>>Frage Nummer Eins; wo ist der Dunkle Meister? <<
>>Ich weiß nichts! , << kreischte das Spiegelwesen mit schmerzverzerrter Stimme.
>>Falsche Antwort! << Duncan zog kräftiger. Die Hälfte des Gesichtes des Wesens war nun aus dem Spiegel heraus und seine Haut verwandelte sich mehr und mehr in eine Beulenlandschaft.
>>Letzte Chance! , << rief Duncan, um das Gekreische des Wesens zu übertönen.
Dieses wedelte wild mit den Armen und nickte. Sprechen konnte es schon nicht mehr.
Duncan ließ es los, woraufhin es sich ruckartig in den Spiegel zurückzog.
Augenblicklich schlossen sich die Wunden in seinem Gesicht, doch der Schmerz schien zu bleiben, wie Duncan aus der Miene des Wesens schließen konnte.
>>Also, wo steckt der Dunkle Meister? , << wiederholte Duncan.
>>Das weiß ich nicht, << erwiderte das geschundene Geschöpf im Spiegel, >>aber ich kann ihnen einen Namen sagen. Derjenige kann all ihre Fragen beantworten. <<
>>Wer ist es? << Duncan, der eine Falle witterte, wurde misstrauisch.
>>Sein Name ist Alexander Grogorin, << erwiderte das Wesen.
>>Er tarnt sich auf dieser Seite als Geschäftsmann, in der Ölindustrie.
Er hat Kontakt zu allen, zu jeder Seite! Er kann ihre Fragen beantworten. <<
Duncan lächelte nun zum ersten Mal an diesem Abend und streifte seinen Handschuh wieder über.
>>Sie waren sehr kooperativ, mein Bester, << sagte er und klopfte sanft gegen das Glas des Spiegels.
>>Ich gehe dann und höre mir an, was dieser Grogorin zu sagen hat. <<
Er wandte sich ab und trat aus dem Badezimmer.
Das Spiegelwesen grunzte zornig und wollte sich zurückziehen, als Duncan erneut vor dem Spiegel erschien. Diesmal hielt er einen Revolver in der Hand, ein Modell anno Neunzehnhundert.
Diesen richtete er auf den Spiegel.
>>Das ist ein Gruß von den Eltern des Jungen, den du auf dem Gewissen hast, Bastard, << sagte er tonlos.
Das Letzte, was das Spiegelwesen in seinem Leben sah, war das Mündungsfeuer der Waffe und eine Silberkugel, die seinen schützenden Spiegel zertrümmerte.
Zehn Minuten später trat Duncan aus dem Haupteingang des Wohnblockes und ging gemächlichen Schrittes zur Straße, wo seine Limousine stand.
Er polierte im Vorbeigehen die Ringe auf der Motorhaube und stieg dann ein.
Auf dem Beifahrerplatz lag sein Handy. Er nahm es und wählte eine Nummer.
Nach wenigen Sekunden meldete sich eine Frauenstimme.
>> Informationsdienst der Agentur, guten Abend. Was kann ich für sie tun, Mister MacMannus? <<
>>Ich brauche alle Daten und Informationen über einen Springer namens Alexander Grogorin.
Er ist ein Ölindustrieller, aus Moskau. Keine Ahnung, welcher Klasse er angehört. <<
>> Wie schnell brauchen sie die Informationen? <<
>>So schnell wie möglich. Ich will ihn möglichst bald aufsuchen. <<
>> Dann gedulden sie sich bitte einen Moment. <<
Duncan summte eine kleine Melodie, während auf der anderen Seite hilfsbereite Geister ihre Arbeit machten, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Agentur war während des Aufstandes, den der Dunkle Meister vor knapp zwei Jahren angezettelt hatte, völlig zerstört worden. Bis dahin war sie ein korruptes Unternehmen gewesen.
Als man ihm, Duncan, die Leitung der neuaufgebauten Agentur anbot, hatte er dies zuerst abgelehnt, doch schließlich hatte er sich von Persephone, seiner Freundin, umstimmen lassen.
Er hatte aus der Agentur eine Organisation gemacht, die sich nun mit der NSA oder dem Mossad vergleichen ließ, wobei dieser Vergleich natürlich hinkte. Keiner dieser Geheimdienste konnte schließlich von sich behaupten, Magier und Kobolde zu seinen Angestellten zählen zu können.
