K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Norman klappte der Mund auf. Denn dieses eine Mal war es tatsächlich nicht so gewesen. Alessandro täuschte sich. Er täuschte sich gewaltig.

»Ich habe es für dich getan«, beharrte Norman. »Für dich. Und das, obwohl du nicht einmal bei mir bist!«

»Und wessen Schuld ist das?«, fuhr Alessandro ihn an. Seine grünen Augen sprühten Feuer in Normans Richtung. »Bestimmt nicht meine.«

Ausatmend schloss Norman die Augen. »Ich sagte, dass es mir leidtut.«

»Klar, damit ist ja auch alles wieder gut«, konterte Alessandro ironisch.

Norman breitete die Arme aus. »Was soll ich denn sonst tun?«

Sie sahen sich an. Eine gefühlte Ewigkeit rührte sich keiner von beiden, Alessandro blinzelte nicht einmal während er Norman fassungslos anstarrte.

Dann schnaubte Alessandro und fragte provozierend: »Wie geht’s deinem Freund, Norman?«

Norman senkte schuldbewusst den Blick.

»Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass du dich hier mit mir triffst?«

»Das geht ihn einfach nichts an«, sagte Norman, obwohl er wusste, dass das nicht stimmte.

Alessandro schüttelte über Norman den Kopf.

Es entstand erneutes Schweigen zwischen ihnen. Norman nutzte die Gelegenheit und musterte Alessandro sehnsüchtig von oben bis unten. Dabei fiel ihm die Spitze eines weißen Briefumschlags auf, der gefaltet aus Alessandros Jeanstasche ragte.

Norman runzelte die Stirn. »Was ist das?« Er nickte auf das Objekt, das ihn neugierig gemacht hatte.

Alessandro sah an sich hinab. Dann schob er den Umschlag in die Hosentasche, bis Norman ihn nicht mehr sehen konnte.

»Nichts. Nur Bargeld.«

Norman nickte, obwohl es ihm doch etwas seltsam vorkam. Andererseits besaß Alessandro kein Konto, sein Gehalt bekam er schwarz auf die Hand, und das ließ er sicher ungern in seiner Bruchbude liegen, wo man leicht einbrechen konnte.

Als die Stille zwischen ihnen anhielt und die Kluft zwischen ihnen immer größer und spürbarer wurde, hielt Norman es nicht mehr aus. Er wollte wegrennen oder auf ihn zu rennen, irgendetwas, nur damit die Situation sich änderte.

Entschuldige dich , forderte er sich selbst auf. Sag ihm, wie sehr er dir fehlt! Fleh ihn an, zurück zu kommen! Tu endlich irgendetwas!

Aber stattdessen brachte er nur kopfschüttelnd hervor: »Ich kann das nicht mehr.«

Alessandro wirkte traurig, als wüsste er, was Norman nun explizit meinte.

»Sie werden die Ermittlungen gegen Enio auf Eis legen«, beichtete er Alessandro und sah ihn entschuldigend an. »Ich fühle mich wie ein Versager. Ich habe nicht nur diesen Fall vermasselt, weil ich nichts gegen Enio vorweisen konnte, ich habe auch alles vermasselt, was dich betrifft. Ich hätte dich vor ihm retten sollen.«

Alessandro runzelte ärgerlich die Stirn. »Norman ... Hör auf, dich selbst zu bemitleiden.«

»Ich wünschte, ich könnte ...«

»Zieh dir diesen Schuh nicht an.« Alessandro klang etwas einfühlsamer. »Er hat mich sieben Jahre lang nicht bekommen, er wird mich auch jetzt nicht in die Finger kriegen. Es ist nicht deine Schuld, du hast alles getan, was du konntest. Jetzt ist es mein Problem. Allein mein Problem! Ich kann auch auf mich selbst aufpassen. Du hättest nur früher sagen müssen, dass du mir nicht mehr helfen kannst. Trotzdem, danke, dass du es versucht hast.«

Bei den letzten Worten verspürte Norman doch tatsächlich eine gewisse Erleichterung. Denn zwischen ihm und Alessandro waren zuletzt immer seltener nette Worte gefallen.

»Wir fanden heute eine Kinderleiche. Einen Jungen.« Norman wusste nicht, warum er es Alessandro erzählte. Er hatte das Bedürfnis, jemanden davon zu berichten.

Nein, nicht jemandem, sondern Alessandro.

»Ermordet?« Alessandros Frage klang trocken. Er war nicht so sentimental wie Norman. Oder er konnte es zumindest immer gut verbergen. Vielleicht lag es auch daran, dass er einfach zu abgebrüht und abgehärtet war vom Leben als Killer. Norman wusste aber, dass trotzdem ein gutes Herz in Alessandros Brust schlug, auch wenn er es nicht zeigte.

