"Du bist angeklagt des schändlichsten Verbrechens, welches ein Mann einer Frau antun kann", hob der Verwalter an. "Du hast die Tat gestanden. Es kann nur eine Strafe geben, den Tod."
Ein lauter Aufschrei erfüllte die Burg. Die vorn Stehenden sahen, wie Erika die Hand ihres Mannes ergriff, während die Knechte Rangos Körper in eisernem Griff hielten. Kein Wort kam aus seinem Mund. Hatte er bereits mit dem Leben abgeschlossen?
"Hört mich an, ihr Männer und Frauen, meine treuen Untertanen." Norman erhob sich, schüttelte die Hand seiner Frau ab, ließ seine Augen die Runde absuchen und sah dann mit festem Blick auf Rango. "Dieser Mann, vom Stand her ein Sklave, wagte es, meiner Tochter Gewalt anzutun. Was kann es anderes für ihn geben als den Tod, langsames Sterben unter schlimmsten Schmerzen? Doch Gott in seiner großen Barmherzigkeit machte diesen Sünder zu seinem Werkzeug, entlarvte durch ihn eine schreckliche Verschwörung."
Norman hob seine Hand. Wieder ging die Tür des Burgturms auf. Zwei Männer, schwarze Kapuzen auf dem Kopf, schleppten einen eisernen Kessel herbei, aus dem grauer Rauch aufstieg.
"Rango, als Sklave verkauft in fremdem Lande, Diener des ehrwürdigen Johannes, ich begnadige dich vom Tode. Du wirst verbannt aus Burg Eisenstein. Und du wirst nie mehr lüsterne Blicke auf eine Frau oder sonst ein Geschöpf Gottes werfen." Während Norman sprach, zog einer der Männer, deren Gesichter unter den Kapuzen nicht erkennbar waren, einen glühenden Eisenstab aus dem Feuerkessel. Falko verstand nicht, welch schreckliches Schicksal seinen Bruder ereilen sollte. Johannes hingegen wusste sofort, was gleich geschehen würde. Er biss sich auf die Zunge, nicht schreien. Wenigstens wird der Junge leben, hämmerte es in seinem Hirn. Rango riss die Augen weit auf, starrte ungläubig auf das glühende Metall, dann auf Norman.
"Rango", so setzte Norman erneut an, "schuldig der Unzucht, schuldig des Todes unter grausamer Qual. Du wirst geblendet, alsdann deinem Herrn übergeben und von ihm außer Landes gebracht."
Normans Stimme donnerte. Johannes fiel auf die Knie. Falko schrie laut, konnte von den Umstehenden nur mit Mühe gehalten werden. Rango versuchte, sich den harten Griffen zu entwinden. Er war chancenlos. Ohne Zittern, auf geradem Wege, stieß einer der Henker die glühende Eisenspitze in das rechte Auge des Verurteilten und gleich darauf in das linke. Es war nicht nur der Schmerz, der Rango so heftig aufheulen ließ, dass selbst die Vögel im nahen Wald verstummten, es war das Wissen, nie wieder die Sonne, nie wieder einen Menschen, nie wieder ein Tier, nie wieder eine Pflanze sehen zu können, das Wissen, als Krüppel von fremder Hilfe abhängig und so völlig unbrauchbar zu sein. Er merkte nicht, wie die Ketten fielen, wie sie ihn auf den vorgefahrenen Wagen hoben, wie Johannes ein kaltes feuchtes Tuch auf die schwarzen Höhlen in seinem Gesicht legte, dorthin wo Augen sein sollten, wo jedoch nur Dunkelheit herrschte.
"Steig auf das Pferd, reite los, keine Widerrede", schlugen Johannes Worte wie Peitschenhiebe auf Falko ein. Der Mönch wusste, jedes falsche Wort konnte die Situation eskalieren, die Wachen zu den Waffen greifen und die Begnadigung des einen zum Todesurteil vieler werden lassen. Er trieb das Zugtier an. Laut polterte der Wagen über die Zugbrücke. Falko blieb dicht dahinter, drehte sich kein einziges Mal um, wollte den Ort des Schreckens nicht mehr sehen. Erst als das nächste Dorf hinter ihnen lag, sie den Erlenwald am Weißbach erreichten, stoppte der Mönch die rasende Fahrt.
"Binde das Pferd an den Wagen. Wir müssen deines Bruders Wunden versorgen. Du pflegst ihn. Sein Leben liegt in deiner Hand. Versagst du, stirbt er." Johannes wusste, er konnte Falko jetzt nicht in Trauer versinken, aus Mitleid und Selbstmitleid handlungsunfähig werden lassen. Rango lebte. Er besaß eine starke Natur. Er könnte es schaffen. Und Falko musste jetzt für zwei sehen. "Ihr zwei seid nicht mehr Brüder, ihr seid eins. Deine Augen sind jetzt auch Rangos Augen. Hol Wasser!"
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