K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Erneut zuckte Norman mit der Schulter. »Möglicherweise überkam es ihn. Er konnte sich nicht zurückhalten.«

»Aber er verlor damit das geforderte Geld.«

»Wenn er das Geld denn überhaupt wollte.«

»Warum sollte er es sonst verlangen?«

Während Norman darüber nachdachte, biss er in seinen Donut und kaute eine Weile langsam, während Jans Augen an seinen Lippen klebten, an denen noch Schokolade hing.

»Vielleicht spielt er einfach mit uns«, sagte Norman schließlich. »Oder er findet es aufregend, auch Nicci zu erschrecken.«

»Oder Nicci schrieb den Brief selbst.« Jan hielt an der Schuld des Jungen fest. »Für mich liegt es einfach nahe, dass er seinen Bruder ermordet hat.«

»Selbst, wenn du Recht hast, haben wir nichts, was das beweist, nicht einmal ein Indiz.«

»Wenn auf dem Zettel nur Niccis Fingerabdrücke zu finden sind, schon.«

»Das bedeutet nur, dass der Täter wohlmöglich Handschuhe getragen hat. Was passen würde, immerhin hat er auch seine Spuren von der Leiche gewaschen, da wird er bei seiner kleinen Botschaft nicht den Fehler gemacht haben, Abdrücke zu hinterlassen. Er ist vorsichtig und vorausschauend.«

»Klingt fast, als wüsste er, wie wir arbeiten.« Jan sagte das mit einer gewissen zynischen Stimmlage, als machte er sich über Norman lustig.

Norman spülte einen Bissen Donut mit Kaffee hinunter.

»Warum auch nicht?«, fragte Norman dann. »Täglich sieht man im freien TV, wie die Gerichtsmedizin arbeitete und was sie alles herausfinden kann. Für eventuelle Täter ist das quasi eine Anleitung für den perfekten Tathergang.«

Jan holte tief Luft und rieb sich wieder die Stirn. »Ich fürchte, wir müssen den Jungen wohl gehen lassen. Vorerst.«

»Ich denke, wir können ihn über Nacht dabehalten«, warf Norman ein um Jan einen Knochen zuzuwerfen. Davon abgesehen, das er Jan nicht verärgern wollte – jedenfalls nichts so kurz vor Feierabend – glaubte Norman, dass es besser war, den Jungen erst einmal nicht frei zu lassen, und sei es nur um ihn zu schützen. Der Zettel war vielleicht nur ein Spiel des Täters, aber Nicci könnte ebenso in dessen Visier geraten sein.

»Wenn wir ihn morgen gehen lassen, müssen wir Leute abstellen, die ihn beobachten«, sagte Jan schlechtgelaunt. »Wie ich Schreiber kenne, dürfen wir das machen.«

»Abwarten«, murmelte Norman mit vollem Mund. Es war noch nicht gewiss, ob sie den Fall übernehmen würden, eigentlich gab es Kollegen, die mit solchen Fällen bereits Erfahrung hatten und vermutlich besser geeignet waren. Norman und Jan hatten nur den Anfang gemacht, weil sie die Leiche entdeckt und sonst niemand da war oder Zeit hatte. Es war spät, aber der Fall durfte nicht bis Morgen warten. Sie hatten aus Nicci schon einige Informationen herausbekommen, die ansonsten erst am nächsten Tag und vermutlich zu spät ans Licht gekommen wären. So hatten Jan und Norman das Fundament für die Ermittlungen bereits gelegt, das war besser als den Kollegen den Fall auf den Schreibtisch zu legen und sie damit zu Arbeitsbeginn zu überraschen. Wer nun endgültig die Ermittlungen weiterführen würde, lag schließlich in Schreibers Hand.

Jan hob seinen Arm und sah auf seine Uhr. »Den Obduktionsbericht bekommen wir frühestens morgen früh. Schreiber Informiert gerade die Angehörigen und will, dass wir ihnen eine Nacht Zeit lassen um die Nachricht zu verarbeiten. Also müssen die Befragungen bis morgen warten. Ich schätze, das war’s erst mal für heute.«

Norman wollte protestieren, aber sie konnte nur darauf warten, dass die Gerichtsmedizin mit ihren Untersuchungen fertig war, und dass würde vor morgen nicht geschehen.

Doch er beschloss: »Gleich Morgenfrüh nehmen wir uns die Mutter vor.«

Jans Augen leuchteten, als sie beschlossen, Feierabend zu machen. »Gehen wir?«

Norman trank seinen Kaffee aus, er nickte. »Gehen wir.«

Aber eigentlich freute er sich nicht auf eine Nacht voller Alpträume, die niemals enden würden, es sei denn, jemand würde ihm eine Nadel durchs Gehirn jagen.

