"Willst du uns deinen Freund nicht vorstellen?"
Doch Winimar ließ dazu keine Zeit. Sein kritischer Blick nahm den Mönch war, der sich aus einer der Hütten stahl. Ein Mann des neuen Glaubens, das brachte Unglück, wusste Winimar. Spione der Franken sind sie, war sich der Sachsenkrieger sicher.
"Ich muss rasch weiter. Nur soviel, dein Vater lebt und Gis auch. Beide sind auf dem Weg zu ihrem Herzog." Mit diesen Worten schwang er sich bereits wieder in den Sattel.
"Und was ist mit meinem Vater?" Verzweifelt griff Evelina nach dem edlen Tier.
"Auch er lebt, wartet geduldig." Winimar zog die Kapuze tief in seine Stirn und stürmte davon, einen Beutel in Richtung der erschrocken ausweichenden Menschen werfend, auf den sich Falko mit einem Sprung stürzte.
"Er gehört meinem …", rief er laut. Doch ein plötzlicher Schmerz ließ ihn verstummen. Ein fetter Mann zog ihn an den Haaren empor, Johannes.
"Gib mir den Beutel, du Ausgeburt des Teufels. Und ihr gafft nicht so blöde, sondern jagt dem Verbrecher nach und informiert Herzog Norman. Ein sächsischer Verräter befindet sich auf seinem Grund." Mit fester Hand hielt der Mönch Falko an dessen blondem Schopf. Doch bevor er ihm den Beutel entwinden konnte, schleuderte dieser das kostbare Stück weit von sich. Er fing sich eine schallende Ohrfeige ein. Diese Zeit nutzte Evelina, den Beutel zu greifen und in Richtung Wald zu laufen. Bevor sich noch einer an die Verfolgung machen konnte, verschwand sie im dichten Grün.
Johannes tobte und schrie.
"War das nicht deine Tochter? Nährst du den Verrat an deiner Brust?"
Doch Astrid, die Angesprochene, blieb ganz ruhig. "Besänftige deinen Zorn, edler Heiliger. Sollte jemand Böses tun, wird ihn Gott strafen. Lass doch den Knaben berichten, was er weiß. Es klärt sich bestimmt alles auf. Und meine Tochter kommt sicher alsbald zurück. Du hast sie nur erschreckt."
Johannes kannte Astrid, war sie es doch, bei der er seine geheimsten Wünsche auslebte, die ihm Lüste erfüllte, welche die heilige Kirche verdammte, die jedoch so stark waren, dass ihnen kein gesunder Mann widerstehen konnte. Er ließ Falko los, ordnete seine Kutte und richtete seinen gewaltigen Körper zu voller Pracht auf. "Um ein Haar hätte mich die Unvernunft des Jungen gereizt, wäre es dem Versucher gelungen, mich vom Weg der Güte abzubringen. Doch der Herr ist allgegenwärtig, sprach zu mir durch den Mund dieser edlen Frau. Also sag an Knabe, wer war der Fremde?"
Falko zitterte an allen Gliedern. Seine Gedanken kreisten wirr durcheinander. Was sollte er nur antworten?
"Er war ein Untertan meines Vaters, ein Unfreier. Mein Vater will zu König Karl, seine Dienste anbieten", log er mit stammelnden Worten.
"Und warum hatte er es so eilig?", fragte der Mönch mit jetzt ruhiger und tiefer Stimme, sodass es wie das Läuten einer mächtigen Glocke klang.
"Er muss zu ihm zurück, darf ihn nicht zu weit enteilen lassen."
Johannes glaubte kein Wort. Gab es denn hier nichts als Lügner? Erzählte nicht Astrid, ihr Mann sei auf der Jagd? Muss wohl eine ganz besondere Jagd sein. Doch Astrid las in seinem Gesicht wie in einem Buch. Sie kannte diesen Mann, schließlich schlief sie regelmäßig mit ihm. Er war sehr gut auf ihrem Lager, zärtlich und fantasievoll, ganz anders als Bodowin. Johannes Fähigkeiten in der Liebe wiesen ihr den Weg zum neuen Glauben viel stärker, als die gesalbten Worte des Geistlichen.
"Du hältst mich sicher für eine Lügnerin", raunt sie in sein Ohr. "Doch ich sagte die Wahrheit. Bodowin zog auf die Jagd, auf die Jagd nach Ketzern und Abtrünnigen, nach Verden zum Gericht. Sicher kehrt er bald heim."
Getuschel machte sich breit. Die Dorfbewohner ahnten, dass sie nun mehr erfahren würden, dass ihr Landherr vielleicht in Schwierigkeiten steckte, vielleicht nie zurückkam. Mancher machte sich Hoffnung, die freiwerdende Stelle einzunehmen.
