Da lag er nun zwischen lauter Ziegen, die schmerzenden Glieder unbrauchbar. Wenigstens nahm die Schwellung seiner Augenlider ab. Sie hatten ihn in den Ziegenstall gesperrt. Die Tiere leckten an seinen Haaren, an seinen Fußsohlen. Wie das kitzelte. Falkos Gesicht verzog sich zu einem verkrampften Lachen. Doch seine Gedanken richteten sich auf ein anderes Ziel.
"Gis", dem lauten Ruf folgte Stille. Dann flog die Stalltür auf.
"Der Herr kann ja doch sprechen. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen und wenn ich jedes Wort aus dir herauspeitschen muss." Der Fremde durchschnitt den Strick an Falkos Sprunggelenken.
"Hoch mit dir."
Taumelnd, von den steifen Beinen kaum getragen, stolperte Falko aus dem Stall. Der Fremde stieß ihn vorwärts, bis er vor einem Langhaus stand. Dann drückte er ihn gegen die kräftigen Holzbohlen. Wie sie dufteten. Das Haus konnte nicht alt sein. Und wie warm sie sich anfühlten, fast wie zu Hause.
"Also, stumm bist du nicht. Meine Sprache sprichst du auch. Dann antworte endlich. Wer ist Gis?"
Falko schwieg und erntete den ersten Schlag. Wie Feuer brannte es zwischen seinen Schultern. Angst ergriff ihn. Warum sollte er kämpfen? Er musste doch seinen Vater retten. So gab er das Schweigen auf.
"Gis ist mein Pferd", sagte er leise.
"Wie bitte?", flüsterte der Mann und schrie dann los. "Ich hab nicht verstanden."
Der zweite Schlag traf Falkos rechte Schulter, ließ ihn auf die Knie sinken. "Gis ist mein Pferd", rief er, so laut er konnte.
"Wird doch", erschallte die zufriedene Stimme des Mannes. "Dreh dich um zu mir."
Falko bot ein grauenvolles Bild, die Haut von Blut und Dreck verschmiert, die Hose zerrissen, die Haare im Gesicht klebend, stand er zitternd vor seinem Bezwinger.
"So, du Held. Dachtest wohl, du könntest mir trotzen, mir, Bodowin dem Starken. Aber sei nicht traurig. Vor mir lagen schon ausgewachsene Männer im Staub. Wie ist dein Name?"
"Falko."
"Und wer sind deine Eltern?"
"Eno und Gefion."
"Und was hast du hier zu suchen?"
Falko überlegte krampfhaft. Sollte er seine Pläne preisgeben? Würden sie dann nicht undurchführbar? Ein brennender Schmerz auf Wange und Brust ließ ihn die Antwort finden. "Ich will zu meinem Vater. Er wurde weggeführt."
Bodowin begriff sofort. Hatte er es doch gleich vermutet. Der Kleine gehörte zu jenen Aufständischen, welche als Gefangene der fränkischen Kämpfer durch sein Dorf getrieben wurden.
"Dann solltest du meine Füße küssen, dass ich dich aufgehalten habe. Dort wo dein Vater hingeht, wohnt der Tod. Das kann niemand ändern, du schon gar nicht." Bodowin spuckte auf den Boden. Was für ein Schwachsinn, dachte er, während sich Falkos Augen mit Tränen füllten. Die Kraft des Jungen war verbraucht.
"Vielleicht ist es das, was ich suche, den Tod. Wenn ihr mich nicht ziehen lasst, so erschlagt mich doch." Der Satz endete in heftigem Schluchzen.
"Was sind denn das für Worte. Eben noch hat dich die Peitsche das Fürchten gelehrt und jetzt soll ich dich erschlagen? Nein, du sollst leben. Ich gebe dir eine Chance. Dein Vater ist verloren. Er gehört zu den Abtrünnigen und dafür wird er sterben. Du aber sollst leben. Du reitest wie der Teufel. Du kannst eine Menge einstecken. Deine Arme sind stark. So einen wie dich können wir hier gut brauchen." Bodowin redete sich in Rasche. Der Junge tat ihm leid, konnte doch nichts dafür, dass seine Eltern den rechten Glauben nicht annahmen. Er selbst hatte auch erst nach langem Ringen mit dem alten Leben abgeschlossen. Doch besser Vasall der Franken, als dem Tode geweiht. Der neue Gott war zu stark. Kein Wodan, kein Saxnot und auch keiner ihrer anderen Götter hielten die Fremden auf. Mit dem Fall der Irminsul fiel auch die als ewig geltende Ordnung. Kein Gott würde die Zerstörung seines größten Heiligtums zulassen, es sei denn, er ist selbst geschlagen. Und Wodan war geschlagen, und Saxnot auch. Sie waren dem Gott der Franken unterlegen. Wer leben wollte, musste sich auf die Seite des Siegers stellen. Und Bodowin wollte leben, wollte vor allem, dass die Seinen lebten. Sicher, viele ehemals Freie verloren ihr Mitspracherecht, viele wurden abhängig, fast zu Sklaven. Aber sie lebten. Von denen, die den Aufstand wagten, die Widukind folgten, von diesen Unbelehrbaren gab es dagegen immer weniger, denn ihr Begleiter war der Tod.
