Als Gitte später atemlos mit den drei andern aus der Gespensterbahn kam und ihm erzählen wollte, wie schaurig es darin zuging, stutzte sie und sah ihn forschend an. Manfred wollte sie weiterziehen und mit ihr den andern folgen zu einem Losverkäufer, sie aber riss sich los und blieb bei Harry.
„Möchtest du vielleicht ein Eis?“, fragte er verlegen.
„Sehr gerne“, versicherte sie und errötete.
Harry hastete selig zum Eisverkäufer und erstand eine Eiswaffel. Als er damit zurückkam, kehrten auch gerade die drei andern zurück.
„Manfred hat einen Teddy für dich gewonnen, Gitte“, riefen Horst und Gunter schon von weitem.
„Was sagst du nun?“ Selbstgefällig näherte sich Manfred, trug wie eine Trophäe einen kleinen braunen Teddybär mit einer großen roten Schleife vor sich her und reichte ihn ihr.
Gitte nahm ihn, lachte und fand ihn drollig. Dann fiel ihr Blick auf Harry, in dessen Hand die kleine Eiswaffel zu schmelzen begann. „Harry, mein Eis! Danke“, rief sie und nahm es ihm ab.
Verächtlich sah Manfred auf die Waffel nieder. „Die lohnt ja das Lecken nicht“, meinte er herablassend. „Hättest du doch was gesagt, ich hätte dir eine viel größere besorgt.“
„Danke, ich wollte keine Größere“, wies Gitte ihn ab.
Beleidigt zuckte Manfred mit den Schultern.
Verstimmt gingen sie weiter. Doch bald versuchten Horst und Gunter mit fröhlichem Lärmen die Stimmung zu übertönen. Auch Gitte half ihnen dabei. An einer Schießbude blieb sie stehen. „Schaut mal, die Rose dort! Ist sie nicht wunderbar nachgemacht, sie wirkt wie echt“, rief sie.
„Lass sie dir doch von Harry schießen“, forderte Manfred und kniff hinterhältig grinsend dabei die Augen zusammen.
Harry biss die Zähne zusammen.
Erschrocken blickte Gitte Manfred an. „Nein, nein! So habe ich das nicht gemeint. Ich will sie gar nicht haben“, beeilte sie sich zu versichern.
Manfred lachte höhnisch. „Wie rücksichtsvoll! Du weißt wohl genau, dass er das nicht kann?“
„Du bist gemein!“, erboste sich Gitte.
Harry spürte, wie alle Röte aus seinem Gesicht wich. „Und ich werde sie dir schießen“, sagte er und trat vor.
Gitte hielt ihn am Ärmel fest. „So höre doch: Ich will sie nicht!“
Doch Harry riss sich los und warf seine letzten Cents auf den Tisch der Schießbude.
Gitte sah seinen trotzigen Blick und seinen verkniffenen Mund. Sie musste ihn gewähren lassen.
Manfred wollte sich ausschütten vor Lachen. „Jetzt könnt ihr was erleben!“, schrie er.
Horst stimmte in sein Lachen ein: „Das gibt einen neuen Schützenkönig!“, höhnte er.
Als Harry das Gewehr anlegte, war all sein verbissener Mut verflogen. Er glaubte, von den Blicken ringsum aufgespießt zu werden. Seine Hände zitterten. Der erste Schuss fiel --- die Rose nicht!
Schadenfroh johlten die Freunde um ihn herum. Gitte starrte wütend Manfred an. Doch der johlte nur umso lauter.
Harrys Wangenmuskeln spannten sich. Zweimal konnte er noch schießen. Krampfhaft hielt er das Gewehr. Er legte erneut an. Sein zweiter Schuss --- wieder nichts! Er zwang sich, nicht aufzugeben – umsonst! Beim dritten Schuss fiel schließlich statt der Rose ein hässliches, künstliches Blümchen herunter. Da kannte der Hohn der andern keine Grenzen mehr.
Enttäuscht legte Harry das Gewehr aus der Hand. Kein Cent klimperte mehr in seiner Tasche.
Jetzt schob Manfred sich nach vorn, zahlte, nahm ohne ein Wort das Gewehr auf und schoss – die Rose fiel.
Beschämt wollte Harry mit hängendem Kopf davongehen.
Gitte aber versperrte ihm den Weg und hielt ihn fest. „Mach dir nichts draus“, sagte sie und lächelte ihm ermutigend zu.
