>>Ist es klug, diesen Leuten das zu sagen? << Xian runzelte zweifelnd die Stirn.
>>Besser, als sie im Ungewissen zu lassen, << erwiderte Duncan und verschwand zwischen den Unmengen an Kleidungsstücken, die hinter dem Tresen hingen.
Durch eine geheime Pforte im hinteren Teil des Geschäftes gelangte er in einen Büroraum, in dem sich einige Personen aufhielten.
Drei davon kannte er, denn es waren Mitarbeiter, die er selbst aus London mit hierher gebracht hatte.
Den vierten Mann kannte er dagegen nicht, weshalb er direkt auf diesen zutrat und sich vorstellte.
>>Duncan MacMannus, << sagte er freundlich, >>mit wem habe ich das Vergnügen? <<
Der Mann war um die Vierzig, etwa so groß wie Duncan und hatte einen Vollbart.
Sein Kopf dagegen glänzte wie eine Bowlingkugel.
>>Sergej Chekov, ebenfalls erfreut, << erwiderte der Mann und strich seinen grauen Anzug glatt.
>>Ich bin Repräsentant der hiesigen Volkskammer. <<
Duncan lächelte ihn an, um seine Unwissenheit über die örtlichen politischen Gegebenheiten nicht sofort zur Schau stellen zu müssen.
>>Ich gehöre zur Regierung der Moskauer Schattenbreite, wenn sie so wollen, << erklärte Chekov kühl.
>>Und wir sind nicht erfreut darüber, dass sie ohne unsere Genehmigung sich hier niedergelassen und eingerichtet haben. Wir haben eine Agentur hier vor Ort. <<
>>Eine Agentur ist die Agentur, Mister Chekov, << antwortete Duncan und legte seinen Mantel ab.
>>Es gibt nur eine Agentur für die gesamte Schattenbreite, Verehrtester, und die untersteht seit Kurzem mir. Alle lokalen Leiter wurden darüber informiert und keiner legte dagegen Einspruch ein.
Nicht einmal Moskau, wenn ich mich recht erinnere. <<
>>Die frühere Regierung war sehr liberal eingestellt, << verkündete Mister Chekov.
>>Außerdem war man, nun ja, zu sehr angetan von ihrem Erfolg über den Dunklen Meister, um sich ihnen in den Weg zu stellen. <<
>>In den Weg stellen? , << wiederholte Duncan verblüfft.
>>Das ist sehr rücksichtsvoll, auch wenn man bedenkt, dass wir alle in die gleiche Richtung gehen sollten und uns so gar nicht im Wege stehen können. <<
Mister Chekov schien nicht sehr amüsiert über das zu sein, was Duncan sagte.
>>Rechnen sie nicht mit der Unterstützung durch lokale Sicherheitskräfte, << erwiderte er erzürnt.
>>Ihre Befugnisse sind noch nicht durch unsere Regierung abgesegnet worden.
Sie haben hier keinerlei rechtliche Grundlagen für ihre Aktionen, egal wie diese auch aussehen. <<
Duncan sah kurz zu seinen Mitarbeitern, die sich um Mister Chekov positioniert hatten.
>>Ist das so? , << fragte er.
>>Dann sag ich ihnen jetzt mal was, Sergej. Sehen sie diese jungen Männer? <<
Er deutete auf seine Mitarbeiter im Raum.
Chekov ließ seinen Blick über diese schweifen und erwiderte:
>>Solch dramatische Auftritte schüchtern mich nicht ein. Ich war selbst einige Jahre Agent, ich kenne diese Spielchen. Scheinbar gehört Einschüchterung noch immer auf den Lehrplan eines jungen Agenten? <<
Er lächelte, doch es war ohne jede Spur von Humor.
>>Ich wollte ihnen doch nicht drohen, << erwiderte Duncan.
>>Ich wollte ihnen nur eine Sache klar machen, nämlich dass diese jungen Herren die neue Agentur verkörpern, einen Dienst, der sich an das Gesetz unserer Welt hält.
Wir sind keine Verbrecher mehr, keine Erpresser und Diebe.
Die neue Agentur dient der Schattenbreite und ihren Bewohnern.
Wir verfügen über die Mittel, unser Tun geheim zu halten vor den Augen der realen Welt.
Ich verstehe selbstverständlich die Besorgnis der Moskauer Oberen, aber sie ist völlig unbegründet.
Wir verwüsten keine Gebäude, wir töten nicht aus einer Laune heraus und versuchen auch nicht, jemanden gegen seinen Willen zu etwas zu bewegen.
