K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Brian warf Florenz einen genervten Blick zu. »Du bist ein echter Klugscheißer, was?«

Seufzend meldete sich Enio zu Wort, bevor es Streit gab. »Brian«, begann er mit bedächtiger Stimme, die deutlich zeigte, dass er seine nächsten Worte todernst meinte. »Wie ich mit meinem Bruder verfahre, ist immer noch meine Entscheidung!«

»Aber er ist ein Verräter! Und er hat uns belogen! All die Jahre lang, diese kleine, dreckige Schwuchtel!« Brian fluchte ordentlich. »Wenn ich überlege, wie oft wir ihm den Arsch gerettet haben, und so dankt er es uns?«

Als sie vor wenigen Wochen durch reinen Zufall Alessandro gesehen haben, wie er einen Club für Homosexuelle besuchte, war das für sie alle ein Schock gewesen. Aber nur Brian hatte eine deutliche Abneigung gezeigt, als er hörte, dass Enios kleiner Bruder, ihr aller Freund, homosexuell war. Aber Enio interessierte es eigentlich wenig, wen sein kleiner Bruder fickte, aber der Verrat war nicht hinnehmbar. Zumal hinter Alessandro die gesamte Branche her war. Hinter ihm und Franklin. Was würde es für ein Licht auf Enio werfen, wenn er Alessandro nur verschonte, weil sie Brüder waren?

Kein gutes, er würde schwach erscheinen. Und als Boss einer so großen Organisation konnte er sich Schwäche nicht leisten.

»Lebend!«, betonte Enio. »Das ist mein letztes Wort.«

»Wir verlieren ihn aber immer wieder!« Brian lehnte seinen schlanken Körper nach vorne und stützte sich mit den Handballen auf die Kante von Enios Arbeitstisch. »Wir wissen nur, welchen Club er hin und wieder mal besucht, aber in der Menge kann er schnell verschwinden, als wüsste er, dass er verfolgt wird.«

»Er rechnet sicher damit«, stimmte Florenz von seinem Sessel aus zu. Er hatte die Zeitung zusammengefaltet und auf der Lehne liegen lassen.

Enio betrachtete ihn musternd mit seinen blauen Augen. »Und du hast beim letzten Mal wirklich nicht herausgefunden, wo Alessandro derzeit wohnt?«

»Nein«, log Florenz. »Er ging mir ebenso verloren.«

Enio nickte bedauernd und wandte sich schließlich wieder ausatmend seinen Unterlagen zu. Wertpapiere, wenn Florenz es von seinem Platz aus richtig erkannte.

»Versucht es weiter«, sagte Enio nur zu Brian und schickte ihn dann mit einem Wedeln seiner rechten Hand nach draußen, in der er bereits einen goldenen Kugelschreiber hielt.

Brian fuhr sich noch einmal über den braunen Bart, der um seinen Mund herum gewachsen und sorgsam gepflegt war. Dann wandte er sich ab, und stampfte sauer aus dem Raum.

»Was ist mit dem anderen, diesem Valentin?«, fragte Florenz und erhob sich aus seinem Sessel.

Als er vor Enios Schreibtisch trat, konnte er gut erkennen, dass der Stuhl, auf dem sein Boss saß, zu klein für dessen imposante Statur war. Enio war ein gut gebauter Mann, groß, gebräunte Haut, dunkles Haar, das ihm in der Stirn hing, blaue strahlende Augen und kräftige Muskeln, wie bei einem Mittelklasse Boxer.

Enio sah nicht auf, als er erwiderte: »Ich habe mich bereits darum gekümmert.«

»So?« Florenz wurde sofort hellhörig. »Inwiefern?«

»Lass das meine Sorge sein, kümmere du dich um deine Aufgaben.«

Wenn Enio nicht bereit war, etwas preiszugeben, half nicht einmal Betteln etwas. Also wandte sich Florenz mit den Worten ab: »Ich werde mich dann mal in die Polizeidatenbänke einschleusen, mal sehen, ob sie vielleicht Hinweise zum Verbleib deines Bruders haben.«

Enio nickte nur noch, er war bereits wieder in seine Arbeit vertieft.

Florenz verließ besorgt den Raum und nahm die Treppe der Villa nach oben zu seinem Zimmer.

Seit Alessandros Verrat ans Licht gekommen war, war Enio nicht mehr derselbe Mann. Er stürzte sich in Arbeit, als wollte er nicht darüber nachdenken, dass er von seinem eigenen Fleisch und Blut verraten worden war.

