Tanteemmi-,
Muttervater-,
Onkelkurtsegeln-,
Potzblitzmutter-,
VaterOnkelkurt-,
oder Mutterchefarztsohnwand.
Wenn sich etwas auf eine falsche Wand verirrt hat, wird es unverzüglich auf eine andere Wand gesteckt, wo es besser aufgehoben zu sein scheint: Mit einem Mal werden ihm dann die Beziehungen, Entsprechungen und Zusammenhänge zwischen den Dingen deutlicher, manche springen förmlich hervor, weil bestimmte Erinnerungskostbarkeiten – zufälliger- oder überraschenderweise – sich so nahe gekommen sind, dass ihm ein Licht aufgeht.
Ein einzigartiges, sich immer wieder neu formierendes Puzzlelebenserinnerungsspielbild ergibt sich da, aus rollenden Tafelbäumen bestehend und fliegenden Papiererinnerungsschwalben, die zwischen den sich hin und her bewegenden Pinnwänden herumschwirren und ihren Ort, ihre Tafel suchen, die nämlich, wo sie im Augenblick ihr Nest haben.
Alles ist in steter Bewegung begriffen, nichts ist fixiert: Ein Puzzlebild, das sich in sich beständig verändert, da braucht er seinen Himmelspuzzlestein für rechts oben nicht mehr. Als es ihm in der Hose kneift und er ungläubig den Stein aus seiner Hosentasche zieht, lacht er schallend auf: „Du kommst jetzt auf die Nichtswand, die neben meiner Sternenlichtflunkerwand steht, und da bleibst du erst mal eine Weile!“
Direkt neben sich, auf dem Schreibtisch, hat er seit neuestem einen Diaprojektor stehen, der, wenn er ihn wie gewöhnlich ohne Dias einschaltet, seinen Erinnerungsbildern einen neutral genialen Rahmen verschafft. Die Bilder, die er sich gerade vorstellt, kann er dann im leeren Lichtrechteck an der Zimmerwand gegenüber betrachten – Kopf-, Bauch- und Schmuddelbilder.
Heute Nacht ist der Projektor ausgeschaltet: Ihm ist langweilig! Das kommt selten vor – er hasst Langeweile, „sie ist das Schlimmste aller Gefühle, dagegen ist Traurigkeit ein Klacks“, sagt er sich und hat keine Idee, wie er sich ablenken soll. Unwillkürlich, ganz ohne Impuls, greift er zu einer der Pinnwände, die zufälligerweise nahe an seinem Schreibtisch steht, und zieht blind einen Erinnerungsfetzen vom Baum.
Wie ein Los hat er plötzlich ein Photo rücklings vor sich auf dem Schreibtisch liegen. „Soll ich es umdrehen? Oder nicht?“, fragt er sich zögerlich, ein unbestimmtes Grummeln im Bauch. Unvermittelt tritt das Teddybärphoto vor seine Augen. Automatisch schaltet er den Projektor ein und lässt das Losphoto ungesehen vor sich liegen. – „Auf diesem Photo bin ich nicht gut getroffen“, sagt er, als er es vor sich an die Wand projiziert sieht. Tante Emmi kommt ihm in den Sinn, und er erinnert sich an ihren Altweibersommer , an schnuckelig , warmskalts und leer .
Altweibersommer : Es ist Anfang Oktober, Sonntagnachmittag und warm. Die Familie ist im Stadtpark unterwegs – Spazierengehen! Er hängt zwischen seinen Eltern, die ihn durch den Park schleifen: An ihren Händen baumelt und strampelt er durch die Luft und über die Erde, weil sie ihn über den Kies zerren, um ihn im nächsten Moment nach vorne oben zu schleudern. Einen Augenblick spürt er noch Boden unter den Füssen, ehe seine Beine nach hinten weggerissen werden, bis er im nächsten Moment hinauf in die Luft fliegt und in hohem Bogen sofort zurück nach hinten, wo er unsanft auf dem Kies landet, dabei beinahe auf die Schnauze fällt, aber von den Händen der Eltern sofort wieder nach vorne zum nächsten schiefen Luftsprung gerissen wird. „Flieg Teddy, flieg und immer wieder, flieg du Teddy!“, rufen seine Eltern besinnungslos. Plötzlich aber lässt einer von beiden los und er landet in der frisch gemähten Wiese und will nicht mehr aufstehen.