Norman nickte auf Alessandros Nachfrage hin nur stumm.

Alessandro kaute nachdenklich auf der Unterlippe. »Wie alt?«

»Fünf oder sechs.«

Wenn jemand ihnen zuhörte, könnte dieser annehmen, sie würden über etwas Belangloses sprechen, über Zugfahrpläne oder den Sommerregen, aber gewiss nicht über ein ermordetes Kind.

Alessandro zog den linken Mundwinkel mitleidvoll nach oben, als er begriff: »In Arnos Alter. Tut mir leid, Norman.«

Norman senkte den Blick und schluckte laut, ehe er weitererzählte: »Als ich dort stand ... war ich wie gelähmt. Und dann ... dann sah ich, wie er einatmete.«

Alessandro runzelte verwirrt die Stirn, er trat neugierig geworden etwas näher.

Norman sah ihn verzweifelt an. »Er war tot und ich dachte ... Nein! Ich habe tatsächlich gesehen, wie er einatmete. Obwohl er tot war! Und ich bin vollkommen ausgeflippt und habe geschrien, dass er noch lebt. Jan und alle anderen hielten mich für verrückt. Tun sie wahrscheinlich jetzt noch.« Norman sprach zu schnell, zu schrill. Er begann, aufgebracht hin und her zu wandern und wild zu gestikulieren. »Ich habe es wirkliche gesehen! Nicht nur im Augenwinkel und nein, es war nicht nur der Wind! Ich habe wirklich geglaubt, diese Bewegung zu sehen! Ich werde wahnsinnig!« Er hatte Tränen in den Augen, als er Alessandro flehend ansah. »Und ich weiß auch warum. Wegen dir! Weil ich dir nicht helfen konnte, obwohl ich es dir schulde. Außerdem habe ich eine Scheißangst um dich!«

»Norman!« Alessandro kam noch näher. »Es ist okay ...«

»Nein, ist es nicht!«, zischte Norman. »Ich hätte es tun müssen ! Ich hätte ihn einbuchten müssen! Aber wie, wenn es nichts gibt, was seine Verbrechen nachweislich bestätigen kann? Er ist einfach zu gut für mich. Das macht mich irre. Es frisst mich auf! Und ich kann nicht schlafen, ich habe Alpträume, und bin ich wach, gebe ich mir ständig die Schuld dafür, dass du so grauenhaft leben musst-«

Alessandro sprang auf ihn zu und umfasste Norman Nacken mit allen zehn schlanken Fingern. Er sah ihm mit seinen grünen Augen eindringlich in das verzweifelte Gesicht.

»Norman«, hauchte er beruhigend. »Es ist okay . Es ist vorbei! Du hast mir geholfen, sehr sogar. Vergiss nicht, dass ich ohne dich noch immer ein Killer wäre, der sich selbst leugnen muss. Enio ist und bleibt mein Problem.«

Norman schniefte. »Deine Probleme sind auch meine.«

Nachdrücklich schüttelte Alessandro den Kopf. »Nicht mehr. Nein.«

Alessandros Augen glitten zu Normans Lippen und in seinem düsteren Blick las Norman die gleiche Sehnsucht, die auch er verspürte.

»Es ist vorbei«, sagte Alessandro eindringlich und blickte Norman wieder in die braunen Augen. Er ließ offen, ob er Enio meinte oder die Sache zwischen ihnen. »Und das ist okay. Ich werde damit alleine fertig.«

Das wollte Norman aber nicht, doch bevor er etwas einwenden konnte, lächelte Alessandro ihn zerknirscht an und sagte: »Vergiss den Fall, such den Mörder des Jungen. Hol dir deinen Ruf zurück! Und zerbrich nicht weiter an meinen Problemen.«

Norman hatte das Gefühl, das Alessandro sich jetzt verabschieden wollte und legte deshalb seine Hände um dessen dünne Unterarme, um ihn am Gehen zu hindern.

»Geh nach Hause in deine schicke Wohnung zu deinem spießigen Freund, Norman, und schlaf dich aus.« Alessandro lächelte, trotz der stichelnden Worte. »Du lebst jetzt dein Leben, und ich meines. Was der andere tut, geht uns nichts mehr an.«

Norman schüttelte den Kopf. »So war das nicht geplant.«

Alessandro überraschte Norman, als er ihn zu sich zog und ihn einfach küsste.

Norman spürte die weichen Lippen des anderen Mannes, warm und köstlich, wie sie sich mit seinen bewegten als er den Kuss ebenso leidenschaftlich erwiderte.

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