Franklin sog noch einmal an dem Stumpen seiner Zigarre und schickte das erkaltete Stück kubanischen Tabaks danach mit einem Fingerschnippen über die steilen Klippen. Er hatte das Motorengeräusch gehört und sich deshalb auf den Weg zum kreisrunden Vorplatz des Hauses gemacht. Franklin verließ die Veranda und durchquerte das Erdgeschoß des alten Hauses. Als er durch das Fliegengitter der Haustür nach draußen ging, sah er den silbernen Lincoln mit dem Washingtoner Kennzeichen gerade das offenstehende Einfahrtstor passieren und danach langsam die Auffahrt heraufkommen. Franklin stieg die wenigen Stufen vor dem Hauseingang hinab und blieb vor dem abbremsenden Wagen stehen. Der Motor erstarb und die Türen öffneten sich.
„Hallo John, schön dich zu sehen“, sagte Franklin und schüttelte dem Fahrer des Autos, der mühsam ausgestiegen war, einem wesentlich kleineren, dicklichen Mann so knapp an die sechzig, die behaarte Hand. Der Mann schwitzte stark, doch sein Händedruck war fest wie ein Schraubstock.
„Tag, Jim“, sagte er nur, um danach die Tür des Wagens geräuschvoll zuzuknallen. Franklin umrundete den Lincoln und begrüßte nun auch die beiden anderen Männer, die ausgestiegen waren. Danach deutete Franklin auf das große Haus.
„Lasst uns reingehen. Ich habe eine kleine Erfrischung vorbereitet.“
„Verdammt schönes Haus, Jim“, lobte General John Grant, United States Army, nachdem er draußen auf der Veranda von seinem Whiskey genippt und die Aussicht auf die Bucht genossen hatte. „Jammerschade, dass du dein Büro nicht hier draußen hast.“
„Wieso?“ grinste Franklin, „Weil du dann in Washington der alleinige Platzhirsch und begehrteste Junggeselle wärst?“
„Ganz genau, Seemann!“ Der Dreisternegeneral der Army, seines Zeichens Vorsitzender des unter Präsident Bush gegründeten Kommandos zur teilstreitkräfteübergreifenden Terrorbekämpfung, lächelte verschmitzt und dachte an die unzähligen Abende, die er zusammen mit seinem alten Akademiekameraden durchzecht hatte.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie beide sich so gut kennen“ stellte einer der beiden anderen Gäste fest, der ebenfalls an einem Whiskey nippend die Veranda betrat. Major General Cliff Garrett vom US Marine Corps war ein mittelgroßer Mann mit scharfen Gesichtszügen und feuerroten, kurz geschorenen Haaren. Seine stechenden, dunkelblauen Augen zeugten von messerscharfem Verstand, seine Haltung war immer kerzengerade und wirkte angespannt, wie eine Raubkatze kurz vor der Attacke. Garrett kommandierte den Stützpunkt der Marines in Quantico, Virginia, mit eiserner Hand und rigoroser Disziplin.
„Na ja, wir haben das eine oder andere Ding zusammen gedreht“, schmunzelte General Grant, dem gerade wieder die Geschichte mit dem hübschen Lieutenant damals auf dem NATO-Ball eingefallen war. Dann fiel sein Blick auf den vierten Teilnehmer des Treffens, Air Force-Colonel Ed Bremner, der bis dato ziemlich ruhig gewesen war und sich irgendwie nicht ganz wohl zu fühlen schien. Bremner, den Franklin als überaus patriotischen und loyalen Offizier kannte, arbeitete die meiste Zeit des Jahres an einem der nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Spezialprogramme der Air Force und erforschte dort neue Wege, den Weltraum militärisch zu nutzen. Und das meistens alleine. Er war also nicht gerade der geborene Teamspieler, weshalb er sich an dem zwanglosen Geplauder auch nicht ohne weiteres beteiligen konnte. Ein kurzer Blick zu Admiral Franklin bestätigte Grant, dass dieser das auch gemerkt hatte und dass die Zeit des Smalltalks vorbei war.
