische Hintergrund des Advaita nicht notwendig.
Und die Tatsache, dass es dieses Ich gibt, ist offenbar auch der Wille Gottes und damit erst dann falsch, wenn es sich gegen die – ebenfalls gottgewollte – Auflösung wehrt. Warum es diesen Prozess – Herausbildung des Ichs im Laufe der Evolution, um dann wieder aufgelöst zu werden – gibt, der in seiner schmerzhaften Prozedur unausweichlich ist, das kann man nur hinnehmen und akzeptieren, man kann auch darüber spekulieren, wissen wird man es nie können.
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