Sie befanden sich im Besprechungszimmer, während nebenan die Zeitmaschine „vollgetankt“ wurde, wie Ethan meinte, ein Begriff, den Lou Tenant nachschlagen musste – und auch dann nicht richtig zu würdigen wusste.
„Es geht um Mord“, wiederholte Cause und deutete auf den Holoschirm, auf dem die Leiche eines Mannes zu sehen war.
„Warum kümmert sich nicht die normale Polizei darum?“
„Weil eine Zeitmaschine darin verwickelt war“, erklärte Ethan. „Der ermittelnde Detective hat Zeitreiserückstände gefunden. Manchmal macht uns das die Sache unheimlich einfach.“
„Warum?“
„Weil nicht so irrsinnig viele Leute Zeitmaschinen haben“, lächelte Cause und schob sich seine Waffe ins Halfter.
„Warum dürfen überhaupt Leute Zeitmaschinen besitzen?“ fragte der junge Beamte.
„Das ist eine hervorragende Frage. Dem Militär wär es lieber, wenn niemand außer ihm welche benutzen dürfte. Aber, na ja, der Verkauf von Handfeuerwaffen ist doch auch erlaubt, und nur weil sich eine Zeitmaschine als Waffe einsetzen lässt, hat man argumentiert, wäre es ja noch keine. Kurz gesagt: Reiche Leute, Lobbyarbeit, kein Gesetz gegen Zeitmaschinen. Der einzige Vorteil ist, dass die Dinger so teuer sind, dass sich kaum jemand eine leisten kann. Und wenigstens sind fast alle Zeitmaschinen registriert, das hilft auch ein bisschen.“
„Was ist jetzt mit diesem Mord?“
„Nun, in diesem bestimmten Fall haben wir drei Verdächtige. Drei Herren mit Zeitmaschinen, die alle mit ihren Zeitmaschinen um den Tatzeitpunkt herum aufgetaucht und wieder verschwunden sind, wie es scheint. Also wie ist unsere Vorgehensweise?“
Tenant dachte darüber nach. „Wir… verhören alle drei?“
„Ja“, nickte Ethan, „aber vorher sehen wir uns den Tatort an und sprechen mit dem ermittelnden Beamten.“ Er warf dem jungen Mann eine Waffe zu. „Vorsichtig damit umgehen.“
„Okay.“ Tenant lächelte, als sie sich auf den Weg zu ihrer Zeitmaschine machten. Plötzlich blieb er stehen.
„Alles klar?“
„Ich habe eine Idee.“
„Lassen Sie hören.“
„Sie haben all das erzählt, warum wir die Vergangenheit nicht überwachen können und so. Aber es gäbe noch eine andere Möglichkeit, glaube ich.“
„Und die wäre?“
„Wir könnten in die Zukunft reisen. Wir besuchen Sie, in 10, 15 Jahren, und fragen Sie, wie Sie all diese Fälle gelöst haben und wer die Täter sind!“
„Das können wir nicht machen“, widersprach Ethan.
„Warum? Würde das… ein Zeitparadoxon auslösen, weil Sie und Ihr zukünftiges Ich sich nicht begegnen dürfen, würde das Ihre Zukunft, die gesamte Zukunft auslöschen?“
„Nein“, meinte Cause, „man kann sich selbst treffen, sich mit sich unterhalten oder einen trinken gehen, das ist alles kein Problem. Aber in die Zukunft zu reisen und mich nach den Auflösungen all meiner Fälle zu fragen… das würde diesen Job so verdammt langweilig machen!“
Sie stiegen aus der Maschine.
„Das ist der Tatort“, sagte Ethan und schritt durch eine Tür in einen angrenzenden Raum. Tenant folgte ihm mit offenem Mund.
„Das sieht alles so frisch aus. Wann ist die Tat denn geschehen?“
„Vor einer Stunde“, meinte Cause und sah sich um.
„Aber… wie ist denn das möglich?“ stotterte der junge Beamte völlig verwirrt.
