„Er hätte es so einfach haben können“, wiederholte Jutta neben mir und griff die Unterhaltung genau an der Stelle auf, wo sie Minuten zuvor unterbrochen worden war.
Eine Fähigkeit, die sich Mütter wie Jutta in jahrelangen Kinderspiel- und Kaffee-Treffen erwarben.
„Ich weiß nicht, wie das bei dir und Klaus ist. Sven hat nie die Geschirrspülmaschine ausgeräumt, nie freiwillig angeboten zu kochen, oder den Wochenendeinkauf zu machen. Alle diese Dienstleistungen hat er mir überlassen. Tagtäglich habe ich mich nach der Arbeit um 12 Uhr abhetzen müssen, um die Kinder rechtzeitig vom Kindergarten und der Schule abzuholen. Er ist dazu nie fähig gewesen, obwohl er in seinem Büro eine einstündige Mittagspause gehabt hat. Ich habe nie eine Verschnaufpause gehabt. Und abends im Bett hat er sich gewundert, dass der Jutta-Dienstleistungsbetrieb müde war.“ Jutta schnaubte auf. „Zweifelsfrei war ich auch müde vom Tag, aber hauptsächlich kam ich mir, wie soll ich sagen, ausgenutzt vor, verstehst du?“
Ihre kornblumenblauen Augen füllten sich mit Tränen. Ich nickte. Sagen konnte ich nichts. Jutta hatte da etwas sehr präzise, um nicht zu sagen erschreckend präzise, auf den Punkt gebracht.
„Und wieso meinst du, er hätte es so einfach haben können?“, fragte ich tonlos.
Jutta atmete tief ein.
„Hätte er weiter nichts als abends, nach dem Essen öfter mal die Küche aufgeräumt, am Wochenende kurz die Kinderzimmer durch gesaugt, oder eben nur ab und zu einen Strauß Blumen nach Hause gebracht, ich kann dir versichern, ich hätte ihm mit dem größten Vergnügen jeden Abend einen geblasen.“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen, denn ‚einen blasen‘ gehörte definitiv nicht zu Juttas Wortschatz. Jutta erhob ihr Weinglas.
„Auf die Männer und wie einfach sie es im Grunde genommen mit uns Frauen haben könnten!“
Sie lächelte trotzig und hielt mir ihr Glas entgegen. Zögernd stieß ich mit ihr an. Konnte es sein, dass Jutta Recht hatte? Könnten Sven und Klaus es so einfach haben? Könnte alles so einfach sein? Gab es am Ende eine Möglichkeit das Muster zu durchbrechen?
Und genau dort, an Juttas Holztisch, beim Beobachten der ständig wechselnden, von Sonne und Schatten auf die Tischplatte gezauberten Muster, entschied ich mich, mein Muster zu durchbrechen. Noch heute Abend, dem dritten Abend, würde ich mit dem ersten Erproben von Juttas Theorie beginnen. Beschwingt erhob ich mein Glas.
„Du hast Recht, das war das Öffnen einer Flasche Wein wert.“
„Nun, das war eigentlich nicht der einzige Grund.“ Jutta lächelte verschmitzt. „Ich wollte dir noch etwas Anderes erzählen.“
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Thorsten erschien in der Terrassentür.
„Mama, komm schnell, der Fußboden ist ganz nass, da ist ganz viel Wasser im Bad!“
Jutta wäre gerne unserem Buchclub beigetreten. Nicht dass sie nicht zu den anderen fünf Damen gepasst hätte. Auch hatte niemand von uns etwas gegen geschiedene Frauen. Ich wusste, die eine oder andere der Gruppe sympathisierte gar mit Juttas Situation. Zumindest hätte die zu Hause keinen Kerl, der dauernd aus dem Fenster springen wollte, hatte Eva, unsere Reisekauffrau, einmal kommentiert und sich damit lakonisch auf die Depressionen ihres Mannes bezogen. Juttas Problem waren die Bücher. Was wir lesen würden, meinte sie, das wäre ihr viel zu bedrückend. Wir sollten ihr Bescheid sagen, wenn wir mal was Lustiges hätten, dann würde sie gerne kommen.
