„Schade“, kommentierte Eva.
„Was ist daran schade?“, wollte ich wissen.
„Das heißt, er ist bestimmt schwul. Ist dir noch nie aufgefallen, dass schwule Männer immer die besten Schuhe und die schönsten Krawatten tragen?“
Annelieses Mann, Günther, hatte ein Architekturbüro, und wenn seine Häuslebauer eine weitergehende Beratung wünschten, was die Innenarchitektur ihrer zukünftigen Eigenheime betraf, kümmerte sich Anneliese um sie. Die beiden waren ein gutes Gespann, und nicht nur auf geschäftlicher Ebene. Anneliese war die Älteste von uns sechs Damen. Sie war seit knapp dreißig Jahren verheiratet, hatte zwei erwachsene Kinder und seit kurzem den ersten Enkel. Auf dem Feld der Ehe war sie gewissermaßen ein alter Hase und ihre ehetechnischen Ratschläge wurden von uns allen sehr geschätzt. Ich wusste nicht, wie es den anderen erging, doch ich beneidete Anneliese nicht selten um ihre gute Ehe. Unverhohlen nahm ich meine Freundin in Augenschein. Sie war eine Frau, die man gerne anschaute. Anneliese hatte aparte Gesichtszüge: Mandelförmige dunkle Augen, einen grauen Kurzhaarschnitt, wobei sie die Haare um das Gesicht herum etwas länger trug, und herzförmige, grell geschminkte Lippen, damit sie mit den grauen Haaren nicht zu farblos aussah, wie sie mir einmal sagte. Sie hatte jede Menge Falten um die Augenpartie, dass sie viel und gerne lachte, konnte man ihr ansehen. Hingegen über der Oberlippe, zwischen Mund und Nase runzelte sich nichts. Als sie mir den Teller mit den Nüssen hinhielt, konnte ich es genau sehen. Hatte Anneliese uns nicht ständig von ihrem gesunden Sexleben erzählt? Und wie gerne sie sich in den Bauch ihres Mannes kuschelte, auch noch nach dreißig Jahren Ehe? Nun, zugegebenermaßen vom in-den-Bauch-kuscheln konnte man keine Blow-Job-Falten bekommen. Verstohlen musterte ich die Oberlippenpartien der anderen Damen. Nein, keine hatte solche Falten wie ich. Nicht einmal Frauke, die noch bis vor kurzem geraucht hatte.
„Wenn wir heute Abend Forellenfilets mit Sahnesößchen machen wollen“, wandte sich Trudi an Frauke, „müssen wir bald mal zu dieser Forellenräucherei fahren, von der du gesprochen hast.“
„Mädels, wer will heute Abend kochen?“, fragte Eva und blickte in die Runde.
Sie erntete Schweigen.
„Ist einer dafür, dass wir Essen gehen?“, fragte ich.
Klaus und ich gingen sehr selten in ein Restaurant. Nur wenn es etwas zu feiern gab wie unseren Hochzeitstag oder Geburtstage. Das restliche Jahr über kochte ich. Heute konnte Klaus bezahlen. Das Letzte, auf was ich im Moment Lust hatte, war mich in die Küche zu stellen. Ganz abgesehen davon, mochte ich Fisch sowieso nicht besonders.
„Trudi, du würdest gerne kochen, nicht wahr?“, stichelte Frauke.
„Ich? Wer sagt das?“
„Gut, wir gehen aus. Beschluss einstimmig angenommen“, lachte Anneliese. „Aber zuerst trinken wir die Sonne hinter die Hügel, was meint ihr?“ Sie hielt ihr Glas gegen die Sonne, begutachtete seinen orange-rot funkelnden Inhalt, schloss die Augen und nahm einen genießerischen Schluck. Auch Stephanie erhob ihr Glas.
„Auf euch, meine Freundinnen!“
„Auf unser Wochenende“, stimmte Frauke ein.
„Auf die supertolle Unterkunft und die supersuperschöne Umgebung“, ergänzte Trudi und prostete den waldbestandenen Hügeln zu.
Trudi machte gerne und oft Komplimente, in denen sie oft auch gerne übertrieb, doch dieses Mal traf sie den Nagel auf den Kopf. Hinter dem Schwimmbecken erstreckte sich bis zu den Hügeln eine Obstbaumwiese. Andere Häuser waren keine zu sehen. Es waren alte Bäume, schief und verwachsen, deren Stämme vom flirrenden Sonnenlicht und dem Schatten ihrer Äste verschluckt wurden. Sie standen weit auseinander, mit dazwischen viel Platz zum Im-Gras-Liegen und Träumen.
