Rasende Übelkeit stieg in Crowe empor und drohte ihn zu überwältigen. Crowe stöhnte und sank auf die Knie. Über ihm kam das Geräusch der hämmernden Rotoren wieder näher. Der Abwind des Hubschraubers verwirbelte noch mehr Schneekristalle und verwandelte das Stückchen Wald um den Sergeant herum in eine surreale Mondlandschaft. Crowe atmete heftig und versuchte, wieder Herr über seinen geschundenen Körper zu werden. Er wandte den Blick von Malones zerfetzter Leiche und sah nach oben. Grelle Suchscheinwerfer blendeten ihn und ließen ihn zusammenzucken. Ein heftiger Schmerz im Genick trieb ihm Tränen in die Augen und drohte ihn bewusstlos werden zu lassen. Dann sah er die Bewegung aus dem Augenwinkel und hob seinen Karabiner. Plopp, Plopp, zwei Schüsse und der kleine Soldat in der fremdartig anmutenden Tarnbekleidung klappte schreiend zusammen. Crowe hörte vereinzelt Rufe, weit entfernt und doch irgendwie nahe, dann feuerte er wieder, bis er das metallische Klicken des Abzuges mehr spürte als hörte. Fieberhaft tastete er in seiner zerfetzten Kampfweste nach einem weiteren Magazin. Dann stand da plötzlich noch ein Soldat und zielte direkt auf seinen Kopf. Crowe ließ sich zur Seite fallen und griff nach seiner Beretta. Das Sturmgewehr des Chinesen krachte und Crowe wurde heftig zur Seite geschleudert. Das Gefühl der 9mm-Faustfeuerwaffe in seiner Hand wunderte ihn, denn eigentlich hätte er tot sein müssen. Stattdessen schoss er aus der Hüfte und fällte den Mann, der vornüberkippte und mit dem Gesicht zuerst aufschlug. Crowe kniete halb, als er plötzlich ein volles Magazin für sein M4 in der Hand hielt. Die Rufe der Chinesen waren nun überall um ihn herum zu hören, die Suchscheinwerfer erhellten hektisch das dämmrige Unterholz. Crowe biss die Zähne zusammen und schob das Magazin in die Waffe. Noch bevor er sie durchladen konnte, feuerte die Beretta in seiner rechten Hand wie automatisch und schickte einen weiteren Angreifer zu Boden. Der Delta-Operator stemmte sich mühsam hoch und drehte sich zur Seite. Stolpernd umrundete er einen in Fetzen geschossen Baumstumpf und prallte mit einem Soldaten zusammen, der sich von hinten angeschlichen hatte. Crowe brüllte und erhob sein M4, als ihn der Kolben des Sturmgewehres seines Gegenübers knackend an der Schläfe traf. Die Welt drehte sich plötzlich rasend schnell, als Crowe gegen den Baumstumpf prallte und erneut auf die Knie sank. Der stechende Schmerz in seinem Kopf überraschte ihn und raubte ihm für einen Sekundenbruchteil die Sinne. Wie in Trance sah er die schwarzen Kampfstiefel des Chinesen nur wenige Zentimeter vor seinen Augen. Crowe hob den Kopf und sah in die Augen des Mannes, sah dessen triumphierendes Grinsen und kurz darauf die Überraschung über den heftigen Schmerz, als Crowes Ka-Bar-Messer in seine Rippen fuhr und sein Herz mit einem sauberen Schnitt durchtrennte. Crowe löste sich von der zusammensackenden Gestalt, drohte schon wieder umzukippen und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Irgendwie hatte er schon wieder sein M4 in der Hand und stolperte weiter. Eine kleine, nur von wenig Schnee bedeckte Fläche lag vor ihm und er stolperte darauf zu. Auf einmal war der Schnee grell erleuchtet und wurde durch mehrere Einschläge von großkalibrigen Kugeln aufgewirbelt. Crowe bremste ab, schlug einen Haken zur Seite und schoss einem erschrockenen Chinesen in den Oberschenkel.
Dann traf ihn irgendetwas mit aller Wucht und schickte ihn zu Boden. Crowe landete auf dem Bauch und bekam keine Luft mehr. Er rappelte sich halb wieder hoch und sah sich um. Drei oder vier Chinesen stolperten durch das Buschwerk genau auf ihn zu. Crowe wollte seinen Karabiner heben und auf die Männer feuern, doch sein Arm gehorchte ihm nicht. Stattdessen bohrte sich ein sengender Schmerz aus seiner Schulter direkt in sein Gehirn. Crowe schnappte nach Luft und stöhnte. Der Griff des kurzen Sturmgewehrs entglitt seiner kraftlosen Hand, die Waffe landete dampfend im Schnee der kleinen Lichtung. Mit seiner linken Hand tastete er nach der Beretta. Doch bevor er den Griff der Automatik berührte, sah er das Mündungsfeuer direkt vor sich.
