Erst jetzt fielen ihm die Blumen auf, die den Wegrand säumten. Wunderschöne Blüten schmückten die Wiesenblumen, in der Abendsonne Juwelen gleichend. Erstmals roch er auch den Wald, nahm die verschiedensten Gerüche wahr. Düfte, die ihm noch nie aufgefallen waren. Vielleicht versagte der Geruchssinn des Stadtmenschen, wenn er durch die ständige Feinstaub- und Abgasbelastung geschädigt, um das Stadtleben erträglich zu machen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl in einer realen Welt zu leben, geprägt und beeinflusst durch natürliche Vorgänge, Gerüche und auch die Anstrengung die er seinem Körper gerade abverlangte. Diese Eindrücke schienen sich mit der Dämmerung die nun langsam weiter fortschritt, noch verstärkt zu werden. Immer mehr gab nun die verschwindende Sonne den Platz frei für die Kühle der Nacht. Leise klang von unendlich weit weg die Glocke eines Kirchturmes, verkündete vom nahenden Abend.
Er musste sich jetzt im langsam schwindenden Licht einen Schlafplatz suchen. Also schob er sich wieder durch den dichten Heckenbewuchs. Hier war der Hochwald nicht so ausgeprägt wie der den er nachmittags gesehen hatte. Ziemlich dichter Unterwuchs war zwischen den Bäumen aufgegangen, bildeten so kleine Heckeninseln die umwachsen waren mit einer dichten, dicken Moosschicht die ihm nun als Nachtquartier dienen sollte. Alte Fichten- und Tannenbeständen, vereinzelt mit einigen Laubbäumen durchzogen, waren hier mit viel Abstand auf der Fläche verteilt und ermöglichten somit das neu aufkeimende Leben darunter, nahmen aber durch ihre ziemlich dicht stehenden Kronen so viel Licht weg, dass es hier im Wald schon deutlich lichtärmer war, als eben noch auf dem Weg. Verstärkt wurde die zunehmende Dunkelheit auch, durch die Wolken, die sich nun zunehmen vor die verschwindende Sonne legten.
In einem der Jungpflanzeninseln machte sich Andreas sein Lager. Hier war er vor Blicken geschützt. Sorgsam entfernte er alle Äste vom Boden, suchte mit den Händen nach Steinen die seinen Schlaf stören könnten und räumte alles beiseite. Schnell hatte er sich einen komfortablen Schlafplatz eingerichtet den er noch mit allerlei Moos polsterte. Er packte seine Habseligkeiten aus, rollte seinen Schlafsack aus und setzte sich darauf und aß etwas. Langsam kehrte seine innere Ruhe zurück. Gedanken über die Erlebnisse des Tages kamen in seinem Kopf hoch, an die Zugfahrt, seinen Freund der ihm geholfen hatte, die Angst vor Entdeckung die ihn seit heute Morgen begleitete, den Zwischenfall mit der Polizei. Aber auch an den Markt, den Mann der ihn angerempelt hatte. Hätte er ihm sein Portemonnaie geklaut, hätten ihn seine Karten vielleicht verraten. Diese Gefahr musste er ein für alle mal ausschließen. Kurzentschlossen griff er zu seinem Messer und schnitt die Karten in feine Streifen die er dann im Wald verstreute. Nacheinander fielen Krankenkassenkarte, Ausweis und der Führerschein der scharfen Klinge zum Opfer. Kurz zögerte er bei seiner Kreditkarte, verdrängte aber den wehmütigen Gedanken seinen Wohlstand für das aufkeimende Gefühl der Freiheit opfern zu müssen. Müde legte er sich in seinen Schlafsack. Zog, um eventuell eindringendem Ungeziefer den Weg zu versperren, den Reißverschluss bis unter sein Kinn zu und versuchte eine geeignete Liegeposition zu finden. Mehrmals drehte er sich, ein Vorgang der nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war, da sich seine Arme ebenfalls im Schlafsack befanden. Lediglich sein Gesicht schaute noch heraus. Der Schlafsack verdiente seinen Namen zu Recht. Darin sah er wirklich aus wie eine Mumie. Es vergingen nur Minuten bis seine Augen zu und er in tiefen Schlaf fiel.
Missmutig betrat Volker May sein Büro. Er mochte die frühen Morgenstunden nicht, das war einfach nicht seine Zeit. Er ließ die Rollos an seinen Fenstern herunter und atmete erleichtert auf. Endlich schloss eine angenehme Düsterheit seinen Körper ein, entspannte sich sein verkrampfter Geist. Diese Sommermorgen waren nicht seine Welt. »Viel zu hell für einen normalen Menschen«, dachte er. May liebte den Herbst, viel mehr aber noch den Winter. Nicht die Wintertage an denen Schnee gefallen war, eher die diesigen, nassen und mäßig kalten Tage an denen sich niemand nach draußen wagte, an denen die Hälfte der Frankfurter Bevölkerung mit einem ordentlichen Winterblues in der Wohnung saß und sich selbst bedauerte.
