Sie hakte sich wieder bei ihm ein und er gab ihr als Dank einen Kuss auf den Kopf. Es fühlte sich gut an, sie in seinen Armen zu haben. Als sie an der Luitpoldhalle vorbeikamen, konnte er einen kurzen Blick auf eines der großen Fenster erhaschen. Er konnte sie beide als Spiegelbild erspähen. Und er musste neidlos anerkennen, sie beide sahen großartig aus. Mister und Misses Bavaria. Ein großer kräftiger Mann in kurzer, knackiger Lederhose und ein blonder Rauschgoldengel im Tegernseer Dirndl. Alois schmunzelte. Seine muffigen Gedanken waren verflogen. Er war stolz auf sich. Und auf das Mädel, das neben ihm unruhig daher hopste. Jeder würde sie für ein Liebes- oder Ehepaar halten, dabei waren sie nur Kollegen. Und sie waren Freunde. Doch außer ein paar Umarmungen, ein paar Küsschen, war niemals etwas passiert. Und das war auch gut so. Uns so sollte es auch bleiben.
Sein letztes tiefgründiges sexuelles Erlebnis war eine Zeit lang her. Eine Wahnsinnsnacht mit einer Wahnsinnsfrau. Nur leider stellte sich später heraus, dass sie eine Mörderin war und ihre Sühne in einem Freitod suchte.
Danach hatte sich Kreithmeier in die Arbeit gestürzt und hatte seinen Mail-Account in einer der angesagten Freundschafts- und Heiratsvermittlungsbörsen geschlossen. Das letzte halbe Jahr war langweilig gewesen. Nach den beiden letzten Morden war nichts passiert. Die Domstadt Freising war wieder in ihren kriminalistischen Dornröschenschlaf versunken und die schlimmen Finger gaben sich in München oder in Augsburg die Hand. Er hatte die Zeit genutzt, seine Wohnung neu einzurichten, und somit etwas mehr Farbe und Gemütlichkeit in seine trutzige Festung gebracht.
Festung nannte Melanie immer seine vier Wände oder seine graue Trutzburg. Weil er sich nach der Trennung von seiner Frau, immer wieder in seine eigenen vier Wände zurück gezogen, und dem Sinn des Lebens hinter her trauerte, aber auch nichts unternommen hatte, um es farbiger, lebhafter und vor allem lebenswerter zu gestalten.
Statt seiner Frau hatte er jetzt einen Hund. Gizmo. Einen Mischling aus dem Tierheim. Weiß, kräftig, treu und anschmiegsam. Wie ein kleiner Eisbär sah er aus. Aber der kleine musste leider heute zu Hause bleiben.
Und Alois hatte sich in einem Fitnessstudio angemeldet. Ein wenig Ausdauersport. Krafttraining. Und er hatte seine Ernährung umgestellt. Statt Brötchen gab es Vollkornbrot, statt Marmelade Geflügelwurst und statt Tiefkühlpizza stand öfter frischer Fisch, Salat mit Hähnchenbrust und Gemüse auf dem Essensplan. Er hatte an Köperfülle abgenommen und an Kondition zugenommen. Sonst hätten die Klamotten niemals gepasst. Hatte er die Lederhose doch mit Sicherheit das letzte Mal vor über zehn Jahren getragen. Zur Kirchweih oder zu einer Trachtenhochzeit. Lang, lang war es her.
Das einzige Übel, von dem er noch nicht lassen konnte, war die Raucherei. Er hatte sie zwar stark eingeschränkt und nur noch auf ein paar Glimmstängel pro Tag reduziert. Aber wenn er nachdenken musste, oder wenn er mit Gizmo gleich am frühen Morgen durch die Isarauen schritt und dabei genüsslich eine qualmte, das hatte er sich noch nicht verkneifen können, bei allen Angriffen und Seitenhieben seiner Kollegin, das blieb. Das gönnte er sich noch. Es gab dann ja noch etwas, was man sich für 2013 vornehmen konnte. Der 31. 12. 2012 wäre das geeignete Datum, exakt an diesem Tag mit dem Rauchen aufzuhören. Doch das dauerte noch ein viertel Jahr. Und das wollte er genießen. Wie um dieses auch noch zu unterstreichen, zog er ein Päckchen Marlboro Light aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an.
Melanie sagte nichts, sie wusste, ein Kommentar von ihr könnte den Abend kippen und ihre und seine gute Laune verjagen. Sie hüstelte nur etwas und sah ihn fragend an.
»Na, ja, eine Letzte«, sagte er. »Im Bierzelt ist ja seit kurzem Rauchen verboten.«
»Das ist auch gut so«, kommentierte Melanie Alois Bemerkung, und biss sich auf die Zähne, um keine Grundsatzdiskussion über die gesundheitsgefährdeten Risiken des Rauchens vom Stapel zu lassen.