Crowe kniete noch immer, als er heftig durchgeschüttelt wurde und nach hinten umfiel. Unfähig zu atmen, lag er mit angezogenen Beinen mitten auf der kleinen Lichtung und blickte nach oben, in die grellen, schmerzenden Scheinwerfer des Hubschraubers. Ihm war schrecklich kalt und er war so unglaublich müde. Crowe spürte die Dunkelheit, die nach ihm griff, und wehrte sich nicht dagegen. Das Letzte was er sah, bevor er in abgrundtiefe Schwärze versank, war das hektische Gesicht eines chinesischen Soldaten, der ihn mit seinem Sturmgewehr anvisierte.
Zweieinhalb Jahre später - Maryland, USA
14. Juli 2016
Das weiße Holzhaus mit den dunkelgrauen Dachschindeln und der großzügigen Veranda thronte majestätisch über der kleinen Bucht. Das zweistöckige Gebäude stammte noch aus der Kolonialzeit und wirkte trotz seines Alters ungewöhnlich gut gepflegt. Die Bretter der Fassade waren frisch gestrichen, die prächtigen Laubbäume entlang der bekiesten Zufahrt schienen perfekt geschnitten und die saftig grüne Rasenfläche des riesigen Gartens war makellos. Direkt von der Veranda des Hauses führte eine lange Metalltreppe hinunter zum etwa dreißig Meter tiefer liegenden Sandstrand. Von dort verlief ein gepflasterter Weg weiter zu einem kleinen Strandhaus, dessen Fensterläden geschlossen waren. Ein breiter verwitterter Steg führte an die fünfzig Meter weit in die schmale Bucht hinaus. Draußen lag ein weißes Segelboot vor Anker und schaukelte ruhig im klaren, dunkelblauen Wasser. Eine milde Brise wehte würzige Seeluft aus der Chesapeake Bay über das stolze Anwesen und ließ das Sternenbanner auf dem langen Fahnenmast zaghaft flattern.
Oben auf der Veranda sog Vice Admiral Jim Franklin an seiner dicken Zigarre und genoss die Ruhe des Tages. Der große Marineoffizier lehnte entspannt an dem weißen Geländer und blickte träumerisch auf die Bucht hinaus. Ganz weit draußen konnte er mehrere Segelboote erkennen, die den aufkommenden Wind nutzten und Richtung Süden die Bay hinunterglitten. Beinahe sehnsüchtig beobachtete er die kleinen Boote, deren schnittige Rümpfe scheinbar widerstandslos durch die niedrigen Wellen schnitten.
Der Admiral war in seinem Herzen immer ein Seemann geblieben, mit dem unbeschreiblichen Drang nach den endlosen Weiten des Ozeans. Daran konnte auch der manchmal sehr weit vom Meer entfernte Posten an seinem Schreibtisch im Kommandogebäude der Naval Special Warfare Group Two in Little Creek, Virginia, nichts ändern. Jim Franklins Kommando unterstanden unter anderem die SEAL-Teams Zwei, Vier und Acht. Jedes der Teams setzte sich aus mehrfach handverlesenen Männern der berüchtigten Spezialeinheit der Navy für besonders heikle Fälle zusammen. Die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftsgrade, die unter Franklin dienten, hatten sich, wie ihre Vorgänger seit den Zeiten des Vietnamkrieges, einen ausgezeichneten Ruf als Kampfschwimmer, Fallschirmjäger, Kommandoeinheiten, als Sabotagetrupps und neuerdings auch als Antiterroreinheit erworben. Franklin war stolz auf seine Jungs und fühlte sich immer noch als einer von ihnen. Im Grunde genommen war es das ja auch, was der goldene Trident-Anstecker an der Brust seiner Uniform deutlich machte. Ein Abzeichen, das er nach wie vor mit Stolz trug, obwohl seine aktive Zeit schon lange zurücklag.
Doch war man einmal ein SEAL, dann war man dies solange, bis man den Löffel abgab, das zumindest war Franklins Meinung zu diesem Thema. Und in dieser Hinsicht akzeptierte er keinerlei andersartige Ansichten.
Franklin trug legere Freizeitkleidung, Jeans und einen hellgrauen Sweater, der jedoch seine breiten Schultern und die ausgebildeten Oberarme nicht zu verbergen vermochte. Der neunundfünfzigjährige Karriereoffizier hatte sich außerordentlich gut in Schuss gehalten und legte sehr viel Wert auf körperliche Fitness. Sein Credo lautete, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen konnte. Das konnte manchmal durchaus falsch verstanden werden, doch darum scherte sich der alternde SEAL kein bisschen. Er war schon immer in seinem Leben angeeckt, hatte sich mit Leuten angelegt, denen jeder andere wahrscheinlich aus dem Weg gegangen wäre, doch war dabei immer seinen Überzeugungen und Grundsätzen treu geblieben. Grundsätze und Wertvorstellungen, die heute offenbar nichts mehr wert waren, resümierte er verbittert, als er an den Grund dachte, aus dem er heute hier war.
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