Ganze Nachmittage lang hatte ich unter dem riesigen Birnbaum im Garten meiner Großmutter im langen Gras gelegen, hatte dem aufgeregten Summen der Wespen zugehört, den süßlichen Geruch der verwesenden Birnen eingeatmet und mir gewünscht, Friedrich würde neben mir liegen. Friedrich meine erste große Liebe, ich war damals vierzehn gewesen, er sechzehn. Anstatt unsere Englisch- und Mathehausaufgaben zu machen, hatten wir stundenlang in seinem verdunkelten Zimmer auf einer Matratze am Boden gelegen, uns Joe Cocker, Tina Turner oder U2 angehört und uns langsam, zärtlich, Zentimeter für Zentimeter an unseren Körpern tiefer gearbeitet. Was ich schließlich zwischen seinen Beinen entdeckt hatte, fand ich unermesslich groß. Um es in den Bereich des Ermessbaren rücken zu können, hatte ich ein Lineal aus meiner Schultasche geholt. Ich hatte keine Ahnung wie dieses lange Ding in mich hineinpassen sollte. Wenn ich an Friedrich dachte, wunderte ich mich immer wieder, wie rein und unschuldig unsere Liebe gewesen war. Erst als sich die Erwachsenen eingemischt hatten, und meine Mutter mich zu ihrem kurz vor der Pensionierung stehenden Frauenarzt geschleppt hatte, wurde sie durch den Schmutz gezogen, und ich begann mich schuldig zu fühlen. Der alte Arzt in seiner knöchellangen, weißen Kutte hatte mir mit strengem Blick zu verstehen gegeben, was ich da mit Friedrich trieb, wäre in meinem Alter wirklich eine Schande.
„Ich kann nichts mehr trinken. Ihr wisst, wie wenig ich vertrage.“ Eva schlenderte zum Pool-Rand. „Ich glaube ich muss mich abkühlen, auch wenn die Gesprächsthemen noch nicht echt heiß sind“, kicherte sie, reichte in einer eleganten Geste in den Pool, schöpfte Wasser, das ihr sofort zwischen den rot lackierten Fingern davon rann, und tröpfelte ein paar Tropfen zwischen ihre perfekt geformten Brüste.
„Gehst du mit oder ohne Bikini schwimmen?“, fragte Frauke und verfolgte den Lauf der glitzernden Tropfen auf Evas Dekolleté.
Evas Brüste hatten auf einen Mann dieselbe Wirkung wie das neunte Bier auf einen Alkoholiker – vollkommen berauschend und er wollte mehr haben. Ich hatte schon erlebt, wie ihr wildfremde Männer, die sie auf einer Party kennen gelernt hatte, Heiratsanträge gemacht hatten. Zugegeben sie hatten bei alledem ihren Blick kaum aus Evas Ausschnitt heben können, doch ihre Absichten, so hatte ein jeder beteuert, wären durchaus ehrlich. Klaus hatte so seine eigene Meinung über Evas Titten: Boobjob, aber absolut geil. Er als ‚boobie-man‘ könne das sofort sehen, meinte er. Wahrscheinlich hatte Klaus Recht. Eva hatte sich uns gegenüber bisher noch nicht geoutet. Über die Echtheit ihrer Brüste wurde jedoch fortwährend spekuliert. Die Reaktionen der Damen reichten von Neid, über Mitleid bis hin zu Wut. Ja, ich musste zugeben, Evas stets bestens in Szene gesetzte Titten machten mich manchmal wütend. Sie heizten die Männer an. Sie setzten ihnen ein Idealbild in den Kopf, an denen meine Brüste gemessen wurden. Ihre Titten machten Eva zu einem Sexsymbol. In den Phantasien der Männer, Klaus nicht ausgeschlossen, wurde sie zur Sex-Göttin, da sie, verheiratet und treu, wie sie war, für sie unerreichbar war. Meine Titten mussten halten, was Evas versprachen. Und wer hatte die Falten über der Lippe? Die hatte ich. Und Eva? Die hatte einen flotten Spruch auf den Lippen und Titten, hinter denen sie sich verstecken konnte. So sah ich das jedenfalls.
Die Damen beschlossen schwimmen zu gehen. Selbstverständlich behielt Eva ihren Bikini an und die anderen auch. Ich hasste nasse Badeanzüge, ganz zu schweigen von der Zurschaustellung meiner zu breiten Hüften und der beginnenden Zellulitis auf meinen zu dicken und zu weißen Oberschenkeln. Ich entschied mich später, in der schützenden Dunkelheit ins Wasser zu gehen und verzog mich in den Schatten der Pergola. Frauke versuchte Wasser in meine Richtung zu spritzen.
„Was ist los, Katrin, hast du deine Tage?“, neckte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf. Offensichtlich war Frauke momentan entfallen, dass ich seit über zwei Jahren keine Gebärmutter mehr hatte, und dass ‚meine Tage‘ den Tagen der Vergangenheit angehörten. Wo sie mich erst letzthin im Vertrauen gefragt hatte, wie das für Klaus so wäre, seit das da am oberen Ende zugenäht war. Ihr Frauenarzt würde ihr wegen ihrer starken Monatsblutungen nämlich bereits seit längerem zu einer Entfernung der Gebärmutter raten. Aber ihre derzeitigen Lebensberater, die holistische Ärztin, die Fußreflexzonenmasseurin und ihre buddhistische Wahrsagerin würden ihr davon abraten. Die Wahrsagerin hätte übrigens ihren Hund erfolgreich von seinem Schilddrüsenleiden kuriert. Seitdem wäre er zwar zum Vegetarier geworden, aber es gäbe Schlimmeres für einen Hund, oder nicht, hatte sie gelacht.
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