Ist Zeit etwas fiktives wie eine Währung, die nur auf erfahrungsmäßigem Einverständnis beruht? Waren die Menschen im Mittelalter unglücklich, oder bringt uns die Zukunft bessere Verhältnisse?
In unserem Verständnis haben wir nur wenig Möglichkeit, unserer Zeit zu entfliehen. Wer jung ist, kann sich nicht alt machen; wer alt ist, kann sich nicht jung machen. Wer in einer modernen Zeit lebt, kann sich nicht ohne weiteres ins Mittelalter versetzen, und umgekehrt. Aber fast jede Regel hat ihre Ausnahmen. Die eigene Entscheidung, in Thailand zu leben, hat durchaus, und das sei mit der Pfeife deutlich hinaus geblasen, mit dem Wunsch zu tun, sich jung zu machen, eine klare Reaktion darauf, dass in Deutschland die älteren Menschen älter gemacht werden, als sie sich fühlen, und zwar in unseliger Eintracht sowohl von den jungen Frauen als auch von den Arbeitgebern. Gleichzeitig bedeutet diese Entscheidung auch in vielerlei Hinsicht eine Versetzung ins sprichwörtliche Mittelalter, genauer gesagt, in die früh-industrielle Neuzeit. Thailand hat noch eine nur wenig angekratzte Feudalstruktur. Die Kratzer kommen im wesentlichen von der Technik.
Wie kommt Zeit denn nun zustande? Sie verbreitet sich doch sicherlich nicht plötzlich aus einer Zaubertüte. Hat sie etwas mit Uhren zu tun? Vielleicht sollten wir nach irgendwelchem Ticken forschen. Moderne Digitaluhren ticken nicht mehr, ältere mechanische Uhren dagegen durchaus noch. Was besagt jenes Ticken? Ob man es hört oder nicht, in den Uhren schwingt etwas, und der Trick besteht schlicht und einfach darin, die Schwingungen abzuzählen. Wenn man es noch genauer haben möchte, wird auch noch das Intervall einer einzelnen Schwingung in beliebig viele Teile aufgeteilt, und dann werden eben noch zusätzlich diese Teile abgezählt. Ganz abstrakt wird von Sekunden und vereinbarten Vielfachen davon oder aber von Bruchteilen dieser Sekunden geredet. So macht es aber doch die Natur ganz gewiss nicht. Am abzählen scheint man aber nicht vorbei zu kommen. Was wird denn da in der Natur abgezählt?
Ganz offensichtlich wird nicht überall in der Natur auf die gleiche Art abgezählt. Bei den Atomen und Elementarteilchen werden Schwingungen benutzt, was die Basis eben jener Digitaluhren ist, in denen die Schwingungen in einem Kristall registriert werden. Bei Lebewesen werden Generationen gezählt, gleichermaßen auf einfachsten Niveau wie bei den Bakterien oder am anderen Ende bei den Menschen auf “etwas” höherem Niveau. Die Sterne und Galaxien rechnen ihren Energieverbrauch ab und und ermitteln so ihre “Lebenszeit”. Die Zeit ist also gewiss nicht ein universales Naturgesetz, sondern hat je nach ihrer Ausprägung einen beschränkten Geltungsbereich.
Während eines Zeitintervalls in einer bestimmten Umgebung können sich räumliche Veränderungen ergeben, die umgekehrt auch die Länge der jeweiligen Zeiteinheit verändern. Der Mikrokosmos rechnet in Mikrosekunden oder noch viel kürzeren Reaktionszeiten, der Weltraum dagegen in Millionen von Jahren, die das Licht durchläuft. Raum und Zeit hängen also unerbittlich zusammen, und zwar generell, nicht nur in Einstein's Physik, sondern auch im Bereich unseres Lebens.
Wie aber kommen jene Veränderungen zustande? Was treibt solche Veränderungen innerhalb eines Zeitintervalls an? Die Beantwortung dieser Frage scheint schwierig zu sein. Geben wir diesem Geheimnis zunächst einmal einen Namen und nennen es Entwicklung. Sofort ist gelangweiltes Gähnen zu hören. Entwicklung? Das ist doch nun wirklich nichts neues.
Vorsicht, bei der Frage, was Entwicklung überhaupt ist und woher sie eigentlich kommt, handelt sich sogar um ein großes Geheimnis. Ist Entwicklung nur eine Eigenschaft des Bereiches, den wir Leben nennen, dort meist konkreter als Evolution bezeichnet, oder etwa ein allgemeines Naturgesetz? Philosophen an die Front, - gibt es eine Philosophie der Entwicklung? Google und Wikipedia gähnen ebenfalls sofort gelangweilt, bieten nur eine Philosophie der Evolution. Was ist denn nun eigentlich Entwicklung und wie kommt sie zustande?
