Strom gab es auch. Aber nicht in schier unendlicher Menge. Telefone und Fernseher waren ein Stück weit verbreiteter als Autos und Flugzeuge. So kam es vor, dass sich Menschen trafen um gemeinsam die Nachrichten vor einer kastenförmigen Flimmerkiste in schwarz-weiß zu schauen oder zum Nachbarn gingen um ein Telefonat zu tätigen. Doch die meiste Zeit wurde über weite Strecken mit Brieftauben, Raben oder Postschiffen und -kutschen kommuniziert.
Gezahlt wurde auf dem ganzen Erdball mit der einheitlichen Währung der Goldmarkmünzen. So etwas wie Geldscheine gab es nicht. Es wurde bevorzugt Papier lieber mit anderen, sinnvolleren Dingen, zu beschreiben.
Gesprochen wurde weltweit nur eine einheitliche Sprache, namens Gak. So gab es zumindest keine sprachliche Barriere, die für eine fehlgeschlagene Kommunikation verantwortlich gewesen wäre.
Millenniumsnacht,
Eisland
Die Geschichte begann mit dem letzten Tag jenen Jahres. Emil Siegfriedsson, der einen langen rotgrauen Bart im Gesicht trug, mochte Silvester nicht. Man könnte gar behaupten, dass er es hasste.
Ein Teil der Leute wurde an diesem besonderen Tag schwerfällig, weil ihnen just dann immer wieder bewusst wurde, dass das Leben vergänglich war. Dass Sommer zu Winter, dass neu zu alt und Leben zu Tod wurde. Das mochte Emil Siegfriedsson nicht. Der andere Teil der Leute, der nicht schwerfällig wurde, drehte an diesem besonderen Tag im Jahr vollkommen durch. Sie schossen Unmengen an Goldmarkmünzen in die Luft um sie dann als Raketen in bunten Farben vom Himmel regnen zu lassen. Oder sie warfen Knaller in Menschenmengen und erfreuten sich am Schreck der anderen. Auch das mochte Emil Siegfriedsson nicht.
An jenem Silvestertag schienen die Leute entweder noch schwerfälliger zu sein oder noch mehr durchzudrehen. Schließlich war es ein besonderes Silvester – das Millenniumssilvester, in dessen Nacht ein neues Jahrtausend eingeläutet wurde. Wenn man nun das Datum schreiben würde, begann man die Jahresangabe mit einer neuen Zahl. Nicht jedem Menschen ist es vergönnt dieses Ereignis in seinem irdischen Dasein mitzuerleben. Vielleicht waren viele Erdenbewohner deshalb so aufgewühlt und aufgeregt. Emil Siegfriedsson war es nicht.
Um die Ruhe nicht zu verlieren, beschloss Emil Siegfriedsson seine Wohnung in der kleinen Stadt Rauchbucht zu verlassen und zu seinem Ferienhaus mitten auf dem Land der Insel Eislands aufzubrechen.
Eisland war eine mittelgroße Insel im Nordmeer, im hohen Norden des Erdballs. Die Sommer waren von kurzer Dauer, aber großer Intensität. Denn im Sommer ging die Sonne nicht unter und es war rund um die Uhr hell. In dieser kurzen Periode musste alles gedeihen um im darauffolgenden Jahr wieder sprießen zu können. Denn die Winter waren umso härter. Im Winter schien die Sonne lediglich für wenige Stunden am Tag und es war noch viel kälter als es im Sommer eh schon war. Meist fiel Schnee in dicken Schichten und es stürmte oft. Die Pflanzenwelt war karg. Die vielen Berge waren entweder von grünem Moos überzogen oder es fehlte gleich an jedwedem Bewuchs, sodass man einstweilen denken konnte, man befände sich auf dem Mond. Überall sprudelte und brodelte es aus heißen Quellen. Rauch stieg gen Himmel auf. Viele Eisländer nutzten jene Quellen um ein heißes Bad in der kühlen Landschaft zu nehmen, sich aufzuwärmen und mit Landsleuten zu plauschen. Bäume wurden kaum größer als die größten Bewohner Eislands. Dennoch verbreitete gerade diese Schlichtheit immense Schönheit.
Für den Alltag war die kleine Wohnung von Emil Siegfriedsson sehr gut geeignet. Sie lag direkt in der belebten Einkaufsstraße Rauchbuchts. Nur wenige Schritte über die Treppenstufen aus dem zweiten Stock hinab und Emil Siegfriedsson konnte seine Einkaufstüten im nahegelegenen Laden füllen, konnte einen Tee in einem Café trinken und mit Bekannten plauschen.
