Julia atmete tief durch und warf das Diktiergerät in den Ablagekorb auf ihrem Schreibtisch. Jetzt hatte sie sich einen Kaffee verdient. Sie füllte ihre Tasse mit der schwarzen Flüssigkeit und nahm einen Schluck davon. Während sie langsam die Tasse leertrank, wanderten ihre Gedanken zurück zu der Zeit, als alles begonnen hatte.
Geboren und aufgewachsen war Julia, ebenso wie ihre älteren Geschwister Max und Caro, in Ballenbach, einem kleinen Ort am Rande des Schwarzwalds. Alle drei hatten eine unbeschwerte Kindheit verbracht.
Schon damals, in ihrer Kinder- und Jugendzeit, war Verena Schneider ihre beste Freundin. Sie wohnte nur ein paar Häuser von Julia entfernt, zusammen mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Brüdern.
Beide hatten nach der Grundschule das Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Ballenberg, dem nächstgrößeren Ort besucht, an dem sie auch beide das Abitur machten. Julia war mit einem Schnitt von 1,2 Jahrgangsbeste gewesen.
Schon immer waren sie unzertrennlich gewesen, hatten in ihrer Pubertät zwar den einen oder anderen Freund aber keine von beiden interessierte sich wirklich für Jungs. Sie waren lieber zusammen und unterhielten sich stundenlang oder hörten Musik.
Während ihres letzten Schuljahres hatte Julia beschlossen, Rechtsmedizinerin zu werden, weil sie dieses Gebiet sehr interessierte und auch faszinierte. Verena wollte Journalistik studieren.
Sie hatten gehofft, dass sie beide in der gleichen Stadt studieren könnten, aber daraus wurde nichts. Verena bekam einen Studienplatz an der Journalismus-Schule in Stuttgart, während Julia zum Studium nach Ulm musste.
In dieser Zeit stellten beide, unabhängig voneinander fest, dass sie die jeweils andere sehr vermisste und sich nach ihr sehnte, obwohl keine der beiden wusste, warum, oder es sich nicht eingestehen wollte.
Anfangs konnten sie an den Wochenenden noch etwas Zeit miteinander verbringen doch schon bald forderte das Studium ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit und so zog Julia in eine kleine Wohnung auf dem Campus in Ulm, während Verena in Stuttgart wohnte.
Verenas Studium dauerte sieben Semester, war also wesentlich kürzer als das von Julia, das letzte war ein Auslandssemester. Danach hatte sie ihren Bachelor of Arts in der Tasche.
Das Klingeln des Telefons unterbrach Julias Gedanken und holte sie in die Gegenwart zurück. Sie sprach kurz mit ihrem Kollegen aus der Forensik, dann widmete sie sich wieder ihren zuvor unterbrochenen Gedanken.
Eines Tages stand Verena vor Julias Tür. Sie sah übernächtigt und blass aus.
„Verena, was machst du denn hier? Komm rein. Ist etwas passiert?“
Verena schüttelte den Kopf.
„Du weißt, dass ich mein letztes Semester hinter mir habe. Jetzt kommt noch das Auslandssemester, das bedeutet, ich muss ein halbes Jahr ins Ausland gehen. Ich will aber nicht weg.“
Julia war blass geworden.
„Aber das ist doch bestimmt interessant“, meinte sie dann zögernd.
„Wenn ich ins Ausland gehe, werden wir uns ein halbes Jahr lang nicht sehen. Das sind sechs Monate. Willst du das?“
„Natürlich will ich das nicht. Aber wenn es zum Studium gehört, dann musst du es machen. Sonst bekommst du eventuell deinen Abschluss nicht. Warum willst du denn nicht weg?“
Verena sah Julia lange aufmerksam an.
„Es ist deinetwegen“, sagte sie dann.
„Meinetwegen?“, fragte Julia.
„Ja, ich … ich … ich liebe dich, Julia. Schon immer.“
Jetzt brach Verena in Tränen aus.
„Ich musste es dir einfach sagen, auch wenn du meine Gefühle vielleicht nicht erwiderst.“
Sie stand auf und ging zur Tür.
Julia war es bei ihren Worten heiß und kalt geworden und schlagartig wurde ihr klar, dass sie dasselbe für Verena empfand, es aber all die Jahre verdrängt hatte.