„Gentlemen“ sagte Franklin, der sein leeres Glas auf das Geländer der Veranda stellte, „ich schlage vor, wir beginnen mit dem geschäftlichen Teil unseres Zusammentreffens.“
Das großzügige Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Hauses war mit roten Samtmöbeln aus dem letzten Jahrhundert ausgestattet. Ein riesiger Tisch aus poliertem Eichenholz stand in der Mitte des mit dickem Teppichboden ausgelegten Raumes. Die Wände und Decken waren restauriert, ansonsten aber im Originalzustand belassen worden. Ein großer Deckenventilator drehte sich langsam, verwehte die schwüle Luft des lauen Abends und passte irgendwie überhaupt nicht zur sonstigen Einrichtung des Raumes. Die vier Männer saßen in tiefen Polstersesseln in einem lockeren Halbkreis und blickten durch das große Panoramafenster auf die dunkle Bay hinaus. Am Horizont sah man die Positionslichter eines großen Frachters, der von Baltimore aus in den Atlantik auslief.
Admiral Jim Franklin wandte seinen Blick von der Bucht ab und sah die anderen Männer aufmerksam an. Dann ergriff er das Wort.
„Ich habe Sie gebeten, an diesem Treffen teilzunehmen, weil ich Sie lang genug kenne, um mir über Ihre Loyalität und Ihre Grundsätze im Klaren zu sein. Ich weiß, dass Sie das, was ich Ihnen nun berichten werde, ebenso erschütternd finden werden wie ich und dass wir zusammen über die Konsequenzen beraten sollten.“
Franklin setzte sich seine Lesebrille auf und blätterte in einer ziemlich dicken Akte, die er seinem schwarzen Lederkoffer entnommen hatte. Die anderen drei Männer warteten aufmerksam, bis Franklin wieder zu sprechen begann.
„Das“, sagte er und deutete kurz auf die Akte, „ist ein Dokument direkt aus dem Weißen Haus, von dessen Existenz eigentlich niemand außer dem Präsidenten und seinem engsten Vertrautenkreis etwas wissen sollte. Wenn bekannt wird, dass wir dieses Dokument besitzen, würde das katastrophale Folgen für uns nach sich ziehen. Ich selber werde mir deshalb höchste Verschwiegenheit und Diskretion auferlegen.“ Franklin schaute ernst in die Augen der anderen Offiziere.
„Dasselbe erwarte ich natürlich von Ihnen, Gentlemen.“
General Grant paffte an seiner Zigarre, bevor er antwortete.
„Jim, ich glaube wir alle hier sind uns über die Brisanz dieses Treffens im Klaren. Jeder von uns würde sich lieber die Zunge herausreißen, als irgendwas darüber durchsickern zu lassen.“
„Das versteht sich natürlich von selbst, Admiral“, pflichtete Cliff Garrett mit ernster Miene bei. Colonel Bremner nickte und sagte nichts.
Franklin öffnete die Akte, nachdem er noch für ein paar Sekunden in die Augen der Männer geblickt hatte.
„Die Akte ist streng vertraulich und dürfte sich nicht in meinem Besitz befinden. Woher oder von wem ich sie habe, ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr der Inhalt, und über den werden wir uns jetzt unterhalten.“
Franklin nippte kurz an seinem Scotch, dann begann er vorzutragen.
„Ich halte hier das inoffizielle Regierungsprogramm von President James in Händen. Dieses Programm ist festgelegt und wird in der zweiten Legislaturperiode der Regierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit umgesetzt werden. James hat es zum Programm gemacht und wartet mit der Veröffentlichung natürlich bis nach den Wahlen. Wie wir alle wissen, ist sein republikanischer Herausforderer eine ausgewiesene Pfeife und wird im November zweifellos untergehen.“
General Grant nickte grimmig und wurde schon wieder zornig, als er an den charakterlosen Trottel dachte, den seine Partei in den Kampf gegen James schicken würde. Wie hatte es nur so weit kommen können, fragte er sich nicht zum ersten Mal.
„Wie auch immer“, fuhr Franklin fort, „James wird zu fünfundneunzig Prozent auch die nächsten vier Jahre der Präsident sein und wird alles, was in diesem Dossier steht, umsetzen wollen. Das hat mir meine Quelle bestätigt. Sehen Sie also alles, was ich Ihnen jetzt berichte, als festgelegt und unausweichlich an.“
Franklin befeuchtete seine Lippen und blätterte ein paar Seiten in der Akte weiter. Grant sog angestrengt an seiner Zigarre und beobachtete aufmerksam die beiden anderen Offiziere.
„James hat vor, all unsere Truppen aus der Golfregion abzuziehen“, sagte Franklin und blickte auf. Der Schock in den Augen der beiden rangniedrigeren Offiziere saß tief, Grants Gesichtsausdruck war eher mürrisch.
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