Unablässig feuernd, bewegten sich Crowe, Sergeant Randy Malone, Corporal Jason Miller und Staff Sergeant Dwayne Boyer auf den unendlich weit entfernt scheinenden westlichen Waldrand zu. Wenn sie es bis dahin lebend schaffen würden, dann konnten sie es mit unglaublich viel Glück vielleicht sogar bis über die Grenze schaffen – in drei oder vier Tagen.
Crowe hörte das MG nicht, das den Schnee rund um seine Füße aufwirbelte und Miller zu Boden schickte, doch sein instinktives Abtauchen rettete ihm vorerst noch einmal die Haut. Bevor er schießen konnte, landete eine Granate aus Randy Malones Werfer direkt auf dem MG und zerfetzte die Chinesen. Sofort erhoben sich die drei Deltas wieder und hasteten weiter. Crowe schlug Haken wie ein wild gewordenes Kaninchen und versuchte damit, ein möglichst schwer treffbares Ziel abzugeben. Das gelang ihm auch, bis ein zweites MG in Stellung gebracht worden war und ein Projektil seinen Unterschenkel durchschlug. Crowe stöhnte und stürzte in den harten Schnee. Seine Unterlippe platzte auf, als er mit dem Kopf in die vereiste Schicht krachte. Sofort wurde er wieder in die Höhe gerissen und vorwärts geschleift. Crowe humpelte mit seinem unverletzten Bein, so gut er konnte, während Staff Sergeant Boyer ihn halb trug. Malone schaltete inzwischen auch das zweite MG zielsicher aus und feuerte weiter auf die Chinesen. Der Waldrand lag nur noch etwa dreißig Meter vor ihnen und sah jetzt zum ersten Mal erreichbar aus. Crowes Bein begann jetzt unglaublich zu schmerzen, da sich der erste Schock gelegt hatte. Kugeln zischten an den beiden Männern vorbei, die unablässig auf den Wald zu stolperten. Nur noch zehn Meter, beinahe war es geschafft.
Ein heißer Schmerz in seiner linken Hüfte ließ Crowe erneut aufstöhnen und schickte die beiden Deltas wieder zu Boden. Drei Meter waren es noch bis zu den ersten Bäumen. Das kann doch wohl nicht das Ende sein, dachte Crowe, dessen linke Seite sich taub anfühlte. Wieder wurde er in die Höhe gerissen, doch nicht von Boyer, der regungslos im Schnee liegen blieb. Malone war es, der von hinten herangeschossen kam und Crowe hochwuchtete. Mit aller Kraft half Crowe mit und kam stöhnend wieder auf die Beine. Malone zerrte ihn vorwärts und schließlich waren sie im Wald. Bäume und Sträucher rund um die beiden Deltas schienen zu explodieren, als Kugeln und Granaten einschlugen. Holzsplitter regneten auf Crowes Gesicht und bohrten sich in seine Haut. Malone war wieder weg, nachdem er Crowe hinter einen riesigen Felsbrocken geworfen hatte. Der First Sergeant tastete unter seine Keramikweste und suchte nach der Wunde. Nachdem er mehrere Sekunden lang seine Rippen und die ausgebildeten Bauchmuskeln abgetastet hatte und er langsam wieder Luft bekam, glaubte er, dass die Weste das Projektil abgefangen hatte. Wahrscheinlich war die eine oder andere Rippe gebrochen, doch das interessierte ihn jetzt nicht.
Crowe erhob sich mühsam auf die Beine und lugte um die Kante des Felsens. Malone schleifte die reglose Gestalt Sergeant Boyers hinter sich her und nutzte dabei jede noch so kleine Deckung aus. Crowe brachte sein M4 in Anschlag und feuerte auf mehrere Chinesen, die gerade dabei waren, seine Kameraden aufs Korn zu nehmen. Unablässig feuernd schickte er mehrere der Verfolger zu Boden und hörte erst auf, als Malone sich neben ihm auf den gefrorenen Waldboden warf. Hastig drehte der Sanitäter Sergeant Boyer auf den Rücken und betrachtete die glasigen Augen des erfahrenen Delta-Operators. Malone fühlte nach Boyers Puls, fand ihn und resignierte beinahe. Nur noch ganz schwach pulsierte das Leben in dem Delta-Operator, bevor seine Augen schließlich ein letztes Mal aufflackerten und dann erloschen. Crowe hatte alles mit angesehen und fand diesen Tod eines seiner Teammitglieder besonders tragisch. Nur bei ihm hatte Crowe in die sterbenden Augen geblickt, ein Erlebnis, das ihn tief erschütterte.
