Und für einen kurzen Augenblick war es ihm so gewesen, als würde er von diesem Grauen eingenommen werden. Von einem Gefühl, einem Entsetzen, welche sich in den Augen seines Mitbruders widerspiegelten.
Denn diese Augen leuchteten seltsam und waren unnatürlich groß und weit aufgerissen, als würde irgendetwas in den Augen viel Platz benötigen.
Und dieses eingefallene Gesicht, als würde sämtliches Blut daraus entwichen.
Schnell murmelt er ein Gebet in Richtung des Kreuzes am Altar, um dieses eigenartige, böse Gefühl abschütteln zu können.
Auch nach weiterem, intensivem Schauen, kann Guido kein Blut sehen, welches doch nach einem grausamen Stich ins Herz ausgetreten sein muss.
Guido lässt es mit dem Anschauen seines toten Mitbruders geschehen. Aus den Kriminalromanen, die auch in einem Kloster gelesen werden, ist ihm bekannt, einen Tatort so zu belassen, wie man ihn vorfindet. Wegen der Spurensicherung…
„Der Stich ins Herz muss so exakt, so genau ausgeführt worden sein, dass mein Bruder augenblicklich tot war. Das Blut hatte also keine Zeit, auszutreten. Und Marcus hatte deshalb keine Zeit zu sterben.“
Guido, der 35-jährige Priester des nahen Klosters, steht auf, nestelt an seiner Soutane und zieht ein Handtelefon heraus.
„Es wird mir nichts übrig bleiben, als die Polizei zu rufen. Das hier scheint ein vorsätzlicher Mord gewesen sein. Mehr noch, ein Ritual, um einen Menschen zu töten.“
Ihm ist deutlich geworden, dass hier jemand seinen Mitbruder mit ungeheurer Kraft und erstaunlich zielbewusst, getötet haben muss.
Aber warum?
Und warum offensichtlich mit einem Ritual?
Aber wer?
Guido schüttelt bei diesen Stoßgedanken den Kopf.
„Da passt doch irgendetwas nicht zusammen!“, murmelt er verwundert. „Marcus war ein junger, durchtrainierter Mann, mit dem ich täglich Sport getrieben habe…! Und dieses schreckliche Bild in unserer kleinen Kirche zeigt mir, dass Marcus offensichtlich keine Gegenwehr geleistet hat. Mehr noch, als wollte er diese ungeheure Tat geschehen lassen.“
Als nach fast einer Stunde die zuständige Mordkommission mit Sirenengeheul die Kapelle am Kloster erreicht, ist es für Guido gerade so, als wäre bereits der Tag vergangen. Klare Gedanken waren nicht zu fassen, so dass ein Zeitgefühl gar nicht aufkommen konnte.
Seinen Abt würde er erst später berichten können. Dann, wenn die Polizei ihre Arbeit gemacht hatte.
Natürlich! Es war bereits früher Abend geworden, so dass die Kommissare nach deren Dienstschluss zuhause benachrichtigt werden mussten! Und bei solch einem lauen Frühsommerabend wollte man die Zeit auf der Terrasse oder in einem Biergarten genießen.
„Wo?“, wird Guido dann endlich von einer im Laufschritt sich nähernden männlichen Person gehobenen Alters in einer braunen Lederjacke kurz gefragt.
„Heinz Klose, Kriminalkommissar!“, wird dann schnell mit einem Ausweis zeigend angehängt.
„Karin Meister!“, schreit die zweite Person eilig, eine Frau in einer schwarzen Lederjacke, ebenfalls zu dem Priester.
„Karin!“, ruft Heinz Klose seiner Kollegin zu. „Sichere den Eingang und zeige dann dem Doktor den Weg!“
Schon nach wenigen Minuten kann die Kommissarin mit dem zuständigen Gerichtsmediziner ihren Kollegen in die Kapelle nachfolgen.
Dort sehen sie stumm und starr den Kommissar auf einer Bank sitzen und auf eine Person auf dem Boden starrend. Dabei seine Hände unter seine braune Lederjacke gestemmt. Trotz seines vollschlanken Körpers und seiner 54 Jahre, macht der Kommissar mit Jeans bekleidet, eine gute Figur.
Der Doktor hat sich während des Eintretens in die kleine Kirche bereits seinen weißen Kittel übergestreift und kann sich sofort der toten Person auf dem Kirchenboden widmen.
Er will sich dieser Person widmen. Aber es scheint gerade so, als würde sich der Mediziner scheuen, die Person am Boden zu berühren.