In seinen Räumen angekommen, verschloss Florenz schnell die Tür und eilte zu seinem eigenen Schreibtisch. Er nahm Füller und Notizblock aus der Schublade und schlug den Block auf, bis er eine freie Seite vor sich hatte.

Eilig schrieb er etwas auf die leere Seite, dann riss er den Zettel aus dem Block.

Er würde nicht die Datenbänke durchforsten, nicht jetzt jedenfalls, er musste erst noch einmal ganz dringend in die Stadt fahren, am besten bevor Brian das Haus verließ.

***

»Der Junge ist also dein kleiner Bruder?«, hakte Jan nach, man sah und hörte ihm an, dass er diesen Gedanken noch nicht richtig greifen konnte.

Der junge Mann ihnen gegenüber wandte sich an Norman, als er sprach, und ließ Jan vollkommen links liegen. »Wir leben nicht zusammen. Matti lebte bei einer Pflegefamilie und Mama darf ihn nur selten haben.«

»Matti? Heißt er so?«, fragte Norman.

Der Junge nickte.

»Und du bist?«

Tief Luft holend antwortete er: »Nicci.«

»Nicci und Matti«, wiederholte Norman.

Jan nahm einen Stift zur Hand. »Kannst du uns den vollen Namen deines Bruders nennen?«

»Matthias Rena.«

»Und deiner lautet?«

»Nicolas Rena«, antwortete Nicci. »Wir tragen beide den Mädchennamen unserer Mutter.«

»Ihr habt die gleiche Mutter?«, fragte Norman.

»Ja.«

»Aber verschiedene Väter?«

»Mhm.«

»Und Matti wäre jetzt eigentlich bei seiner Pflegefamilie?«

Nicci zuckte mit den Schultern. »Ich ... weiß nicht. Ich habe ihn vor drei Tagen dort abgeholt, für Mama. Ich weiß aber nicht, wie lange er bei ihr bleiben durfte.«

»Wo wohnst du denn?«, fragte Jan etwas zu grob. Er machte Notizen obwohl Norman sah, dass auf dem Tisch ein eingeschaltetes Diktiergerät lag. Jan war eben fleißig und Nerv tötend überkorrekt.

Nicci antwortete nicht.

»Offiziell?«, hakte Norman nach. Er war – untypisch für ihn – einfühlsamer als Jan, weil er den Gemütszustand des Jungen verstehen konnte.

»Offiziell lebe ich bei meiner Mutter«, bestätigte Nicci. »Ich lebte auch kurz dort, wo Matti jetzt ist, aber die wollten mich nicht, weil ...«

Jan zog eine Augenbraue hoch. »Weil ...?«

Nicci verschloss sich wieder und sah stumm zur Wand.

Norman fragte etwas Anderes: »Und du bist nicht oft bei dir zu Hause?«

Nicci starrte zu Boden, als er den Kopf schüttelte.

»Wo bist du dann?«

Er zuckte mit den Schultern, sah immer noch nicht auf. »Mal hier, mal dort. Bei Freunden, Bekannten. Bei meiner Oma.«

»Bekannte der Familie?«

Nicci schüttelte den Kopf.

Norman leckte sich über die Lippen und zuckte kurz innerlich zusammen, als er Alessandro darauf schmecken konnte. Salzig süß, als habe sich Schweiß von der Oberlippe mit dem Saft einer Melone auf den Lippen vermischt. Sofort erkannte er, dass er im selben Raum saß wie damals, als er Alessandro das allererste Mal verhört hatte.

Er musste die süße Erinnerung erst einmal verdrängen, sonst hätte er sich nicht mehr konzentrieren könnten.

»Nicci – ich darf doch Nicci sagen, oder?«

Er nickte.

»Nicci«, fuhr Norman fort, »wie alt bist du?«

»Fünfzehn.«

Deshalb hatte er keinen Personalausweis bei sich getragen, die wurden ja erst ab einem Alter von Sechzehn ausgestellt.

»Gehst du zur Schule?«

Nicci nickte.

»Wo?«

»St. Marienstadt Gesamtschule.«

Norman nickte, während Jan sich alles halbherzig notierte. Die ganzen belanglosen Fragen dienten nicht nur zur Informationssammlung, sondern sollten Nicci auch in Sicherheit wiegen und ihm das Gefühl geben, das er hier nicht als Verbrecher saß.

»Wie heißt deine Mutter?«

»Chantal Rena.«

Chantal ... Norman hasste diesen Namen. So leid ihm der Gedankengang tat, doch die meisten Frauen mit dem Namen Chantal entstammten einer mittellosen asozialen Familie und führten diese Tradition stolz fort. Wie gesagt, die meisten, die er kannte, nicht alle!

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