Whopper, wie....
Ein Blitz tauchte die Leichenhalle für den Bruchteil einer Sekunde in grelles Licht und erschreckte die Schüler zu Tode. Wenig später folgte der Donner, fast direkt über ihnen.
Danach verkündete ein Rauschen, ein Windhauch, eine Zugluft allen, dass Whopper gegangen war. Mit seinem Abgang setzte ein prasselnder Regen ein.
Es war fast halb zwei, und jede Gruppe erzählte den anderen, was sie Gruseliges erlebt hatte. In Peers Gruppe hatten sich Imko und Dieke abgesprochen, in Hypnose zu fallen und nicht wieder aufzuwachen. Das hielten die beiden Zwillinge auch fast sieben Minuten durch, aber dann konnten sie nicht mehr vor Lachen. Peer fiel ein Stein vom Herzen.
Gesas Wahrsage-Künste fanden großen Zuspruch. Sie hatte allen in ihrer Gruppe eine Versetzung in die 9L vorausgesagt. Und eine Woche Klassenfahrt auf Norderney voll Spaß. Aber das war nun nicht so wahrsagerisch, denn diese Fahrt war seit Monaten geplant. Am Gruseligsten war freilich Whoppers Auftritt.
Plötzlich erinnerte sich Mia an die beiden Trauerklöße, Emma und Timm. Sie saßen noch immer in der Ecke. Emma hatte ihren Kopf an Timms Schulter gekuschelt. Es sah aus, als ob beide schliefen.
Timm?
Lass doch, Mia, die beiden haben sich lieb. Das sieht man doch.
OK, Monja. Lassen wir sie.
Als gegen halb drei alle Chips und auch die Getränke verputzt waren, ging es ans Aufräumen.
„Jetzt müsst Ihr aber mal aufstehen, Emma und Timm“, sagte Mia, als sie mit ihrer Gruppe die Stühle und Tische wegbrachte und mit dem Besen die Krümel wegfegen wollte. Aber die beiden rührten sich nicht. Mia bückte sich, schob die zwei fast leeren Cola-Flaschen zur Seite und rüttelte an Emmas Schulter.
Emma, Emma, aufwachen, es ist schon spät.
Langsam rutschte Emma seitlich weg. Vor Schreck legte Mia ihre Hand an die Halsschlagader. „Leute, Emma ist tot“, schrie sie auf.
Mit vereinten Kräften versuchten sie, Emma wieder zum Leben zu erwecken. Kaike war bei den Schulsanitätern und war perfekt in Erster Hilfe. Sofort startete sie bei Emma mit 30 Herzdruckmassagen. Frieso gab die zwei Atemspenden. Aber nichts half. Frieso roch während der Mund zu Mund Beatmung eine starke Alkoholfahne. Er rief die anderen, und die bestätigten ihm seinen Verdacht. Ein Test aus den Cola-Flaschen war positiv: Wodka, und nicht zu knapp. Als Timm sich beim Rütteln und Kneifen auch nicht rührte, wussten sie, dass auch er tot war.
„Die haben sich totgesoffen. Aus Kummer“, mutmaßte Suse. „Komasuff?“, scherzte Wulle, aber die anderen blickten derart genervt, dass er sofort aufhörte.
Mia pfiff leise auf zwei Fingern, wie sie es als Klassensprecherin in der Schule bei Bekanntmachungen immer machte und kam gleich zur Sache.
Einer für Alle, alle für EINEN. Das müssen wir heute beweisen. ALLE. Wir können nichts, aber auch GAR NICHTS dafür, dass die beiden sich tot gesoffen haben. Wir hatten strikt ausgemacht: Keiner bringt Alkohol mit. Also Verstoß gegen die Regeln. Wie kommen wir heil aus der Sache raus?
„Ich kenne Timms Hütte bei der Weide in der Nähe vom Wittmunder Wald“, meldete sich Jasper. „Die von Bauer Hinrichs. Da sind die Beiden oft hin, so zum Knutschen.“
Das ist perfekt, Jasper. Du bist dabei und zeigst, wo die Hütte liegt. Mein Plan:
Ich gebe euch aus dem Schrank zwei Leichentücher. Vier Leute, ein Tuch, an jeder Ecke einer. So könnt ihr die Leichen bequem tragen. Ich habe zwei Taschenlampen. Bei jeder Leiche geht einer voran und leuchtet den Weg aus. Von hier sind das knapp 700m bis zur Hütte, bei Regen und Wind. Aber muss sein. Zehn Leute seid ihr, macht keinen Quatsch, laut lachen oder so. Allerdings ist auf dem Weg an den Weiden nachts sowieso keiner mehr um diese Zeit. Trotzdem.
