Ein starker Schmerz durchzuckte seinen Schädel, während er am Seil nach unten gezogen wird. ›Scheiße, tut das weh. Naja, is’ gleich vorbei.‹ Michael schaut nach oben und sieht… nichts. Um ihn herum ist alles schwarz wie im Arsch eines Bären. Es ist nicht das Geringste zu erkennen. Er dreht den Kopf von rechts nach links, schaut nach oben und unten, während ihn der Stein unablässig in die Tiefe zieht. Ein irrsinniger Druck auf die Ohren entsteht, doch er hat gelernt, wie man dem begegnen kann. Er nimmt seine rechte Hand hoch und hält sich die Nase zu. Er pustet durch und kann so den stechenden Schmerz in den Ohren etwas entkräften. ›Bin ich immer noch nicht unten?‹, denkt er. Ein Anflug von Panik macht sich in ihm breit, denn die Luft geht ihm aus. Er hat keine Ahnung, wie tief er schon gesunken ist. Er zieht sein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und schneidet die Schlinge an seinen Füßen durch. Er stellt fest, dass er keinen Auftrieb hat. Sein Zustand kommt völliger Schwerelosigkeit gleich, aber da es stockdunkel ist, weiß er weder, wo oben noch unten ist. Er macht zwei, drei Schwimmzüge, bekommt aber nichts zu packen. Es ist eiskalt hier unten, aber Michael merkt, dass er am ganzen Körper schwitzt. Nochmal ein paar Schwimmzüge. ›Da war was. Linke Hand. Mich hat was gestreift. War es ein Fisch. Noch mal zurück mit der Hand. Ja, da ist was. Bisschen weiter nach unten greifen. Ich glaube, das ist Schilf.‹ Michael greift nun auch mit der rechten Hand nach diesen Grashalmen. Er bekommt sie zu fassen und kriegt eine Idee. Er zieht sich an dem Gras bis auf den Grund und geht in die Hocke. Der Boden ist ganz weich und ein wenig matschig. ›Bitte, lieber Gott. Hilf mir, dass ich richtigliege.‹ Er stößt sich mit aller Kraft vom Boden ab und macht kräftige Schwimmstöße in die Richtung, in die er geschleudert wird. Seine Lungen wollen sich mit Luft füllen, aber hier unten gibt es keine. Michael versucht sich mit Schluckbewegungen daran zu hindern, danach zu schnappen. Er schaut um sich. Blickt in alle Richtungen und sieht plötzlich links von sich ein kleines Licht, wie von einer Taschenlampe. ›Das muss oben sein.‹ Er ändert die Richtung, taucht dem Geflimmer entgegen. Die Panik wird größer, denn obwohl die Leuchtkraft stärker wird, scheint es immer noch unglaublich weit weg zu sein. ›Ich hab’ keinen Sauerstoff mehr.‹ Michael zittert an Armen und Beinen, sein Kopf dröhnt und er merkt, wie ihm die Sinne schwinden. Da taucht etwas vor ihm auf und schaut ihn an. Zwei große Augen sind es, ja genau.
Was ist das?
Das ist ein Drache, kein Fisch. Er kann den Kopf dieses Geschöpfes sehen. Wieso?Hier ist es doch stockdunkel. Der Drache dreht den Kopf und die hellen Lichtstrahlen aus seinen Augen zeigen Michael den Weg nach oben. Michael sieht in diese Richtung und bewegt sich mehr zappelnd als vorschriftsmäßig tauchend in die gezeigte Richtung. Er spürt nicht mehr, wie das Wasser wärmer wird. Es kommt ihm vor, als sehe er direkt in die Sonne. Immer größer wird sie und dann explodiet sie in seinem Kopf.
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Michael wird wach. Er liegt hustend im Sand. Neben ihm kniet ein kräftiger Mann in völlig durchnässten Sachen. Er schaut Michael besorgt an. »Na Buu, wie geht s der? Bischt auß’m Boot g’falle.« Michael schüttelt den Kopf, aber er sagt nur »Isch tauch’ jo gern, awwer Apnoe tauche is nix fa misch.«
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Der Junge hatte im Fernsehen einen Bericht über Apnoe tauchen gesehen, und weil ihm das Tauchen schon immer Spaß machte, dachte er ›Das probier’ ich mal aus, und wenn ich da richtig gut werde, dann respektieren mich die anderen.‹ Und so machte er sich an diesem schönen Tage auf um seine Grenzen zu testen. Das wäre fast ins Auge gegangen.