Dass er nichts mehr mit der Agentur zu tun hätte, nun, dies war eine absichtlich verbreitete Fehlinformation.
>> Ich habe die Informationen, die sie wünschen, Mister MacMannus , << sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
>>Ich bin ganz Ohr, meine Liebe, << erwiderte Duncan freundlich.
>> Alexander Grogorin, Springer, in der realen Welt Vorstandsvorsitzender der Russia Oil-Aktiengesellschaft, ist ein Hexenmeister mit dem Spezialgebiet Elementarmagie.
Er hat ein paar Geschäftspartner, die aktenkundig sind. Wollen sie deren Daten auch? <<
>>Nein, mir genügt seine Anschrift, << erwiderte Duncan.
Die Mitarbeiterin gab ihm die Daten, woraufhin Duncan ihr dankte und auflegte.
Er war zwar erst zwanzig Jahre alt, doch was er bis dato geschaffen hatte, beeindruckte ihn selbst.
Und es erfüllte ihn schon mit Stolz, die Effizienz seines Dienstes von Monat zu Monat steigern zu können.
Er wollte den Zündschlüssel drehen und losfahren, als mit einem lauten Krachen etwas auf dem Heck seines Autos landete.
Automatisch riss er die Tür auf und sprang aus heraus, wobei er seinen Revolver zückte.
Doch als er wieder auf die Beine kam, erblickte er nicht etwa einen Angreifer.
In der Klappe seines Kofferraumes steckte der Spiegel, noch immer mit dem Eischussloch in der Mitte. Selbst der Aufprall hatte den Spiegel nicht gänzlich zerstören können.
Duncan wusste, dass es wenig Sinn gemacht hätte, jetzt auf die andere Seite überzutreten, um sich umzusehen. Die Schattenbreite war eine Parallelwelt, glich aber nicht der Realen.
Wo sich in der realen Welt Hochhäuser erhoben, mochte sich in der Schattenbreite ein Moor oder kahle Landschaft befinden.
Er sah hinauf zum Hochhaus, zog dann den Spiegel aus dem Heck seines Autos und verstaute diesen im Kofferraum. Dann fuhr er ins Zentrum Moskau‘s.
Die Niederlassung der Agentur verbarg sich hinter der Fassade einer chemischen Reinigung, die von einem alten Chinesen geführt wurde.
Xian, so hieß der Alte, sah auch so aus, als hätte er bereits zwei Leben gelebt.
Er war klein, wie viele Chinesen, besaß kaum noch Haar auf dem Kopf und war runzlig und faltig, wie es sich für einen Greis gehörte. Auf seiner Nase saß eine dicke Hornbrille, die seine Augen extrem vergrößerte und ihn fast glupschäugig aussehen ließ.
Duncan hatte ihn vor einem Jahr kennengelernt und musste einmal mehr feststellen, dass der äußere Schein bei einem Wesen aus der Schattenbreite sehr täuschen konnte.
Xian besaß die Schnelligkeit einer Kobra und die Wendigkeit eines Mungos, wenn es darauf ankam.
Außerdem war er ein Zombie.
Wie Duncan später erfuhr, hatte Xian unter Mao am langen Marsch teilgenommen.
Er war in einem Gefecht getötet worden und fand sich kurze Zeit später in der Schattenbreite wieder, wo er sein zweites Leben begann.
Niemand konnte erklären, wie so etwas geschehen konnte, doch Xian fand sich recht schnell zurecht.
Ihm schien es nichts auszumachen, dass er gelegentlich Körperteile verlor und nach Mottenkugeln zu riechen begann.
Duncan betrat das Geschäft und ging zum Tresen, von wo aus Xian wie ein kleiner König über sein Reich herrschte.
>>Mein Auto hat ein bisschen was abgekriegt, << sagte er zu dem alten Mann.
>>Man soll sich bitte darum kümmern, dass es repariert wird. <<
Xian nickte.
>>Hatten sie Erfolg heute? , << fragte er Duncan.
Sein chinesischer Akzent ließ seine Worte schräg und holprig erscheinen.
>>Wie man es nimmt, << antwortete Duncan.
>>Schick den Eltern des Jungen, der verschwunden ist, eine anonyme Mitteilung darüber, dass der Täter gefunden und ausgeschaltet wurde. Vielleicht tröstet sie das etwas über ihren Verlust. <<
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