Aber wir vertreten das Gesetz! Und das gilt überall auf der Welt, sowohl auf unserer Seite, wie aber auch auf der anderen. <<
>>Ich wiederhole es gerne nochmals; sie haben hier keinerlei Befugnisse, << fuhr Mister Chekov dazwischen.
>>Sie dürfen sich hier nicht als Polizei betätigen, ganz gleich, was sie bisher bewerkstelligt haben.
So lange unsere Regierung ihnen nicht diese Kompetenzen zubilligt, haben sie sich bedeckt zu halten.
Aktionen jedweder Art sind unzulässig und werden von uns nicht toleriert! <<
Duncan massierte mit Daumen und Zeigefinger seinen Nasenrücken.
Er war hundemüde und hungrig, denn seit seiner Ankunft am frühen Morgen hatte er noch keine Möglichkeit gefunden, sich in irgendeiner Art und Weise zurückzuziehen und auszuruhen.
>>Wir sind die Vertreter des Gesetzes, << knurrte er missmutig, >>und sie werden das akzeptieren.
Wenn sie ein Problem damit haben, dann muss ihre Regierung auch mit den Konsequenzen leben.
Und das ist keine Drohung, sondern eine schlichte Feststellung.
Für uns alle gelten die gleichen Gesetze, ohne Ausnahme!
Wenn sie sich davon lösen wollen, dann tun sie dies, aber bedenken sie, dass dies ein Vergehen wäre, welches dem Hochverrat gleichkäme. Auch dafür hat die Schattenbreite ein Gesetz, wie sie wohl wissen. <<
Mister Chekovs Miene blieb unbewegt, als er nickte.
>>Ich verstehe, << sagte er, wandte sich ab und verließ das Büro.
Duncan sah zu einem Mitarbeiter und sagte:
>>Gordon, lassen sie diesen Mann nicht mehr aus den Augen.
Ihre kleinen Freunde können sich hier einmal mehr als nützlich erweisen.
Er hat etwas an sich, was mir absolut nicht passt. <<
Der Mann namens Gordon, ein dürrer Bursche mit fettigen kurzen Haaren, nickte und verließ das Büro nun ebenfalls.
Duncan blickte auf seine Gefolgschaft und spürte wieder ein Gefühl der Zufriedenheit.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes vor fast zwei Jahren hatten sich viele junge Männer und Frauen bei der neu entstehenden Agentur beworben.
Darunter waren nicht nur Menschen, sondern auch viele andere Klassen, wie man sie jetzt nannte.
Gordon Fletcher etwa war ein Daimon, ein Mischling. Sein Vater war ein dämonisches Wesen gewesen, was beileibe nichts Negatives darstellte, zumindest nach den Maßstäben der Schattenbreite und ihrer Bewohner. Seine Mutter war eine Insiderin, eine frühere Agentin, gewesen, die im Dienst ums Leben gekommen war, als der Aufstand begonnen hatte.
Gordon verfügte über die Fähigkeit, kleine Dämonen zu beschwören, die ihm durch und durch ergeben waren. Echte Insider kontrollierten einen sogenannten Avatar, ein Geistwesen, welcher einen Teil ihres Selbst darstellte.
Duncan dachte nur ungern an seinen Avatar zurück.
Simon, so war sein Name gewesen, hatte sein Leben im Kampf gegen den Dunklen Meister lassen müssen, und zwar durch Duncans eigene Hand.
Dadurch wurde es dem jungen Mann unmöglich, jemals wieder einen Avatar beschwören zu können, da er selbst der Mörder seines Begleiters gewesen war.
Gordon aber kontrollierte eine regelrechte Armee von Helfern, wenn er es wünschte, die allesamt sehr klein, aber ungemein kräftig und extrem verschlagen waren.
Diese Burschen gehörten zu den besten Beschattern, die Duncan bis dato kennengelernt hatte.
Gordon mochte ungepflegt und sonderbar sein, doch er stand loyal zur Agentur.
Dasselbe galt für Kyle Drumont, einen ebenso jungen Mann wie Duncan selbst es war.
Kyle war ein Hexenmeister, spezialisiert auf Beherrschungszauber.
Er war der Verhörspezialist in Duncans Team.
Wer sich nicht schon allein von Kyle’s attraktivem Äußeren und seiner charmanten Art überzeugen ließ, der lernte die Fähigkeiten des Mannes kennen.
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