Nachdem wir die Walser-Reihe abgeschlossen hatten, begannen wir an einer Klavier-Reihe. Die Idee stammte von Frauke, unserer Rechtsanwaltsgehilfin. So lasen wir also ‚Der Klavierspieler‘, ‚Die Pianistin‘ und endeten mit ‚Der Klavierlehrer Ihrer Majestät‘. Bei dieser letzten Buchbesprechung lauschten wir dem wohltemperierten Klavier von Bach. Wir waren stolz darauf, einem Buchclub der gehobenen Klasse anzugehören. Konkret hieß das, jemand aus der Gruppe schlug ein Buch vor, es wurden drei Exemplare angeschafft, die wir sechs uns zum Lesen teilten, und einmal im Monat trafen wir uns, um das Buch zu besprechen. Dabei konnten unsere literarischen Gespräche recht lange dauern. Unser Rekord lag bei einer Stunde und circa fünf Minuten. Und wenn man einmal davon absah, dass die Diskussionen in aller Regel nur von zwei Drittel der Damen getragen wurden, während die anderen andauernd in Themengebiete wie neue Kosmetikreihen, missglückte Friseurbesuche und dergleichen abschweiften, war das eine ziemlich gute Ausbeute. Wir wären Querbeet-Leserinnen, hatte Trudi, unsere Gärtnereiinhaberin, einmal sehr treffend gemeint. Wir hatten nichts gegen Autorinnen wie die Jelinek, wenigstens die meisten von uns nicht. Und auch bei einem zweihundert Jahre alten Weltbild wie das der Sophie von La Roche gelang es uns, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Wir hatten ein paar ausgemachte Uwe-Timm-Fans in der Gruppe, andere hatten eine besondere Affinität zu holländischen Schriftstellern wie Leon de Winter und Maarten ‘t Haart, Walser fanden alle gut, manchmal lasen wir auch etwas ins Deutsche Übersetztes von Coetzee, McEwans oder Hosseini, und gelegentlich warfen wir auch einen Klassiker von Fontane oder Lessing ein, und manchmal durfte es auch Goethe sein.
Zweimal im Jahr nahmen wir uns die Freiheit, Mann und Kinder Take-away- und Tiefkühlkost zu überlassen, um für ein Buchclubwochenende wegzufahren. Dieses Mal hatte Anneliese, unsere Innenarchitektin, ein altes Gehöft am Rande eines malerischen, kleinen Örtchens inmitten von elsässischen Weinbergen angemietet. Außerdem hatte sie von einer Überraschung gesprochen. Die Vermutungen der Damen variierten von einem eigens engagierten Stripper (Eva), über einen Fünf-Sterne-Koch (Trudi), mitternächtlichem Nacktschwimmen der sechs Elfen im örtlichen Feuerwehrsee (Frauke), einer Gastsprecherin zum Thema ‚Der kosmetische Facelift‘ (von unserer Dermatologin Stephanie) bis hin zu einem Überraschungsbesuch unserer Männer (ich). Klaus war in den letzten drei Tagen krank, zu krank für Sex gewesen. Und wie er mitbekam, dass ich dieses Mal wegen der längeren Anfahrt bereits am Freitagnachmittag gehen würde, machte er ein Gesicht, als würden ihm sämtliche Felle davon schwimmen, und im Besonderen das am oberen Ende meiner Beine.
Das Gehöft bestand aus drei eingeschossigen, u-förmig um einen Hof herum gruppierten Häusern. Die alten, schiefen Steinplatten in ihrer Mitte grenzten vor dem linken Haus an ein Blumenbeet, vor dem rechten an ein Kräuterbeet. Im linken Beet wuchsen wie in einem echten Bauerngarten alle erdenklichen Sommerblumen wild durcheinander. Er bot einen so bunten Anblick wie die Farbpalette eines Malers kurz vor dem Feierabend. Wicken, Sommerastern, Margeriten, Kornblumen und Nelken, die einen besonders würzigen Geruch verströmten. Rechts, im Kräuterbeet wucherten Schnittlauch, Petersilie, Basilikum, Minze, Zitronenmelisse, Zitronenverbene und etwas das ein bisschen wie Sellerie aussah, aber eine bizarrere Blattform hatte. Vor dem mittleren Haus standen zwei beige Zement-Töpfe, groß wie Traktorräder, mit rotem Oleander. Die Mitte des Hofes wurde von einer Pergola überdacht. Die quadratische Holzkonstruktion verschwand nahezu gänzlich unter Weinranken. Auch an einem heißen Tag wie heute würden sie an dem langen Holztisch mit seinen zwei Holzbänken im Schatten sitzen. Von dort führten zwei breite Sandsteinstufen zur Poolebene hinab. Das ovale Schwimmbad war nicht groß, nicht länger als sieben Meter, doch zum Plantschen und Abkühlen würde es reichen. Was früher einmal Ställe und was Bauernhaus gewesen war, ließ sich von außen nicht mehr erkennen. Das Gebäude war bis zur Unkenntlichkeit renoviert worden, nur wenn man das Holzfachwerk genauer betrachtete, sah man, dass es sich um Jahrhunderte alte Bausubstanz handelte.
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