Norman konnte nur hoffen, dass er diesmal aufwachte, bevor er erneut Alessandro das Messer in die Brust stach.

***

Im Restaurant war an jenem Abend die Hölle los. Aber Alessandro begrüßte den Stress, denn er verhinderte, dass er zu sehr über seinen Exfreund nachdachte.

Norman. Der schicke, immerzu perfekte Norman, mit den vielen inneren Charakterschwächen, die nur Alessandro wirklich kannte. Warum sie sich eigentlich mochten, war fragwürdig, immerhin haben sie die meiste Zeit ohnehin nur gestritten. Und doch war es genau das, was Alessandro fehlte. Die ewigen Auseinandersetzungen, vor allem wegen Alessandros früherem Job, die Ideale, die Moralansichten, die Norman von sich gab, aber dann selbst nie beachtete. Norman war jemand, der gerne der ›Gute‹ war, der Held, der Beschützer, der gefeierte Ermittler. Aber Alessandro wusste, dass er das nicht wirklich war. Sie waren beide keine Helden. Norman ging es immer nur um sein eigenes Ansehen, um seinen Ruf, und Alessandro wollte stets nur seinen eigenen Arsch retten.

Doch damals, bei den Ermittlungen gegen Franklin, hatte sich das geändert. Zwar blieben sie Egoisten, aber immerhin haben sie ab da auch manchmal einen Gedanken an den anderen verschwendet.

Alessandro hatte nie Probleme damit gehabt, der fragwürdige Typ sein. Nicht wirklich. Natürlich verfolgen ihn die Gesichter seiner Opfer, andererseits hatte er nie einen Unschuldigen getötet. Nie! Trotzdem wachte er nachts manchmal schweißgebadet auf, zitternd und in Panik, weil er eine Angstattacke hatte. Aber das machte nichts, er hatte sich daran gewöhnt, so war sein Leben nun mal. Er verdiente es nicht anders.

Nur Norman war nie über die Ereignisse hinwegkommen. Nie über die Schuld, über die er nicht sprechen wollte. Die Alpträume waren immer schlimmer geworden, irgendwann hatte nicht einmal Alessandro sie vertreiben können. Bis Norman schließlich ...

Okay, darüber wollte Alessandro nicht nachdenken.

Nie mehr wieder! Es war vorbei. Und das war gut so.

Wem redete er sich das eigentlich ein?

Alessandro stellte einen Kasten schmutziges Geschirr in die Spüle und ließ heißes Wasser aus dem Hahn hineinlaufen. Während er wartete, dass die Kiste volllief, lehnte er sich seitlich an die Spüle, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete die Nachrichten in der kleinen Glotze, die über der Essensausgabe hing.

Gerade wurde der Bericht des Leichenfunds gezeigt, den Norman erwähnt hatte. Eine junge Reporterin, dürr wie eine Schaufensterpuppe, mit langem blondem Haar, das sie mit einem schwarzen Regenschirm vor dem Unwetter schützte, stand in ihrem schicken weißen Hosenanzug vor einer Kamera und sprach in ein Mikrofon vom regionalen Fernsehsender. Sie trug dezentes Make up, bis auf den fiel zu dunklen Liedschatten, der ihr etwas Verruchtes gab, und das mochte Alessandro nicht.

Gut, er war vielleicht auch nicht gerade dazu geeignet, Frauen zu beurteilen. Obwohl es da in früher Jungend ein paar sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gegeben hatte. Aber nur, weil er versucht hatte, nicht schwul zu sein. Was sich im Nachhinein als dämlich herausgestellt hatte, denn seine Sexualität kann man sich eben nicht aussuchen.

Leider würde es sein Bruder bestimmt anders sehen und ihn eigenhändig kastrieren, wenn er es herausfinden und ihn schnappen würde.

Alessandro hoffte, dass beides niemals der Fall sein würde.

In der Glotze, die in der Küche oberhalb der Essensausgabe hing, konnte Alessandro hinter der Reporterin den abgesperrten Fundort sehen. Eine dunkle Sackgasse. Dort neben der abgedeckten Leiche stand Norman und sein Kollege Jan, den Alessandro erst beim zweiten Hinsehen erkannte, weil sein Haar blondiert war.

Alessandro schnaubte, er konnte nicht nachvollziehen, weshalb man das Bedürfnis hatte, seine Haarfarbe zu ändern. Selbst er, der überall gesucht wurde, dachte nicht daran, seinem Haar so etwas anzutun.

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