„Gehen sie zum Altar und beten sie zu Gott!“, ist die Antwort von Marcus, der aber sofort wieder von der helleren Stimme unterbrochen wird.
„Sie müssen mich zurückbringen… oder ich muss mich töten…!“
„Wohin zurück?“
„Das wissen sie doch! Euch habe ich meinen Zustand zu verdanken. Ihr habt uns abgelegt, wie Säcke voller verfaulter Kartoffel!“
„Hören sie nicht auf diese Stimme, Herr Pfarrer!“, ist wieder die voller Panik klingende Stimme der ersten Person zu hören. „Das ist das Andere in mir. Ich kann es nicht auf Dauer kontrollieren. Sie müssen mich töten! Sie als Priester wissen doch, wie man Hexen wie mich zu töten hat!“
„Bringen sie mich zurück…!“, ist sofort wieder die hellere Stimme zu hören.
„Lassen sie uns zum Altar gehen und gemeinsam zu Gott beten“, ist die seltsam klingende Stimme von Marcus zu hören und dann das Öffnen des Beichtstuhles.
Die Personen sind offensichtlich aus dem Beichtstuhl in die Kirche eingetreten.
„Kommen Sie!“, ist Marcus nur mehr leise zu hören, was sofort mit einem bestialischen Aufschrei quittiert wird:
„Sie haben mich berührt…!“, schreit die Person aus dem Beichtstuhl entsetzt auf.
Dann ist nichts mehr zu hören. Nur noch Stille!
Langsam geht der Abt zu seinem Schreibtisch zurück und setzt sich bedächtig auf seinen Stuhl und nimmt den letzten Schluck Wein aus seinem Glas.
„Was war das?“, denkt er entsetzt. „Was hat sich dann danach in der Kirche abgespielt?“
Und nach einigen Überlegungen: „Was muss sich in der Kirche für ein Grauen abgespielt haben, dass dieser Fremde unseren Marcus auf diese Weise töten musste? Was muss diese Person für ein Grauen empfunden haben, dass er sich töten lassen will! Und wohin ist dieser andere, dieser doppelte Fremde abgeblieben?“
Der Abt vermag es gar nicht, sich vorzustellen, was in der Kirche passiert, bzw. abgelaufen sein muss. Sein Mitbruder muss sich doch freiwillig diesen Kerzenständer in die Brust und genau ins Herz stoßen lassen haben. Auf dem Band waren keinerlei Geräusche zu hören gewesen, welche auf einen Kampf hinweisen könnten!
Was Schreckliches muss passiert sein, dass Bruder Marcus diesen hässlichen Tod über sich hat ergehen lassen?
War es dieses Grauen, von dem diese unbekannte Person gesprochen hat? Hat auch Marcus dieses Grauen gespürt?
Dann muss dieses Gefühl der Angst und des Grauens gewaltig sein!
Und mit einem befremdlichen Seufzer will er seine entsetzlichen Gedanken beenden.
„Es wird mir nichts übrig bleiben, als dieses Band der Mordkommission zu übergeben.“
In der Kreisstadt, im zuständigen Kommissariat der Mordkommission, haben sich der Kommissar Heinz Klose und seine Kollegin Karin Meister eingefunden.
Es ist Samstag und sie wissen beide, dass es mit diesem mysteriösen Mordfall ein Tag voller Überstunden werden könnte. Dass es sich um ein Tötungsdelikt handelte, war beiden bewusst.
„Auf jeden Fall müssen wir den Fall aufarbeiten“, beginnt Karin Meister das Gespräch, um überhaupt etwas zu sagen.
„Was bleibt uns anderes übrig?“, ist die gewollt übertriebene geschäftige Antwort von Heinz Klose.
Der ist wie meistens mit einer Jeans und seiner braunen Lederjacke bekleidet. Heinz Klose machte nie ein Hehl daraus, aus einfachen Verhältnissen zu stammen. Entsprechend einfach war deshalb sein Auftreten mit Kollegen oder in der Gesellschaft. Sein Chef fühlte sich manchmal gemüßigt, seinen Kommissar darauf hinzuweisen, in welcher Position der sich befindet.
Mit einem: „Ziehen sie sich ein gescheites Jackett an!“, seitens seines Chefs wusste der Kommissar, dass hoher Besuch anstand.
Das hieß aber nicht, daß er sich bei Diskussionen zurückhielt. Im Gegenteil! Sein Fachwissen erlaubte ihm, in allen Diskussionen seine Meinung zu äußern.
