„Ihr wollt mich also wegsperren. Die Bekloppte bloß nicht in die Öffentlichkeit zerren, damit sie euch nicht blamieren kann“, konfrontiere ich sie knallhart.
„Natürlich nicht“, kam jetzt nicht sehr überzeugend aus dem Munde meines Vaters.
„Dann kann ich zur Schule. Toll“, schlussfolgere ich.
„Nein. Darüber diskutiere ich nicht, Kaja.“ Mann, Eltern sind wohl überall gleich – egal in welchem Sonnensystem wir leben.
Ich kann nicht glauben, dass ich das jetzt von mir gebe. „Ich will zur Schule gehen. Darüber diskutiere ich nicht. Hausunterricht ist nur was für Streber oder Kinder, für die man sich schämt.“ Ist ja nicht so, dass ich nicht jetzt schon der absolute Freak wäre. „Wie soll ich denn Freunde finden, wenn ihr mich hier einsperrt?“
Meine Schwester lacht laut auf und kassiert einen bösen Blick von meiner Mutter, die mich anlächelt und sagt: „Du hast bereits Eindruck bei dem Kronprinzen der Toxianer hinterlassen. Stell dir vor, Maxim hat heute seinen Besuch angekündigt.“ Nein, echt. Ich kotz gleich.
„Sein Vater zwingt ihn sicher dazu. Das Bündnis würde beide stärken“, ist meiner Schwester rausgerutscht, was man ihr total ansieht.
„ Eleonike “, tadelt sie mein Vater – ebenso nicht ganz so energisch, wie es sein sollte.
Ich stochere gelangweilt in dem schleimigen Brei, der absolut nichts mit Frühstück zu tun hat, und stell mir vor, es wär knuspriger Speck.
„Wir suchen nachher ein schönes Kleid für dich aus, damit du dem Prinzen gefällst“, sagt meine Mum, um die Wogen zu glätten. Als ob das was bringen würde.
„Ich will nach Hause“, hauche ich wehmütig.
„Du bist hier zu Hause“, erklärt mein Vater.
„Ja, fühlt sich total so an“, motze ich.
„Mir gefällt nicht, wie du mit mir sprichst, Kaja“, tadelt mich mein Vater.
„Mir gefällt nicht, wie du über mich sprichst, Dad “, kontere ich.
„Wie meinst du das?“, hakt er ärgerlich nach.
„Das weißt du ganz genau“, knalle ich ihm hin.
„ Das reicht, geh mir aus den Augen “, bestimmt er forsch und zeigt zur Tür.
Jähzornig springe ich hoch und reiße die verdammte Tür förmlich aus den Angeln. Wieso sagt mir eigentlich keiner, wie das Teil aufgeht? Naja, ich könnte sie danach fragen, aber ich hab auch meinen Stolz.
Mit Tränen in den Augen muss meine Zimmertür auch noch dran glauben, bevor ich mich in aufs Bett knalle und mir die Ohren zuhalte, um die Welt auszusperren.
Hier gibt’s nicht mal Musik, zumindest weiß ich nicht, wie man sie anwirft. Mir zeigt ja keiner was. Vielleicht haben sie Angst, die Bekloppte könnte was kaputtmachen.
Ich glaube, ich muss weglaufen und irgendwie versuchen, zurück auf die Erde zu kommen. Hier werd ich nicht glücklich. Ich brauch die Sonne und die Luftverschmutzung. Hier ist alles so steril, so total emotionslos.
Ich such mir eine Wohnung, einen Job und einen Freund. Ich komm schon allein klar. Vielleicht bring ich ja Maxim dazu, mich in seinem Raumschiff mitzunehmen, dann hau ich ab und reise per Anhalter durch die Galaxis. Das ist der Plan. Irgendwie schaff ich es schon, mich bis zum blauen Planeten durchzuschlagen. Der kann ja nicht so weit entfernt sein.
Naja, da mein Gesicht jeder kennt, dürfte das schwierig werden, unerkannt zu reisen, aber ich könnte mich verkleiden.
Mein Plan nimmt schon langsam Formen an, da lässt mich ein schriller Piepton hochfahren. Was war das? Hab ich einen Wecker? Nein, unwahrscheinlich, meine Mutter hat mich heute Morgen geweckt. Da wars schon wieder.
Ein „Kaja?“, vor meiner Tür lässt mich mit den Augen rollen. Das ersetzt wohl das Anklopfen. Mann, die vermeiden ja jegliche körperliche Anstrengung.
„Komm rein, Mum“, rufe ich. Ich hab mir gerade die Tränen von den Wangen gewischt, da geht schon die Tür auf. Wie macht sie das nur?