"Meine lieben Kinder", hob Johannes mit zurückgewonnener Beherrschung und beschwörender Stimme an. "Die Frau eures Edlen hat bisher geschwiegen. Zu gefahrvoll war die Mission eures Herrn. Doch ich darf euch eröffnen, dass er zum Ehrendienst unseres geliebten Königs Karl, Beschützer des wahren Glaubens, Größter unter allen Heiligen, aufbrach. Es kann lange dauern, bis er zurückkommt, doch er kommt zurück. Verrichtet euer Gewerk in seinem Sinne. Alles andere wäre gottlos."
Warum rettet er mich, fragte sich Astrid. Doch sein auf ihren prallen Brüsten hängender Blick sagte mehr als jedes Wort.
"Bruder Johannes wird uns so oft wie möglich zur Seite stehen, bis wir die Rückkehr unseres und meines geliebten Herrn Bodowin feiern dürfen." Mit diesen Worten zerstreute sie jeden Zweifel an ihrem Herrschaftsanspruch. Und während sich die Bauern trollten, zog sie ihren Priester in die Hütte, bedanke sich in der Art der Frauen, in einer Art, die Männer zu allem verleiten kann.
Falko stand noch immer auf dem Dorfplatz. Heftiger Regen setzte ein, sammelte sich in seinen wirren Haaren, tropfte auf seine Schultern, lief ihm über Brust und Rücken. Er stand ganz allein. Wohin sollte er gehen? Zu Astrid in die Hütte? Dort erwartete ihn vermutlich Johannes. Den zu treffen, wollte er unbedingt vermeiden. Fast unwillkürlich setzten sich seine Füße in Bewegung, trugen ihn in Richtung Stall. Hier bei den Pferden wäre ihm wohl. Auch wenn Gis nicht dabei war, so spürte er doch dessen Nähe. Pferde sind die Tiere der Götter.
"Mein lieber Gis", seufzte der inzwischen triefnasse Junge, und "Vater". Gis war bei seinem Vater. Er musste zu ihnen. Was hielt ihn noch hier? Seine Füße trugen ihn weiter. Bald lag der Stall hinter ihm, lag das Dorf hinter ihm, das Dorf und dieser schreckliche Menschenfresser, das Dorf und Astrid, das Dorf und Evelina auch? Wie ein Schwert bohrte sich der Name in sein Herz. Evelina, sie rettete den Beutel, rettete ihn. Würde er sie je wiedersehen?
Falko fröstelte. Er hätte sich Kleidung, am besten eine Decke mitnehmen sollen. Stattdessen lief er barfuß durch den Herbstregen, nackt bis zum Gürtel, ohne Essen, allein. Er sollte umkehren, seine Reise vorbereiten, vielleicht ein Pferd stehlen. Doch es gab kein zurück, wollte er nicht Gefahr laufen, für immer aufgehalten zu werden.
"Na, du Ausgeburt des Teufels."
Erschrocken fuhr Falko herum. Vor ihm stand Evelina, den geretteten Beutel schwenkend. "Komm in meine Höhle, du Teufelsbraten."
Falko ließ sich nicht zweimal bitten. Die Aussicht auf einen trockenen Ort lockte ebenso sehr, wie der geheimnisvolle Beutel. Er folgte Evelina über matschigen Waldboden, vorbei an dornigen Ruten, durch hohes Graß und über felsigen Grund, jedem Hindernis geschickt ausweichend, so, wie er das in glücklichen Tagen oft getan hatte, beim Spiel mit den Freunden, auf der gemeinsamen Jagd mit dem Bruder. Die schlimmen Dinge der vergangenen Wochen vergessend, fühlte er sich wie zu Hause, träumte von der Mutter, die nach bestandenem Abenteuer schon mit einer leckeren Speise wartete. Er wäre fast über Evelina gestolpert, als sie unvermittelt vor einer mächtigen, sich aus dichtem Gestrüpp erhebenden Eiche stehen blieb. Keiner hätte hier eine Höhle vermutet. Evelina drückte die Sträucher auseinander und zwängte sich schließlich durch ein kleines Loch zwischen den Baumwurzeln. Falko folgte ihr zitternd. An seinem Körper fand sich kein trockener Fleck. Endlich konnte er dem Regen entkommen, endlich etwas von seinem Vater erfahren.
"Mach schon auf", drängte er ungeduldig. Doch Evelina versteckte den Beutel kokett hinter ihrem Rücken.
"Spricht man so mit einer Frau?"
Falko wollte sich bereits auf sie stürzen. Er, der Sohn eines Edlings, musste sich so etwas nicht bieten lassen. Doch die letzten Tage hatten ihn reifer gemacht. Evelina war es, die ihn auf bisher unbekanntem Weg führte. Sie war es auch, die den Beutel vor Johannes Zugriff rettete.
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