„Wo willst du hin?“
„Ich bin nur gekommen, um dir das zu sagen.“
Julia schaute zu ihrer Freundin, die mit hängenden Schultern an der Tür stand und eine Welle von Zärtlichkeit überschwemmte sie. Sie durfte Verena jetzt nicht gehen lassen sonst würde sie es ewig bereuen.
„Verena, bitte bleib hier. Ich liebe dich auch. Ja, schon seit ich denken kann. Bisher habe ich es mir nicht eingestanden, aber jetzt, wo du weggehst, weiß ich es sicher.“
„Wirklich? Du sagst das nicht nur so?“
„Du solltest mich so gut kennen, Verena, dass ich, was Gefühle anbelangt, so etwas nicht einfach nur so sage.“
Verena schaute erst noch ein wenig überrascht, dann fielen sie sich in die Arme und weinten zusammen. Vor Erleichterung, vor Glück. Ihre Lippen suchten und fanden sich und schließlich küssten sie sich. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten. Es wurde ein langer und sehr intensiver Kuss.
„Jetzt geht es mir besser“, sagte Verena, nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten.
„Bleib heute Nacht hier, bei mir, es ist Wochenende.“
Eine Stimme, die sie kannte, riss Julia aus ihren Gedanken in die reale Welt zurück.
„Kannst du mir schon etwas über die Todeszeit sagen?“
„Caro, ich habe dich gar nicht kommen hören.“
„Das habe ich gemerkt. Sag mal, träumst du?“
Prüfend sah Caro ihre Schwester an.
„Nein, nein“, sagte Julia lachend, „ich mache nur eine kleine Pause und lasse meine Gedanken etwas schweifen. Also, wie kann ich dir helfen?“
„Kannst du mir schon etwas über die Todeszeit sagen?“, wiederholte Caro ihre Frage.
„Wieso interessiert dich das?“
„Weil ich den Fall bearbeite.“
„Nicht Paul Wagner?“
Caro lachte. „Ach, das weißt du ja noch gar nicht. Paul Wagner ist in den Ruhestand gegangen und ich wurde zu seiner Nachfolgerin ernannt. Ich bearbeite nun diesen Mordfall, der gestern geschehen ist. Du hast ihn doch obduziert, oder nicht?“
Fragend schaute Caro ihre Schwester an. Julia nickte und kramte die Unterlagen hervor.
„Die Todesursache ist Erstechen, ein einziger Stich, der aber genau ins Herz ging. Der Mann war sofort tot. Der Täter muss großes Geschick im Umgang mit Stichwaffen haben.“
„Warum?“
„Normalerweise trifft man mit einem einzigen Stich nicht gleich das Herz. Jedenfalls nicht tödlich. Dieser Stich wurde präzise geführt, so als ob der Täter genaue Kenntnisse hätte, wo er ihn setzen muss.“
„Du meinst, er ist ‚vom Fach‘?“
„Es muss jemand sein, der anatomische Kenntnisse hat, z.B. ein Arzt oder ein Chirurg. Aber auch ein Metzger oder jemand, der Tiere zerlegt, käme in Frage.“
„Und die Tatwaffe?“
„Kein haushaltsübliches Messer. Die Einstichwunde ist sehr schmal, scharf und glatt. Ich würde auf ein Skalpell tippen, aber das ist meine private Meinung.“
„Kannst du etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“
„Den kann ich bis auf zwei Stunden eingrenzen. Todeszeitpunkt war zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh.“
„Na gut, wenigstens etwas.“
„Hast du schon einen Anhaltspunkt, wer ihn ermordet haben könnte? Und warum?“
„Nein, da tappe ich noch vollkommen im Dunkeln.“
Caro sah sich im Raum um.
„Hier zu arbeiten wäre nichts für mich. Da fühlt man sich ja wie ein Maulwurf unter der Erde. Macht dir das nichts aus?“
„Man gewöhnt sich daran. Dieser Arbeitsplatz ist so gut wie jeder andere. Ich möchte nicht in einem Büro sitzen und nur Papier vor mir haben.“
„Na, dann hat ja jede von uns den richtigen Beruf ergriffen. Übrigens, dein Chef, Dr. Ritter, hat mich gefragt – als er meinen Namen gehört hat, ob ich mit Julia Sommer aus der Pathologie verwandt sei. Er war sehr zufrieden, als ich ihm das bestätigt habe.“
Julia lachte.
„Da hat er wieder etwas, worüber er nachdenken kann. Wenn meine Kollegen dir über den Weg laufen, werden sie versuchen, dich auszuquetschen.“
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