Diese Situation der angespannten Ruhe ändert sich erst dann, als Manfred Holzmann, der zuständige Gerichtsmediziner, in die Stille sagt: „Der Mann ist zweifelsfrei tot!“
Dieser sterile Satz des Arztes, der wie fast immer mit einem Pullover und einfacher Hose gekleidet ist, ändert die Situation.
„Wie ist die Person ums Leben gekommen?“, fragt Heinz Klose als leitender Kommissar zunächst nur, um irgendetwas zu sagen.
„Wie deutlich zu sehen ist, wurde dem Priester eine Altarkerze ins Herz gestoßen!“, ist die lapidare Antwort von Manfred Holzmann, dem Arzt.
„Das sehe ich Doktor!“, ist die etwas zu spitz geratene Antwort des Kommissars. „Ich sehe keine Anzeichen von Gegenwehr oder gar einem Kampf! Können sie das bestätigen? Der Mönch vor uns auf dem Boden sieht nicht gerade schwächlich aus.“
„Ich denke, sie haben alles richtig erkannt. Mehr könnte ich auch nicht sagen!“, ist die ironische Bestätigung des Mediziners.
Als sich Guido, der Priester, sich zu den drei Beamten stellt, scheint der Kreis geschlossen zu sein.
„Bei dem Toten handelt es sich um den jungen Priester Marcus aus unserem Kloster. Ich habe den Toten gefunden und die Polizei angerufen. Ich habe Bruder Marcus deshalb gefunden, weil mein Mitbruder nicht zum Abendgebet erschienen ist. Deshalb bin ich in diese Kapelle gegangen, um zu schauen, was ihn aufgehalten hat.“
„Ach ja“, schiebt der Priester noch nach. „Eine Person habe ich weder vor noch in der Kirche gesehen.“
Manfred Holzmann, der Gerichtsmediziner hat sich nachdenklich zu der Leiche gebeugt und schaut interessiert auf den Einstich.
„Seltsam“, sagt er dann. „Der Stoss in das Herz muss mit äußerster Präzision und Kraft erfolgt sein. Ich kenne Bilder von Soldaten, welche mit einem Herzschuss ums Leben kamen. Die behielten ihre zuvor eingenommene Körperhaltung bei. Aber auch dieser Tote zeigt keine Spur einer Abwehrhaltung. Als wäre er mit dieser Handlung einverstanden gewesen.“
„Was wollen sie uns damit sagen?“, fragt Heinz Klose recht ungeduldig.
„Es müsste mindestens ein Tropfen Blut ausgetreten sein. Vom Einstich in den Körper bis zum Erreichen des Herzens ist ein Bruchteil einer Sekunde vergangen. Das reicht aus, um am Einstich Blut austreten zu lassen.“
Und dann auf das Gesicht des Toten zeigend: „Diesem Gesicht scheint alles Blut entnommen zu sein! Warum? Und wie?“
Nach diesen stoßend herausgebrachten Worten legt der Mediziner ein Tuch über das Gesicht des Toten: „Diesen dauernden Anblick sollten wir uns ersparen!“
Mittlerweile sind die Frauen und Männer der Spurensicherung eingetroffen und warten vor der Kapelle geduldig auf ihren Einsatz. Nur der Einsatzleiter hat sich zu den drei Personen gestellt.
„Sie haben bestimmt eine Erkennungslampe für Blut in ihrem Gepäck. Bringen sie diese Lampe bitte einmal her!“, ruft der Gerichtsmediziner in Richtung der Spurensicherung.
Als wenig später der Arzt die Lampe an den Einstich lenkt, ist in seiner Stimme wenig Erstaunen zu erkennen.
„Hab ich es doch gewusst!“, sagt er zu der Kommissarin mit einer Spur von Genugtuung. „Schauen sie hier. Hier wurde offensichtlich ein wenig Blut sorgfältig entfernt.“
Karin Meister, die 35-jährige Kommissarin, beugt sich interessiert zu dem Arzt, um die Stelle ebenfalls genau betrachten zu können.
„Ja, ich sehe das“, sagt sie dann wenig erstaunt. „Aber das Blut musste wirklich sehr sorgfältig entfernt werden. Das ergibt doch keinen Sinn! Warum sollte ein Mörder mit Absicht das Blut von seinem Opfer entfernen?“
Auch sie hat ihre Hände in die Hüften gestemmt. Wie immer, ist sie mit Rock und Bluse bekleidet. Und natürlich fehlt ihre geliebte schwarze Lederjacke nicht zu ihrem Outfit.
Sie schaut dabei auf ihren Kollegen und Vorgesetzten Heinz Klose. Die Art und Weise, wie wegen dieser wenigen Bemerkungen Blicke zwischen den Kollegen ausgetauscht wurden, wirkt das Zusammenwirken professionell.
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