"Du sollst nicht sterben. Ich zeige dir ein neues Leben, hier in unserem Dorf. Ich löse jetzt deine Fessel. Versprich mir, nicht zu fliehen." Bodowin versuchte es mit freundlichen Worten. Er konnte den Jungen nicht ewig anbinden.
"Niemals. Lasst mich ziehen edler Herr. Ihr könnt mich nicht halten."
"Bist du sicher? Riskierst du den Tod deines Freundes?"
Falko ahnte sofort, was Bodowin meinte. Sein Körper fröstelte, während er ein tonloses "Nein" erklingen lies.
"Dann schwöre bei allem, was dir heilig ist, bei deinem Vater und deiner Mutter, dass du nicht fliehst und deine Hand nicht gegen mich oder ein Mitglied meines Hauses erhebst. Brichst du deinen Schwur, sieht Gis die Sonne nicht mehr aufgehen."
Hin- und hergerissen zwischen seinem Schwur, den Vater zu befreien und die Familienehre wiederherzustellen auf der einen, sowie dem absoluten Unvermögen, Gis zu opfern, auf der anderen Seite, wünschte sich Falko nichts sehnlicher, als den eigenen Tod. Warum musste gerade er überleben? Er würde aufstehen, trotz der gefesselten Hände den fremden Mann, der sich Bodowin nannte, angreifen und sich von ihm erschlagen lassen. Er krallte seine Zehen bereits in die staubige Erde, da zerriss ein Blitz den heiteren Himmel. Wie gebannt starten alle nach oben. Sie waren nicht tot, die alten Götter. Und Falko deutete das Zeichen. Er sollte leben. Er war auserwählt, seinen Stamm zu befreien. Er musste auf Bodowins Forderung eingehen. Wäre er selbst erst frei, könnte er neu entscheiden. Die Götter entbanden ihn bereits jetzt davon, seinen Schwur zu halten.
"Ich schwöre", sagte er laut und kreuzte seine Finger hinter dem Rücken.
Es hatte sich eine gute Zahl Dorfbewohner um die beiden, den Grundherren und dessen Gefangenen, versammelt. Alle Augen richteten sich auf Falko, dessen Hände Bodowin mit einem Schnitt befreite. Obwohl seine Frau abwehrend die Arme ausstreckte, fasste er das Kind an der Schulter und schob es in seine Hütte. Inzwischen war das Gewitter mit voller Kraft herangezogen. Blitze zuckten. Donner ließ die Erde zittern. Regen prasselte herab, als habe der Himmel seine Schleusen geöffnet. Bald lag der Dorfplatz verlassen, sprachen die Bauern in ihren Langhäusern über den Zorn der Götter. Bodowins Frau Astrid, seit dem ersten Zusammentreffen mit einem christlichen Missionar angetan von der frohen Botschaft, sträubte sich gegen die Aufnahme des Heiden.
"Was soll der Junge bei uns. Verkauf ihn oder lass ihn ziehen. Er bringt Unglück über dein Haus", flüsterte sie, damit es nur ihr Mann hörte.
"Du irrst, meine Liebe. Verkaufen kann ich ihn nicht. Das bringe ich nicht übers Herz. Wenn ich ihn aber ziehen lasse, wird es Unglück bringen. Unser Lehnsherr wird es erfahren und uns bestrafen. Wenn ich aus ihm jedoch einen guten christlichen Untertan mache, Karls Untertanen einen weiteren willigen Kopf hinzufüge, dann wird er mir danken und meine Privilegien nicht antasten." Bodowin schüttelte seine tropfnasse Mähne. Er gestand es sich nicht ein, doch der Junge faszinierte ihn. Und er brachte es beim besten Willen nicht übers Herz, diesen als Sklave zu verkaufen. Und auf Astrid hören, den Kerl laufen lassen? Natürlich war Astrid eine gute Frau. Sie schenkte ihm bereits fünf gesunde Kinder. Doch leider keinen Sohn. Insgeheim wünschte er sich, Falko könne diese Stelle einnehmen, die männliche Linie fortsetzen, sein Erbe antreten, sein Haus bewahren. Und Astrid kannte ihren Mann, wusste um seine Sturheit, fügte sich in das Unabänderliche. Doch sie wusste noch etwas. Der Knabe würde seinen Schwur brechen. Das las sie in seinen Augen, deren stechendes Grün katzengleich durch die Tränen leuchtete.
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