Er denkt: ›Der Drache hat mich überleben lassen. Warum?‹
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Ludwigshafen/Rh, Juni 1970: Michael steht kurz vor seinem neunten Geburtstag. Es ist nicht mehr lange hin bis zu den Sommerferien und die große Pause hatte vor 10 Minuten begonnen. Er wartete diese Zeitspanne immer ab, bevor er in den Milchladen an der Ecke gegenüber der Grundschule ging. Dann hatten die anderen Kinder ihre Einkäufe getätigt und das Geschäft war wieder so gut wie leer. Er läuft also hin, geht die drei Treppen zur Eingangstüre hoch und öffnet sie. Die kleine Glocke über der Tür bimmelte und kündigt sein Kommen an. Im Laden stehen zwei Frauen mit ihren Milchkannen an und unterhalten sich mit der Verkäuferin. Michael stellt sich brav als dritter in die Reihe und wartet geduldig, bis er dran ist. Die erste Frau in ihrer kurzen Warteschlange stellt ihre Kanne auf die Ladentheke und die Verkäuferin, Frau Schneider heißt sie, füllt sie mit Milch aus einem sehr großen Behälter, indem sie einen langen Hebel immer wieder von oben nach unten bewegt. Bei jedem Druck nach unten spritzt ein Schwall Milch aus dem Hahn und so füllt sich die Kanne der Frau langsam. Die Damen schwatzen und schwatzen. Michael wird ungeduldig. Er tritt von einem Bein auf das andere und sieht aus dem Schaufenster auf die Straße. ›War die Pause schon zu Ende?‹ denkt er bei sich. Als Achtjähriger hat man nicht unbedingt ein besonders ausgeprägtes Zeitgefühl. Nun, während er so vor sich hin grübelt, wird er von jemandem angesprochen. Er bekam es erst nicht mit, aber dann hört er seinen Namen. »Michael, was möchtest du denn haben? Wie immer einen Becher Milch und eine Capri-Sonne?«
»Ja. Danke Frau Schneider, sie wissen immer schon, was ich haben möchte. Das ist toll.« Frau Schneider lächelt über diese Worte, die sie schon öfter von Kunden gehört hat. Irgendwie denken und sprechen Menschen immer das Gleiche, obwohl doch jeder ein ganz eigenes Leben hat. Michael bezahlt seine Sachen als es bimmelt und ein Mann um die sechzig hereinkommt. Er sagt: »Guten Tag«, und schaut sich im Laden um. Frau Schneider hebt den Kopf, nachdem sie das Geld des Jungen in die Kasse gezählt hat und sieht in die Richtung des Mannes. Michael schaut den Herrn an, der gerade hereingekommen war, und reißt erstaunt die Augen auf.
Er denkt: ›Was ist das denn?‹, und beobachtet die Szene, die sich nun abspielt mit immer größer werdendem Staunen. Der Mann drehte sich in Richtung der Verkäuferin und als sich ihre Blicke treffen, weiten sich auch seine Augen. Er wird blass und es bilden sich in atemberaubender Geschwindigkeit Schweißperlen auf seiner Stirn. Er taumelt und muss sich festhalten. Michael stürzt zu ihm und hält ihn fest, damit er nicht umfällt. Das ist nicht leicht, aber der Mann ist nicht sehr groß , etwa 165cm und auch nicht dick, daher gelingt es ihm glücklicherweise, ihn aufrecht zu halten. »Danke«, sagt der Alte, »ich muss hier sofort raus.« Er geht unsicheren Schrittes zur Tür und verlässt den Laden. Michael sieht Frau Schneider verständnislos an, doch die zuckt nur mit den Schultern und so verlässt auch er das Milchgeschäft.
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Er geht gerade die drei Stufen runter, als er den Mann mitten auf der Straße stehen sieht. Ein Auto fährt auf ihn zu und der Fahrer scheint den Mann überhaupt nicht zu sehen. Michael lässt seine Einkäufe fallen und rennt los. Er springt auf den Mann zu und schubst ihn so stark an, dass dieser nach vorne stolpert und auf dem gegenüberliegenden Gehweg zu Fall kommt. Der stürzt schwer hin und schlägt sich den Kopf an der Stange eines Straßenschildes blutig. Er fällt hin und bleibt liegen. Der Fahrer des Autos legt eine Vollbremsung hin, Reifen kreischen und der Geruch von verbranntem Gummi liegt in der Luft. Doch für Michael kommt die Reaktion zu spät. Er wird von dem Fahrzeug erfasst und über die Straße geschleudert. Der Junge überschlägt sich mehrmals und bleibt blutüberströmt regungslos liegen.
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