Auch Karin Meister hat ihre offenbar geliebte schwarze Lederjacke zu ihrem Rock nicht vergessen. Die Kommissarin ist seit 5 Jahren in diesem Kommissariat und zurzeit nicht liiert. Sie liebte es, in das vermeintlich schöne Leben eintauchen zu können, wenn sie in ein Theater oder eine Oper gehen konnte.
Heinz Klose sitzt bequem an seinem Schreibtisch und beobachtet die Szene in dem Büro. Dabei nicht vergessend, dass offensichtlich eine Menge Arbeit auf die beiden wartet. Der Kommissar war in dieser Dienststelle groß geworden. Und das hatte er seinem Fleiß zu verdanken, das wusste er.
Karin Meister hat bereits den obligatorischen Kaffee gemacht. Nicht, weil sie es musste. Aber Heinz Klose mochte es irgendwie, wenn seine Kollegin sich im Amtszimmer bewegte.
Und er hatte auch in Gedanken, dass seine Kollegin immer wieder einmal ein Glas Wein zuviel trank. Das konnte er eben wie heute feststellen, wenn ihre erste Arbeit der Kaffee war.
Heinz Klose wusste auch warum! Karin Meister hatte vor der Zeit in diesem Kommissariat einen Kindesabgang gehabt. Eine Trennung von ihrem Freund war eine Folge gewesen. Eine andere Sache, dass sie einige Zeit zum Alkohol gegriffen hatte. Und sie hatte geglaubt, dass man solch ein schwerwiegendes Erlebnis verschweigen könne. Und das innerhalb der Polizei!
Auch wenn er verheiratet war sah er, dass seine Kollegin nicht nur kompetent, sondern auch anschaubar war. Und an die vielen Variationen ihrer T-Shirts hatte er sich schon lange satt gesehen! Und er dachte: Schließlich wurde man nicht blind, wenn man heiratete.
Aber zu mehr, als ein paar wohlwollende Blicke ließ er es nicht kommen. Dafür schätzte man sich auf kollegialer Ebene. Und der Kommissar wusste, dass zu enge persönliche Kontakte die Arbeit stören können. Darum ließ er es auch bei zwei oder drei privaten Kontakten bewenden. Die feierlichen Anlässe in der Dienststelle boten genügend Möglichkeiten für private Gespräche.
Und trotzdem wusste Heinz Klose, dass diese kompetente Kollegin diese seine Dienststelle verlassen wird, sobald sie eine Möglichkeit ihrer Beförderung sah.
Nein, er war deshalb seiner Kollegin nicht böse. So war es eben, das Leben. Und besonders das Leben in einer Dienststelle des öffentlichen Lebens.
Er hatte sich in den letzten Jahren eindringlich mit den Menschen und dem Leben beschäftigt. Der Grund für diese Beschäftigung war, als er einmal darüber nachdachte: Warum bin ich eigentlich so wie ich bin?
Und diese Frage hatte sich schnell ausgeufert. Letztlich dachte er darüber nach: Warum ist der Mensch, so wie er ist?
Deshalb war er bis zu den Anfängen des Lebens, nein, bis zum Entstehen dieses Universums zurückgegangen. Dabei hatte sich seine Einstellung zu den Menschen und zum Glauben an einen Gott verändert.
Für ihn hatte jedwede Glaubensrichtung an Bedeutung verloren. Sicher, sein Glaube war stärker geworden. Aber das hatte nichts mehr mit irgendeiner Religion zu tun.
Für ihn beinhaltete jede Glaubensrichtung lediglich Macht, Reichtum und Ansehen für eine Gruppe von Menschen, welche es geschickt verstanden, den Glauben der Menschen an einen Gott für sich auszunutzen.
Und dann die Menschen, bzw. die Menschheit. Aber die durfte man eben nicht als das alleinige Leben auf diesem Planeten bezeichnen. Bevor das Leben zum Menschen aufstieg, gab es seit Jahrmilliarden bereits Leben auf der Erde. Und das Verhalten des Menschen war auch von diesem frühen Leben abhängig.
Zum Entstehen des Lebens auf der Erde favorisierte er die so genannte Ursuppen-Theorie, auch wenn er sich mit der Tiefseetheorie anfreunden konnte. Im Grunde war das auch egal. Die Zutaten für eine Entstehung von Leben waren jedenfalls mit den Meteoriten aus dem Universum auf die Erde gekommen.
Er hatte sich dann gedacht, dass das entstandene Leben bereits vor vielen Milliarden Jahren sich Grundeigenschaften erarbeitet hatte, welche auch in der Jetztzeit noch galten.
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