„Muss ich Ihnen alles, was mit Zeitreise zu tun hat, wirklich erklären? Nun, genau genommen ist die Tat vorgestern geschehen… aber wir hatten ein bisschen viel zu tun.“
„Wir?“
„Gut, wir kannten uns da noch nicht, also ich hatte da ein bisschen was zu tun. Constabler Jones hier“, der Detective deutete auf einen großen Mann in Uniform, „hat unser Büro in Kenntnis gesetzt… wann, Jones?“
„Vor drei Minuten, Sir.“
„Die Verzögerung tut mir leid, Constabler.“
„Kein Problem, Sir.“
„Sehen Sie, Mr. Tenant, egal, ob uns die Nachricht jetzt erreicht, morgen oder in drei Jahren – es macht für uns keinen Unterschied. Wir haben eine Zeitmaschine, also kommen wir hier an, wann wir wollen. Und da wir die Kollegen ungern warten lassen, kommen wir meist kurz nach ihrem Anruf. Schon was gefunden, Jones?“
„Hat Sie das Büro denn nicht informiert?“
„Doch. Wir haben eine Leiche, oder?“
„Ja, Sir, das stimmt.“ Constabler Jones deutete auf den blutverschmierten Körper, der auf dem Fußboden lag. „Wurde brutal umgebracht. Tatwaffe ist die Stehlampe da drüben, Sir. Wir haben daran temporale Fingerabdrücke gefunden.“
„Was, mein lieber Tenant, natürlich keine richtigen Fingerabdrücke sind, sondern nur der Hinweis darauf, dass der Mörder kurz vor der Tat mit einer Zeitmaschine gereist ist. Was, wie ich hörte, den Täterkreis ein wenig eingeschränkt hat.“
„Das hat es in der Tat, Sir.“
„Das… das…“ Lou Tenant sah sich noch immer mit offenem Mund um. Er schien mit den Eindrücken, die auf ihn einstürzten, überfordert zu sein. „Wo sind wir hier überhaupt?“
„Nicht die Frage, die man als erste erwartet.“
„Wieso, welches ist die erste Frage?“
„ Wann sind wir?“
„Das sagten Sie eben, vorgestern?!“
„Gut aufgepasst.“
„Aber das hier ist… nicht New York.“
„Nein… aber es ist dicht dran.“
Jones lachte.
„New… Jersey?“
„Sieht Constabler Jones nach New Jersey aus?“
„Nein…“ Tenant zuckte die Schultern, „er sieht eher… nach England aus.“
„York, um genau zu sein. Eine Grafschaft. Mit einem Constabler. Wie aus einem alten Krimi.“
„Aber… England…“
„Wenn wir nicht an Zeit gebunden sind, werter Kollege, warum sollten wir dann an Orte gebunden sein? Wir kümmern uns um Zeitreiseverbrechen… ich meine, wissen Sie, warum man unsere Organisation nicht ‚Crime Travel’ genannt hat?“
„Äh… nein.“
„Weil eine britische Sendung schon diesen Namen hatte. Gut, wir hätten natürlich in der Zeit zurückreisen, diesen Namen schützen lassen und sie dann verklagen können, aber wie gesagt, wir wollen mit unserer Arbeit nicht zu viele Löcher ins Kontinuum schlagen.“ Cause grinste. „Also, wer ist der Tote?“
„Lord Horst von Debenham.“
„Horst von…“
„Klingt für Sie nicht britisch genug?“
„Nein.“
„Wir leben in anderen Zeiten. In… mehreren anderen Zeiten, um genau zu sein. Wissen Sie, ab irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit wird sich alles so sehr vermischt haben, dass weder Rassen noch Namen mehr wirklich eine Rolle spielen.“
„Und Geschlechter?“
„Na, das will ich doch schwer hoffen, dass die eine Rolle spielen. Wo wäre sonst der Spaß?“ Ethan zwinkerte ihm zu, dann wandte er sich wieder an den Constabler. „Also, ein toter Lord und drei Verdächtige.“
„Ganz recht, Sir.“ Jones sah auf seinen Elektroblock. „Lord Horatio von Peebles, Lord William Chang und Lord Francois de Honc.”
„Danke, Jones, gute Arbeit.“
„Danke, Sir.“ Er reichte Ethan den Block. „Hier finden Sie auch eine Auflistung der Dinge, die man am Tatort gefunden hat.“
Cause warf einen flüchtigen Blick darauf, dann reichte er den Block an seinen jungen Lehrling weiter. „Prima. Unsere nächsten Schritte?“
„Die… Verdächtigen verhören?“
„Sehr gut.“
„Aber…“
„Eine weitere gute Idee?“
„Wir… könnten… Nun, wir müssen ja nicht Sie in der Zukunft fragen, wer der Täter war, aber könnten wir uns es denn nicht auf eine andere Weise leichter machen?“
„Und die wäre?“
„Wir könnten in die Zukunft reisen und schauen, welcher von den dreien im Gefängnis sitzt.“
Cause lächelte. „Versuchen wir’s!“
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