Er dachte an die Migräneschübe, die seine Tante früher gehabt hatte. Auch sie war so extrem lichtempfindlich gewesen. Das warf natürlich die Frage auf, ob Männer ebenfalls Migräne bekommen können. Oder war das ein rein weibliches Phänomen?
Aber zusätzlich plagte ihn das frühe Aufstehen. Er war überzeugter Langschläfer und nur schwer zu bewegen, im frühen Morgengrauen aufzustehen um schließlich schon um neun Uhr auf seiner Dienststelle zu erscheinen. Obwohl er als Kommissar gleitende Arbeitszeiten hatte, war er schon bei Arbeitsbeginn zu müde, auch nur einen Finger zu regen. Dann kam nur ruhige Büroarbeit in Frage. Seine Kollegen und auch sein Chef waren im Laufe der Jahre mit seinen Eigenarten und Schwächen mehr oder weniger zurechtgekommen, besser gesagt, zurechtkommen müssen und hatten irgendwann kapituliert. Da er mit die höchste Aufklärungsquote hatte, konnte er sich solche Eskapaden leisten. Er hatte die Vorhänge geschlossen und die restliche Wache wusste, dass niemand ihn stören durfte und auch keine Anrufe durchgestellt wurden. Jeder seiner Arbeitskollegen kam scheinbar mit seinem Eremitenleben und seinen damit verbundenen dienstlichen Alleingängen zurecht.
Volker saß aber noch nicht richtig an seinem Schreibtisch als das Telefon zu klingeln begann. Er nahm den Hörer von der Gabel und ließ ihn wieder auf zurückfallen. Augenblicklich verstummte das Telefon. »Na, wenn der Tag schon so beginnt, kann das ja heiter werden!« dachte er. »Diesen Mist muss ich mir so früh nicht bieten lassen«, murmelte er und stand auf. Ein schneller Griff nach seiner Tasse und schon verließ er den Raum mit dem erneut klingelnden Nervtöter. Solche dreisten Störungen um diese Zeit durfte er sich nicht bieten lassen und hoffte, dass der Anrufer durch seine Ignoranz irgendwann aufgeben würde.
Als May eine halbe Stunde später wieder den Raum betrat, herrschte Ruhe. »Na, geht doch!« dachte er und noch bevor das »doch« im Geiste verklungen war, störte das Klingeln schon wieder. »Da hat aber jemand eine ordentliche Ausdauer. Oder zu viel Zeit«, schoss es durch seinen Kopf. Nach den zwei Kaffee, die er eben getrunken hatte, begleitet von ein paar netten Small-Talk-Runden, fühlte er sich aber nun gefestigt genug, um dem Anrufer einen guten Morgen zu wünschen.
»Polizei Frankfurt Mitte, Hauptkommissar May am Apparat« flötete er übertrieben fröhlich in den abgenommenen Hörer. Sekundenlange Stille trat ein und Volker schöpfte schon wieder Hoffnung auf einen weiteren ruhigen Tag, als schließlich eine männliche Stimme erklang. »Polizei Grimma, Ulrich Andrä« sächselte sein Gegenüber. »Sie sind ja schlechter zu erreichen als der Papst, ich habe schon den ganzen Morgen versucht sie zu erreichen.« »Als ob Du Spinner schon mal den Papst angerufen hättest«, schoss es Volker durch den Kopf, bahnte sich den Weg vom Gehirn direkt auf die Zunge und nur mit Mühe konnte er daraus andere Worte formen. »Auch ihnen einen guten Morgen Kollege Andrä. Sie wissen ja, Frankfurt, das ‚Mainhattan‘ des Verbrechens. Wir sind immer beschäftigt«, säuselte er und dachte an den Plausch am Kaffeeautomaten. »Wie kann ich Ihnen helfen?«»Ich hab noch einige Informationen über den Mercedes und seinen Besitzer. Der Eigentümer, Herr …, wie hieß er noch, ach ja, van Geerden, hatte tatsächlich einen Termin in Trebsen. Dort ist er jedoch nicht erschienen. Bislang fehlt bei uns jede Spur von ihm. Es wäre möglich, dass er wie zuerst vermutet, einen Unfall hatte. Dazu komme ich aber später noch. Wir haben den Wagen kriminaltechnisch untersuchen lassen. Wir gehen nämlich davon aus, dass er gestohlen wurde.«
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