»Solange sie das Biertrinken darin nicht verbieten«, schmunzelte er etwas verlegen und blies den Rauch links zur Seite um Melanie damit nicht zu belästigen.
»Danke!«, sagte sie leise. Sie hatte es wohlwollend registriert, dass er ihr neues Dirndl nicht mit Nikotin geschwängerten Rauchschwaden imprägnieren wollte.
Alois sah sie an, dann schnippte er die Zigarette in einem weiten Bogen auf die Straße und lächelte: »Na gut, das war es erst einmal. Stürzen wir uns ins Getümmel. Hast du eigentlich etwas reserviert?«
»Der Rainer wollte das tun. Er kennt einen von den Bedienungen.«
»Und sag jetzt bitte nicht, der schuldet ihm noch was«, rief er laut aus.
»Doch. So ähnlich hat er sich dabei ausgedrückt. Wir treffen ihn pünktlich um 19 Uhr am Eingang vor dem Zelt. Dann wissen wir mehr.«
»Wer kommt eigentlich noch alles?«, wollte Kreithmeier wissen.
»Also der Rainer, sein Kollege, der Schurig, der Dallinger und ein paar Jungs von der Bereitschaft.«
»Kommt auch dein Freund vom Bayerischen Landeskriminalamt, dieser affektierte Dandy, dieser Burger?«
»Nein. Außerdem ist er nicht mein Freund.«
»Stimmt«, sagte Alois, »er hat ja erst zweimal bei dir übernachtet, da spricht man noch nicht von Freundschaft. Eher von einem Date oder einem One-Night-Stand.«
»Du Knallkopf. Zwischen dem Burger und mir war nichts, ist nichts und wird niemals etwas sein«, konterte Melanie angriffslustig.
»In der Not frisst der Teufel Fliegen.«
»Dass ich nicht gleich lache. Auch wenn mit Richard überraschenderweise Schluss ist, heißt das noch lange nicht, dass ich gleich danach mit einem Kollegen ins Bett hupfen muss. Kann es eigentlich sein, mein lieber Kreiti, dass du etwas eifersüchtig bist?«
Alois Kreithmeier schluckte. Er hasste es, wenn sie ihn Kreiti nannte. War er das? Eifersüchtig? Es konnte ihm ja eigentlich egal sein, was seine Kollegin alles in ihrer Freizeit tat oder nicht tat. Oder etwa nicht? Er fühlte sich ertappt. Er sagte nichts und zog Melanie auf den Festplatz.
»Lass uns noch vorher eine Runde Kettenkarussell fahren«, wechselte er das Thema. »Komm Melanie, ich lade dich ein.«
Melanie hatte verstanden. Dieses Thema war ihm peinlich. Auch wenn ihr Kreiti das niemals bestätigt hatte oder jemals bestätigen würde, er war wirklich eifersüchtig. Er mochte sie, und dieses weit über ihre polizeiliche Kollegialität hinaus. Doch für ihn gab es eiserne ungeschriebene Gesetze, an die er sich mit aller Kraft hielt. Job ist Job und Schnaps ist Schnaps. Er würde nie etwas mit einer Kollegin anfangen, also niemals etwas mit ihr. Und das war auch gut so. Obwohl es ihr auch ab und zu leid tat. Alois war ein gut aussehender Mann, wenn er sich entsprechend kleidete und sich pflegte. Doch er war privat wie ein Vorhängeschloss. Man brauchte einen Schlüssel oder einen Dietrich, um ihn zu öffnen. Und diese Dinge hatte sie noch nicht.
Das Kettenkarussell ließ ihre Gedanken in die noch warme September Abendluft treiben. Ihr Rock wehte ihr um die Waden und zeigte einen Teil ihrer nackten Beine. Es fröstelte sie leicht um die Schultern, aber die schnell drehende Bewegung und der frische Fahrwind in ihrem Gesicht brachten sie auf ganz andere Gedanken.
Rainer Zeidler erwartete sie am Eingang des Festzeltes. Wie besprochen.
Er sah aus wie ein Wilderer. Eine lange dunkle Lederhose, geschnürte Bergschuhe, ein grünes Leinenhemd und darüber eine Strickjacke mit Fellbesatz, und zu guter Letzt noch ein Filzhut mit Gamsbart auf seinen zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren, ließen ihn aussehen wie aus einem bayerischen Heimatstück. Der Jäger von Fall oder der Wildschütz Jännerwein.
Alois schluckte einen Aufschrei und ein Auflachen leise und heimlich hinunter und begrüßte ihn höflich. Neben Rainer stand Josef Schurig, auch ganz in Tracht. Nur nicht so burschikos. Eher elegant. Also ob er in die Kirche gehen wollte. Josef Schurig trug einen dunkelblauen Lodenanzug, dazu schwarze glänzende Haferlschuhe und ein weißes Hemd mit Stickereien.
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