„Nehmen Sie seine Waffe und die Magazine, Malone. Und dann helfen Sie mir“, schrie Crowe. Er konnte seine eigene Stimme kaum hören. Er rammte ein weiteres Magazin in seinen Karabiner, dessen Lauf vom Dauerfeuer bereits dampfte. Vorsichtig spähte Crowe erneut um die Felskante, nur um Sekundenbruchteile später seinen Kopf hastig wieder zurückzuziehen. Surrend und zischend fuhren großkalibrige Kugeln, durchsetzt mit Leuchtspurprojektilen, in eine der dicken Fichten an Crowes linker Schulter und rissen riesige Brocken der uralten Rinde heraus. Crowe fluchte und sah sich um. Es gab nur einen anderen Weg aus seiner Deckung, und der sah auch nicht besser aus. Er bedeutete Malone, wohin er wollte, und humpelte vorwärts. Dann hörte er den Hubschrauber und erstarrte. Malone sah ihn mit großen Augen an.
„Kommt die Ratte zurück, Sarge?“ blaffte der Sanitäter und machte sich daran, die Baumkronen abzusuchen. Crowe lauschte ein paar Sekunden, bevor er hörbar ausatmete und den Kopf schüttelte.
„Nichts wie weg hier, Malone!“, brüllte Crowe, „das ist mit Sicherheit keiner der unseren!“
Noch bevor die beiden Deltas richtig wussten, woran sie waren, schoss ein raubvogelartiger Schatten über das Dach des dichten Nadelwaldes. Das hämmernde Geräusch von riesigen Rotorblättern mischte sich, zusammen mit dem Kreischen mächtiger Turbinen, unter die stakkatoartigen MG-Salven der Bodentruppen. Crowes Gedanken rasten, als er sich langsam vorwärts tastete. Er konnte die lauten Rufe der Chinesen nun schon deutlich hören. In Anbetracht seines fast streikenden Gehörsinnes bedeutete dies, dass die Verfolger wesentlich näher waren, als er dies geglaubt hätte. Der Hubschrauber kam zurück und flog dieses Mal wesentlich langsamer. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, schwebte die riesige Maschine genau auf die beiden Amerikaner zu. Dann eröffneten die schweren Maschinenkonen des Hubschraubers das Feuer und verwandelten das Dickicht des Waldes in ein Inferno aus glühend heißen 20mm-Geschossen. Crowe presste sich unter einen schmalen Vorsprung des großen Gesteinsbrockens, hinter dem er in Deckung gegangen war, und schützte sein Gesicht vor ziellos umherrasenden Gesteinsbrocken und Holzsplittern. Das Rattern des MGs oben im Hubschrauber war für Crowe nur schwach wahrnehmbar, so wie sein gesamtes Wahrnehmungsvermögen in diesem Augenblick eine Pause zu machen schien. Er fühlte sich nackt und schutzlos, sein Herz hämmerte in seiner Brust und drohte ihm die enge Keramikweste unter seinem Kampfanzug zu zerreißen. Ein sengender Schmerz fuhr in seinen Nacken, als sich ein zehn Zentimeter langer Splitter in seinen Hals bohrte. Crowe stöhnte auf und versuchte sich noch kleiner zu machen, als er dies ohnehin schon tat. Dann hörte der Beschuss von oben plötzlich auf. Crowe blinzelte den Staub aus seinen Augen und nahm die Hände von seinem Gesicht. Momentan war es ruhig, doch das Hämmern der einschlagenden Kugeln setzte sich in seinem Kopf fort.
Dem Delta Sergeant war schwindlig und er schwitzte trotz der Kälte, dass ihm der Schweiß in den Augen brannte. Er musste hier weg, verdammt, und das auf schnellstem Wege, sonst konnte er sich gleich aufrecht hinstellen und von den Chinesen durchsieben lassen. Mühsam rollte er sich herum und stützte sich auf seine Ellenbogen. Die Luft war gesättigt von aufgewirbeltem Staub und pulverisiertem Schnee, man konnte kaum zehn Meter weit sehen. Bäume und Sträucher waren zerfetzt, der Boden schien wie umgegraben und aufgerissen. Crowe fand sein M4 direkt neben der Stelle, wo er niedergekauert war, und überprüfte es. Die Waffe war offenbar verschont geblieben und schien zu funktionieren. Sein Kopf hämmerte und schien jeden Moment zerplatzen zu wollen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte und seine Knie fühlten sich an wie Pudding. Warmes Blut sickerte seinen Hals entlang und färbte den Kragen seines Kampfanzuges schwarz.
Dann sah er Malone.
Oder das, was von ihm übriggeblieben war.
Читать дальше