Mit wild trommelndem Herzen beobachtete sie, wie Männer in geflicktem Gewand, Lederarmschienen, zerzausten Haaren, ungezähmten Bärten und gefährlich gebogenen Säbeln grölend, jubelnd und brüllend über die Hügel galoppierten. Ihr Ziel war offensichtlich: Burg Fuchsenstein.
Lya wurde immer kälter. Sie zählte um die hundert Männer, ehe sie es aufgab. Ihre Pferde schnaubten und galoppierten langsam; offensichtlich waren sie übermüdet. Mit wilden Schreien und Peitschenhieben wurden die armen Tiere weitergetrieben. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete sie die Räuber, bis der Zug endlich vorbei war.
Lya trieb den Fuchs an und fand sich schon bald auf dem zertrampelten Gras wider. Viele Blumen waren jämmerlich zerquetscht worden, die Bienen waren verschwunden und die Vögel totenstill.
Mit eiskalten Wangen galoppierte sie mit ihrem Pferd über den letzten Hügel. Unter ihr bot sich ein Bild der Zerstörung und des Grauens.
Totenstille lag über Lyas Heimat.
Die Häuser waren beschädigt, teilweise zerstört und aus einigen kroch bereits dichter Rauch, der Feuer ankündigte. Schutt lag am Boden, Zäune waren eingerissen, Holzbretter lagen verstreut in der Gegend herum. Ein Wagen ruhte umgekippt auf der Hauptstraße, die beiden Esel, die ihn gezogen hatten, regungslos daneben. Sie waren noch angeschirrt. Tote, die sich verteidigen wollten, waren auf den Straßen, mit leeren, weit aufgerissenen Augen, das Gesicht voller Grauen. Blut klebte an Wänden, auf Brettern, an Glasscherben, überall. Langsam fing alles an, sich vor ihren Augen zu drehen.
Ängstlich lenkte sie das Pferd zwischen Trümmern, Leichen und Zaunteilen umher. Kein Verwundeter schrie. Alle schienen tot … nein … nein, sie waren nur versteckt und hatten Angst, dass die Räuber zurückkommen würden. Ja, sie versteckten sich … natürlich, das war nur vernünftig … Leyihos Haus stand noch. Lediglich das Gartentor hing schief in den Angeln und die Türe war weit aufgerissen. Die liebevoll aufgezogenen Pflanzen waren zertrampelt, eine angebissene, grüne Frucht lag am Boden. Achtlos kickte Lya sie mit dem Fuß zur Seite, als sie von ihrem Pferd stieg, dass sofort ein wildes Wiehern ausstieß und davonrannte. Sie blickte ihm nicht einmal nach. Vorsichtig, mit zitternden Knien, trat sie in die Räumlichkeiten. Ihre Augenwinkel brannten, als sie das Durcheinander erblickte. Die Schale, die sie in der Früh noch neben die Waschschüssel gelegt hatte, lag zerbrochen daneben. Der Kessel war achtlos auf den Boden geworfen worden, im Tisch war eine tiefe Kerbe zu sehen, wie von einem Schwert. Eines der Fenster war zersplittert. Die Glasscherben glitzerten wie weiße Blutstropfen am Boden. Sie starrte auf die Stiegen. Eine einsame Träne kühlte ihre ohnehin schon eiskalten Wangen. Zitternd ging sie hinauf. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Oben, vor ihrem Zimmer, lag, mit panisch aufgerissenen, leeren Augen und einer klaffenden Wunde in der Brust, Leyiho. Ein blutiges Messer lag neben ihm, er hatte eine schrecklich aussehende Beule an der Stirn. Mit einem erstickten Schrei sank Lya auf die Knie und klammerte sich an die Hand des Mannes. Es war, als würde ihr Herz anfangen zu bluten und dies in Form von Tränen äußern, die über ihre Wangen rollten. Alles in ihr drehte sich, sie fing an zu zittern. Von Trauer und Krämpfen geschüttelt, murmelte sie: „Papa … nein, Papa … Papa …“ Leyiho rührte sich nicht. Er war tot. Schluchzend sank ihre Stirn auf seine verwundete Brust. Sie fühlte das heiße Blut, das bereits zu trocknen begann. „Lya … Liebling …“ Sie riss ihren Kopf in die Höhe. Hoffnung wuchs in ihr, wurde größer und gab ihr Kraft. Rasch rappelte sie sich auf und lief in die offene Türe ihres Zimmers, aus der die Stimme ihrer Mutter gedrungen war. Das Fenster war weit aufgerissen. Auf ihrem Bett lag ein Bündel mit Kleidern, daneben waren einige andere Gewandstücke. Offenbar hatte ihre Mutter angefangen, zu packen … als sie sie erwischten. Lya starrte auf die zusammengesunkene Gestalt unter ihr. Das Kleid war am Bauch vollkommen zerfetzt, Blutspuren zogen sich über den Boden und sammelten