Jede Gruppe bekommt Einmal-Handschuhe aus der Waschkammer und einen Lappen. Damit werden die Cola-Flaschen gesäubert. Nicht vergessen, wieder Fingerabdrücke auf die Flaschen, NICHT EURE, sondern Timm auf seine, und Emma auf ihre Flasche. Mund nicht vergessen. Die haben daraus getrunken.
Ihr setzt die Beiden so in die alte Hütte, wie sie hier gesessen haben. Die Flaschen nicht vergessen. Und KEIN Erinnerungsfoto auf'm Handy. WICHTIG!
Die anderen gehen nach Hause. KEINER erzählt was. Ich räume hier noch auf, lüfte und geh’ dann ins Bett. Viel Lüften muss ich nicht, wegen der Klimaanlage. Die wurde nämlich eingebaut bei der letzten Renovierung, damit die Leichen im Sommer nicht übelst riechen.
Morgen bekomme ich die Leichentücher wieder, in einer Plastiktüte. Gummihandschuhe und Putzlappen entsorgt ihr selbst, aber NICHT im Wald und NICHT bei euch zu Hause.
Wir werden sicher irgendwann in der Schule von der Polizei befragt, ihr wisst NICHTS, außer Trauer um die sechs in Latein. Und den Anruf von Frau Vogelfang und der Drohung von Emmas Mutter.
Zu Hause trocknet ihr irgendwie HEIMLICH eure nassen Klamotten.
Und nun alle zusammen:
007 Zwei Leichen im Wittmunder Wald
Normalerweise fühlte Mia Samstagnachmittag eine wunderbare Ruhe in sich. Wochenende, Freunde, frei. An diesem Tag war es anders. Ihre Mutter bereitete noch das Programm der Theatergruppe um 17:00 Uhr vor und ihr Vater steckte mitten in seiner Predigt. Gegen 20:00 Uhr leitete er dann seinen Bläserchor. Der musste ebenfalls vorbereiten werden.
Mia seufzte tief in sich hinein. Kurz nach Mittag hatte sie sich mit Jasper hinter der Leichenhalle getroffen und die schmutzigen Laken in Empfang genommen. Jetzt glaubte sie, war der richtige Moment, sie heimlich zu waschen und später trocken wieder in die Leichenhalle zu legen. Mit zwei Plastiktüten bewaffnet ging sie zügig in den Keller, steckte die zwei feuchten und völlig dreckigen Tücher in die Waschmaschine und betete, dass ihre Mutter sie nicht erwischen würde. Weder beim Waschen, noch beim Trocknen oder Bügeln.
Es war noch immer Mitte Mai und wunderbares Wetter. Die meisten Klassenarbeiten waren geschrieben und die Zeugnisnoten standen praktisch fest. Niemand würde die Klasse wiederholen müssen. Niemand, denn sie hatten ja ihr System.
Warum eigentlich hatte Frau Vogelfang mit Nicht Versetzunggedroht? WARUM? Es konnte gar nicht sein. Auch bei einer sechs in der letzten Klassenarbeit. Das ergab höchstens eine schwache vier im Zeugnis.
Oder vielleicht ein Nebenfach, auf das sie nicht geachtet hatten? Musik? Kunst? Sport? Reli? „SCHEISSE“, schrie sie quer durch den Keller, „Warum? Emma? Timm? WARUM?“ Aber niemand antwortete und sie würde es auch nie erfahren.
***
Als die Glocken am Sonntag gegen zehn Uhr zum Gebet in der Lutherkirche in Waddehörn läutete und sich die Gläubigen auch aus Upmeer und Ikenbargen auf den Weg machten, klingelte zur gleichen Zeit im Polizeikommissariat Wittmund das Telefon. Ein aufgeregter Jogger berichtete von zwei Leichen in der Nähe vom Wittmunder Wald. Bei den Weiden. Zwei tote Jugendliche, die sein Irischer Wolfshund aufgespürt haben sollte. „Jugendliche, in einer zerfallenen Hütte am Weidenweg“, wie er sagte.
Ein Wagen mit zwei Beamten fuhr sofort zu der angeblichen Fundstelle. Hauptkommissar Egon Reisig fuhr zunächst die B210 entlang und schüttelte den Kopf. „Ich mache jetzt hier seit über 20 Jahren Dienst, da gab es auch schon mal eine Leiche. Aber zwei, an einer Weide, in einer alten Hütte? Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“
Jana Drexeler hatte sich gerade erst ein paar Tage eingelebt im Kommissariat. So richtig heimisch fühlte sie sich noch nicht, aber Kommissar Nils Lindström war echt niedlich und Hauptkommissar Reisig half ihr auf nette Art bei jeder Frage.
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