Doch genau das, dieses mitleidige Lächeln vertrug er nicht, nicht jetzt, wo er sich gedemütigt und verletzt fühlte. Es tat ihm weh. „Was willst du?“, schrie er sie an und stieß ihre Hand von seinem Arm. „Geh zu den andern, zu Manfred! Die haben mehr Geld und können dir mehr bieten.“
Betroffen blickte Gitte ihn an, erst erstaunt, dann voller Zorn. Ihre Hand ballte sich und zerdrückte das hässliche Blümchen darin. „Gut, wenn du es nicht anders haben willst!“ Sie wandte sich ab, ließ ihn stehen und ging ohne ein weiteres Wort davon.
Manfred, Horst und Gunter beeilten sich, ihr zu folgen.
„Den sind wir los!“, frohlockte Manfred und wollte Gitte wieder seinen Arm um die Schulter legen.
Sie aber schlug ihm die Hand nieder. „Bilde dir nur nichts ein!“, fauchte sie ihn an.
Verblüfft blieben die drei stehen.
Schnell war ihr Zorn auf Harry verraucht, als sie sich noch einmal nach ihm umsah. Gebeugt, mit hängendem Kopf, die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben, und mit jedem Schritt verratend, wie enttäuscht und gedemütigt er sich fühlte, so verließ er gerade das Frühlingsfest.
Da ließ Gitte die Jungen stehen. „Was seid ihr nur für Freunde?!“, rief sie ihnen zu. Dann rannte sie Harry hinterher. Atemlos holte sie ihn ein.
Überrascht verhielt er seinen Schritt. „Du läufst mir nach?“, fragte er ungläubig.
„Warum nicht?“, antwortete sie verlegen und errötete. Was sollte sie sonst sagen. Ohne recht zu wissen, was sie tat, zupfte sie die zerdrückten Blütenblätter der hässlichen Blume glatt.
„Du hast noch diese Blume?“, wunderte sich Harry und folgte jeder Bewegung ihrer Hände. „Wo ist die Rose?“
„Ach die! So schön war sie doch wieder nicht. Sie liegt bestimmt noch am Schießstand“, antwortete Gitte.
Sie schauten sich an. Ein glückliches Lächeln zog über sein Gesicht und Gitte erwiderte es. Erst zaghaft, dann fester legte er seinen Arm um ihre Schulter. „Tut es dir nicht leid?“, fragte er.
„Nein!“, versicherte sie und schmiegte sich an ihn.
So gingen sie zusammen ihren Weg, weg von dem lärmenden Rummelplatz, weg von den Freunden. Sie sahen sich nicht einmal nach ihnen um.
Eigentlich sollte Toni längst dem Alter der Halbwüchsigen entwachsen sein. Doch noch immer trug er die Kluft derer, denen in ihren jungen Jahren die Kraft der Faust wichtiger war als die Stärke des Geistes. In ausgefransten, engen Jeans kamen sie daher und trugen lässige Jacken dazu mit einem aufreizenden Emblem auf dem Rücken. Auch Toni gehörte zu einer Gang, wie sie es nannten. Zusammen fühlten sie sich stark. Wenn sie herausfordernd lärmend umherzogen und spürten, wie die Menschen sich schweigend zurückzogen oder gar in Furcht vor ihnen duckten, dann erfüllte sie ein berauschendes Machtgefühl. Dabei war Toni einer der Schlimmsten von ihnen, wenn es galt, gefährliche Streiche auszuführen und damit gegen Welt und Gesellschaft zu trotzen. Das liebste Spiel aber war für alle, junge Mädchen zu erschrecken und einzuschüchtern. Gellend johlten sie dann den Fliehenden hinterher.
Als Toni Britt zum ersten Mal begegnete, durchquerte er gerade einen Park. Er war allein, ohne seine Freunde und ohne den Halt der Gruppe. Da wirkte er keineswegs so wild und rauflustig wie sonst. Nur sein Aussehen verriet, wozu er gehören wollte. So lief er dahin, wie jeder andere, bis er sie sah.
Sie kam ihm entgegen und leckte gerade genüsslich ein Eis. Ihre Blicke trafen sich. Sie konnten sie nicht wieder voneinander lösen. Britt vergaß das Lecken, je näher sie sich kamen. Das Eis begann zu tropfen.
Toni verlangsamte seinen Schritt, als könnte er damit den Moment hinauszögern, bis er sie wieder aus den Augen verlieren musste. Festhalten wollte er sie, wenn es nur möglich wäre. Was war nur los mit ihm? Eine andere hätte er längst angerempelt, um auf seine Art mit ihr anzubandeln. Bei diesem Mädchen aber vermochte er das nicht.
Auch Britts Schritte wurden zögernder. Wartete sie darauf, dass er sie ansprach? Doch als sie sich zum Berühren nah waren, beschleunigte sie ihren Schritt, schlug ihre Augen nieder und lief hastig an ihm vorbei.
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