„Der Kronprinz lässt sich entschuldigen. Er wurde aufgehalten und hat dir eine Nachricht über einen seiner Sklaven übermittelt. Wenn du willst, nehme ich sie für dich an“, bietet sie an. So ein Zufall aber auch, er wurde „aufgehalten“.
„Nein, ich geh schon“, erkläre ich, springe hoch und folge meiner Mutter durch die Gänge bis zu der Tür, aus der alle bis auf Mum, die noch warten wollte, bis Maxim kommt, heute Morgen verschwunden sind.
„Ich lass dich dann allein. Bis heute Abend“, sagt sie doch tatsächlich und lässt mich einfach mit dem Ceflapoiden stehen, der einen Umhang mit tief ins Gesicht ragender Kapuze trägt. Sie hat echt ein Urvertrauen in diese Maschinen. Was, wenn eine Schaltung bei ihm durchschmort und er zur Killermaschine mutiert?
Im nächsten Moment zieht sich die Killermaschine die Kapuze runter. Ich entspanne mich schlagartig.
„Hallo, Jakob“, grüße ich den mir bereits bekannten Ceflapoiden, während ich meiner Mum sehnsüchtig hinterherschaue.
„Hallo, Kaja“, erwidert er und winkt sogar zurück. Wahnsinn, er spiegelt sogar mein Verhalten.
„Der Kronprinz lässt sich entschuldigen. Er wird in einer dringenden Angelegenheit verlangt und möchte seinen Besuch verschieben.“
„Schon gut, du musst nicht für ihn lügen. Ich weiß, dass er nicht herkommen will, aber das ist okay“, erwidere ich schulterzuckend.
Dass Jakob dazu schweigt, ist Bestätigung genug. „Leistest du mir an seiner Stelle Gesellschaft?“, frage ich.
„Dafür habe ich keine Befehle erhalten“, erklärt er.
„Du hast aber auch keine Befehle, es nicht zu tun“, schlussfolgere ich.
„So ist es“, pflichtet er mir bei.
„Und? Willst du hierbleiben und mir Gesellschaft leisten?“, frage ich ihn.
„Wenn du es befiehlst, werde ich Folge leisten“, sagt er doch echt.
„Ich befehl dir doch nichts“, stoße ich schnaubend aus. Seh ich aus wie ein Sklaventreiber? „Du kannst das selbst entscheiden.“
Er sieht mich einfach nur an, daraufhin sagt er: „Wenn das dein Wunsch ist.“
„Okay, so kommen wir hier nicht weiter“, verlautbare ich haareraufend. „Vergiss mal, was ich will. Was willst du ?“
„Ich weiß es nicht. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“
„Dann wird’s aber Zeit“, pruste ich.
„Ich möchte hierbleiben“, sagt er, was mich lächeln lässt.
„Okay, ähm, kann ich dir was anbieten? Ein Glas Wasser oder …“ Ich halte ertappt inne. Verdammt. Er ist ein Roboter, der braucht höchstens ein paar Tropfen Öl, oder?
„Nein danke“, rettet er die Situation. „Ich brauche nichts.“
„Okay. Darf ich dich was fragen?“, falle ich gleich mit der Tür ins Haus.
„Natürlich.“
„Aber das ist mir ein bisschen peinlich, also lach nicht.“ Als ob er lachen würde. Er ist ein Roboter. Wieso vergess ich das andauernd? „Wie gehen die Türen auf?“ Ich kneife die Augen zusammen, weil das so demütigend ist, ein so hochentwickeltes Wesen so etwas Banales zu fragen.
„Mit Gehirnwellensteuerung.“ Ah, auf das wär ich sicher … nie im Leben gekommen. „Du musst daran denken, dann gehen sie auf“, übersetzt er für die ganz primitiven Wesen unter uns.
Krass. Der Hauptcomputer kann also Gedanken lesen. Ganz schön beängstigend.
Nun bombardiere ich ihn mit einem Auszug meiner tausend Fragen, die er brav beantwortet. Irgendwie vertraue ich ihm, obwohl er ja eigentlich nicht richtig lebendig ist. Naja, er kommt mir lebendiger vor als die Leute, die hier leben.
„Hey, du bist ein guter Lehrer. Die nehmen dich sicher an der Schule, ich frag meine Mum“, lobe ich ihn nach einiger Zeit.
„Ceflapoiden ist es per herrschendem Gesetz nicht erlaubt, andere Berufe, als die des Sklaven auszuführen“, sagt er so nebenbei.
„Das wusste ich nicht … oder habs vergessen. Ich wollte dich nicht vor den Kopf stoßen“, entschuldige ich mich.
Читать дальше