sich in Lachen. Entsetzt sank Lya neben ihrer Mutter auf die Knie. Blut floss in Strömen aus ihrem Hals. Sie war bereits bleich und voller Schrammen, aber ihre Augen blickten immer noch liebevoll, als sie ihre Tochter musterte. Lya fühlte, wie ihr schlecht wurde. Das Kind … die Räuber hatten das Kind getötet! Sie schluckte die Übelkeit hinunter, ihre Augenwinkel brannten. Dann blickte sie zu ihrer Mutter, die sie am Handgelenk gepackt hatte: „Lya … ich … sterbe …“ „Nein“ Lya schüttelte wild den Kopf. Tränen spritzten auf den Boden. „Nein, nein. Mama, nein, das wirst du nicht. Ich bringe dich hinaus und … nein, Mama!“ Jastia lächelte sanft. „Der Brand … er wird … alles vernichten … nimm dein Bündel … und Nahrung … geh …“ „Nein, Mama!“ Verzweiflung machte sich in Lya breit. Tränen verschleierten ihre Sicht, sie fühlte nur den schwachen Griff um ihr Handgelenk. Sie packte die Hand ihrer Mutter und hielt sie fest. „Lya … flieh – geh … zu deinem Vater …“ Jastia schnappte nach Luft. Sie krampfte sich zusammen, als würde sie einen Hustenanfall unterdrücken. Ihre verzweifelten Augen wollten ihrer Tochter, die aufgelöst neben ihr kniete, das letzte Geheimnis offenbaren: „Er ist …“ Plötzlich bog sich ihr Rückgrat durch. Lya zuckte entsetzt zurück, als Jastia erschrocken dreinblickte … und plötzlich lächelte. Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück. Lyas Augen leuchteten auf. Dann sank Jastia zurück, ihre Augen verdrehten sich und ihr Körper schien in sich zusammenzusinken. Klein, zusammengekauert, blutverschmiert, mit einem friedlichen Lächeln auf den Lippen lag Lyas Mutter da. Sie hatte ihrer Tochter nie erzählen können, bei wem es sich um ihren Vater handelte, dass sie ihn geliebt hatte wie keinen anderen und dass er sicher stolz auf sie gewesen wäre. In Lya explodierte etwas. Es war, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Schluchzend warf sie sich über die Leiche, heulte, schrie und jammerte. Tränen flossen über ihre Wangen und tropften auf Jastias Gesicht, sie trauerte um ihren Vater, um ihre Mutter, um das ungeborene Kind, dass keine Chance gehabt hatte, nicht einmal die, zu leben, und um die zahlreichen Opfer der Räuber. Warum? Warum? WARUM? Sie wusste nicht, wie lange sie weinte, ehe sie das Geräusch des Regens hörte. Blinzelnd blickte sie auf, erhob sich zitternd und wankte zum Fenster. Mit rasendem Herzen starrte sie auf die verschwimmenden Umrisse des Dorfes im prasselnden Regen. Die Räuber … Einen Moment stockte sie. Diese rücksichtslosen Männer waren Schuld. Sie hatten Unschuldige überfallen und getötet. Sie zogen mordend durch die Länder, betrogen, stahlen, misshandelten und ruinierten alles. Alles. Familien, Freundschaften, Reichtum, Besitz, Herzen, heile Knochen … und den Frieden. Lyas Mund spannte sich an, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Die blauen Augen blitzten gefährlich, ihre Wangen wurden brennend heiß. Diese nichtsnutzigen, behinderten, kranken, sich von Alkohol ernährenden, barbarischen Hundebastarde! Mit einem wütenden Knurren fuhr sie herum, fand sich plötzlich auf allen Vieren wider, kümmerte sich aber nicht darum. Sie war erfüllt von dem Hass, der Wut, die ihr Kraft und Energie gaben. Wie eine Wildkatze rannte sie aus dem Zimmer, an Leyihos Leiche vorbei, die Stufen hinunter, in den Regen. Wasser fiel auf sie nieder, durchweichte ihr Fell und ließ ihre Nackenhaare aufstehen. Trotzdem roch sie alles, das Blut, die Angst, den Schweiß, den Schmutz und den Gestank, den die Räuber hinterlassen hatten. Sie sah die scharfen Umrisse des Gartentores vor sich und verharrte einen Moment lang so. Regen perlte an ihrem Fell entlang, tropfte von ihrer weichen Schnauze. Dann sprang sie mit einem gewaltigen Satz über den Zaun, landete auf allen Vieren und rannte die Straße entlang hinaus. Sie überquerte die Hügel, zwischen deren Gräsern sich Lacken bildeten und ihre Pfoten eiskalt badeten. Mit geschmeidigen, schnellen Bewegungen arbeitete sie sich zu den Bergen vor, die wie schwarze Schatten unheimlich in der Ferne aufragten.
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