Diese Frage mag viel sinnvoller sein, als es auf den ersten Blick scheint. Denn Entwicklung ist quasi die Fortsetzung einer immer noch völlig hypothetischen Weltentstehung. Damit vermeiden wir nicht definierbare Worte wie Gott oder Schöpfung, weil “nichts aus nichts entstanden sein kann”. Diese sind deswegen nicht definierbar, weil sie einem statischen Denken entspringen, während es sich bei der Weltentstehung und jeglicher Entwicklung um dynamische Prozesse handelt. Dynamik lässt sich logisch nicht aus Statik herleiten. Da die Welt aber tatsächlich entstanden ist, kann zumindest strenge Logik hier nicht weiterhelfen.
Neue Formen von komplizierterer Logik? Es sei hier nur kurz erwähnt, dass zum Beispiel rekursive Logik und “fuzzy logics”zumindest keinen einfachen Zugang ergeben. Ist aber nicht Einfachheit ein wichtiges Postulat? Offensichtlich bleibt uns “einfach” nichts anderes übrig, als statt von Entstehung oder Schöpfung nur von Entwicklung zu sprechen.
Es geht hier aber nicht nur um Entwicklung in Teilbereichen. Moralische Entwicklung, psychologische Entwicklung, Kinder-Entwicklung oder abstraktere Formen von Entwicklung in anderen Fachgebieten sind zumindest zunächst nicht gemeint, sollten wohl besser unter dem Begriff Evolution subsummiert werden, können aber vielleicht später einmal in die nun folgenden Betrachtungen einbezogen werden.
Eine allgemeine Grunderfahrung in allen Bereichen ist, dass Entwicklung entweder gleichmäßig oder aber plötzlich geschehen kann. Atome und Elementarteilchen können gleichmäßig schwingen und reagieren oder aber sich abrupt umwandeln in andere Teilchen. Im Bereich des Lebens kann eine gleichmäßige Veränderung über längere Zeit vor sich gehen, oder aber eine Mutation oder eine Katastrophe wie Krieg oder eine natürlicher Meteoritenabsturz können alles sehr schnell irreversibel verändern. Ähnlich können sich Sterne, auch unsere Sonne, und ganze Galaxien längere Zeit relativ gleichmäßig verändern oder vergleichsweise plötzlich entstehen oder vergehen. Bing Bang und Schwarze Löcher werden die Phänomene genannt, nach deren angeblich für möglich gehal?tener Beschreibung in Raum und Zeit bislang vergeblich geforscht wurde. Nur unter Annahme völlig irreal erscheinender Räume und Zeiten lässt sich allenfalls eine approximative Annäherung finden. Die Phänomene selber bleiben ein Geheimnis und müssen es in dieser Sicht vermutlich auch bleiben, weil Raum und Zeit bei ihnen keinen Sinn mehr machen.
Was tun? Wir stehen an einem ähnlichen Punkt wie die Abenteurer zwischen Mittelalter und Neuzeit, bei denen sich langsam trotz aller anders sagender Propaganda und kirchlichen Maulkörben herum sprach, dass die Erde keine platte Scheibe, sondern eine vielleicht viel schönere und interessantere Kugel sei. Gerade Linien erschienen auf einmal gebogen, und die Tageszeit war nicht überall dieselbe. Wird es entsprechende Abenteurer brauchen, um das Jenseits von Wo und Wann zu ergründen?
Die damaligen Abenteurer folgten einem Glauben an Gott, der sich nicht beschreiben ließ und aller experimenteller Nachforschung entzog. Übrig blieb nur ein fast halsstarrig wirkender nutzloser Glaube an Wunder. Das einzige Wunder, das übrig geblieben ist, welches sich sehr wohl beschreiben und experimentell untersuchen lässt, ist das Phänomen der Entwicklung. Doch woher kommt Entwicklung, was treibt sie, wohin geht sie? Das scheint sämtliche Päpste bislang sehr wenig zu interessieren, die Künstler aber schon sehr viel mehr und sollte ein Kernproblem der modernen Naturwissenschaften sein. Doch es sieht sehr danach aus, dass dieses nicht von den Naturwissenschaften allein gelöst werden kann. Deren Methoden basieren fast ausschließlich auf Raum und Zeit, können also nicht zum Ziel führen. Denn schon die Entstehung von Raum und Zeit ist ein Entwicklungsvorgang. Schon im derart definierten Jenseits muss es also Entwicklung gegeben haben. Ebenso muss es dort eine Art von Gedächtnis oder einen Speicherort für die allgemeinen Naturgesetze geben. Sie alle liegen jenseits der Nebelwand der Unendlichen Geschichte.
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