Doch an jenem Silvestertag war ihm in der Nähe seiner Wohnung zu viel Trubel und Heckmeck. Er packte eine Reisetasche und marschierte zu seinem Auto, welches ein Stück fernab seiner Unterkunft stand. Emil Siegfriedsson war einer der wenigen Menschen auf Eisland, der ein Auto besaß. Aber auch nur, weil er es sich selbst zusammengeschustert hatte. Er war nämlich ein findiges Kerlchen.
Es war vier Uhr nachmittags und wie gewöhnlich zu dieser Jahreszeit schon dunkel. Eingehüllt in dicken Winterjacken, mit Pudelmütze, Schal und Handschuhe tummelten sich bereits zu dieser Tageszeit viele Menschen auf der Straße. Einige suchten ein Lokal auf um die Zeit des Wartens bis Mitternacht zu überbrücken. Wieder andere bereiteten schon ganz minutiös ihre Feuerwerkskörper vor um die Leute und sich selbst zum Staunen zu bringen. Es herrschte Gewusel und Gemurmel.
Emil Siegfriedsson boxte sich durch die Menschenmenge und musste, als er endlich in seinem Auto saß, einmal tief durchatmen. Er fuhr sich mit seiner Hand über sein faltiges Gesicht. Er mochte Menschen – keine Frage. Doch mochte er nicht so viele auf einem Haufen. Er startete den Motor seines kleinen Autos, welches mit einem lauten Brummen aus dem Schlaf erwachte. Schließlich tuckerte er durch die Straßen bis zum Ortsende Rauchbuchts. Immer wieder kreuzten Kutschen, vor denen kleine Pferde gespannt waren, seinen Weg. Es war mühsam das kleine Örtchen zu verlassen und dabei keinen Unfall zu verursachen. Mochten an normalen Tagen gerade mal fünftausend Menschen in den Holzhäusern Rauchbuchts wohnen, war es an jenem Silvestertag mindestens die doppelte Menge.
Es fiel leichter Regen, den der Scheibenwischer immer wieder aufs Neue von der Frontscheibe verjagte. Emil Siegfriedsson drehte die Heizung auf und rieb sich die Hände warm. Jedes Mal wenn er auf der einzigen asphaltierten Straße der Insel lange geradeaus fuhr, ließ er seinen Blick nach rechts und links abschweifen und erfreute sich der himmlischen Ruhe der Landschaft. Moos- und grasbedeckte Hügel, die nun durch ihre nassen Tropfen im Mondschein glänzten. „So ist’s schön.“ Dachte sich der alte Mann.
Noch einige wenige Kilometer fuhr er so träumend weiter bis er um eine scharfe Kurve um einen Berg herum bog und durch grelles Licht geblendet wurde. Instinktiv schmiss er seinen Fuß auf die Bremse und hob seine rechte Hand zum Schutz vor die Augen. Das Auto quietschte und schlängelte bis es zum Stehen kam. Als erstes, nach dem plötzlichen Schreck, schaute Emil Siegfriedsson in den Rückspiegel um sich zu vergewissern, dass ihm kein weiteres Auto aufgefahren war – obwohl ein solches Szenario sehr unwahrscheinlich war. Im Rückspiegel war, wie zu erwarten, alles schwarz. Anschließend manövrierte Emil Siegfriedsson sein Gefährt an den Straßenrand und stieg aus, wobei er die Tür so leise wie möglich schloss. Er wollte kein Aufsehen erregen.
Riesige Baustrahler leuchteten eine riesige, aus großen Granitsteinen gemachte, Mauer an. Die Mauer war allerdings noch nicht fertig, so wie es Emil Siegfriedsson einschätzte, denn überall wimmelte es von emsigen Arbeitern. Kräne hievten neue große Steine hoch und platzierten sie auf die eh schon große Mauer. Es klopfte und hämmerte.
Auf einem Mal fiel Emil Siegfriedsson ein immenses Banner auf, welches dafür Werbung machte, dass hier eine neue Unterkunft für das Steinvolk entstehen würde. Das interessierte ihn. Er gehörte zu den Eisländern, die an die Existenz des Steinvolks glaubte. Folglich marschierte er Richtung Mauer.
Auf Eisland gab es den Aberglauben, welcher besagte, dass es unsichtbare Leute gab, die in Steinen wohnen würden. Das sogenannte Steinvolk oder im Volksmund auch die Unsichtbaren genannt. Um sie rankten sich unzählige Legenden und Mythen. Und nichts spaltete die Eisländer so sehr wie der Glaube an die Existenz jenen Volkes. Manche taten sie als reinen Humbug ab, andere hingegen verdienten ihren Lebensunterhalt mit ihnen, als Steinvolkkorrespondenten beispielsweise.
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