„Dann bleibst du eben liegen und wir holen dich morgen wieder ab“, ruft seine Mutter, wendet sich triumphierend von ihm ab, hakt sich extravagant bei seinem Vater unter und geht mit ihm davon. Er aber rührt sich nicht: „Nein“, denkt er, „die warten nur darauf, dass ich ihnen hinterherlaufe!“ – Mucksmäuschenstill liegt er im Gras und lauscht, wie sich beider Schritte entfernen. Endlich wagt er aufzublicken, weil ein sirrendes Pfeifen an seinem Ohr vorbeizischt und sich als Schwarzlichtpfeil von Schwalben in den abendgrünen Bäumen verliert: „Grün und fliegen gehören zusammen“, denkt er, „Duft und Bäckerei sind weiß und Himmel und Eichen blau.“ Das aber kann sich ändern, je nachdem, was man eben so erlebt.
„Der Sonntag geht beschissen los, wie beinahe jeder Tag die Wochen zuvor, ich sehe jetzt alles klar vor mir.“ – Er legt seine Beine auf den Schreibtisch, zündet sich noch eine Zigarette an und lässt den Diaprojektor laufen: Jetzt sieht er das Bild als Film. Am Nachmittag wird das Photo gemacht werden – Teddy zwischen Eltern.
„Insgeheim bin ich froh, dass ich meinen Teddybären nicht mehr im Arm halten muss“, sagt er sich, während er da so allein im Bett liegt und keine Lust auf Frühstück hat. „Den habe ich gestern im Gartenabfall weggeschmissen, so schnell kommt mir keiner mehr ins Bett!“
Ein Teddybär muss alles mit sich geschehen lassen: Morgens wird er auf den Boden geschmissen, wenn man aufstehen muss und in die Schule hetzt, weil man wie immer zu spät ist. Da liegt er dann erst einmal, bis das Zweite Dienstmädchen aufräumt und ihn unachtsam wieder aufs frisch bezogene Bett wirft, wobei sie ihm noch schnell die Schultergelenke verdreht, damit er niedlich aussieht.
Dann sitzt er womöglich den ganzen Tag dösig mit sich rum, um am Abend, beim Schlafengehen, von der Mutter nervös betatscht zu werden, wobei das blöde Steifftier sich von ihr auch noch grunzende Kinderlaute anhören muss. Damit er, der sich schon längst unter seiner Bettdecke vergraben hat, seinen niedlichen Teddy nicht in die Arme zu nehmen vergisst, endlich einschläft und keine dummen Fragen mehr stellt. „Und unseren Teddyteddy will unser Kleiner heute wieder nicht in seinem Bett haben, unseren Teddy … didsi … tatzi“, flötet die Mutter dem Wuschelohr zu und lässt ihn steif über die Bettdecke hüpfen. Dann springt er wütend auf, um sich zu wehren, hat aber schon seinen Teddybären ins Gesicht gedrückt bekommen. Was zur Folge hat, dass das Licht ausgeht.
„Da habe ich ihn lieber begraben, meinen Teddy!“ – Er erinnert sich an alle Einzelheiten, „und Tante Emmi beobachtet die heimliche Beerdigung zu allem Überfluss auch noch von oben hinterm Fenster – na Servus!“
Der Teddy aber hatte keine Chance mehr, er wollte keinen Teddy mehr um sich haben, er musste unter die Erde, auch wenn er von Margarete Steiff noch so liebevoll zusammen genäht worden war. Wenn er ehrlich war, er hatte noch nicht einmal richtig nachgesehen, ob der Teddy auch wirklich tot ist. Lebendig aber hätte er ihn keinesfalls ins Gartenabfallgrab gesteckt, niemals! Vor ein paar Wochen hat er in seiner Schlossbibliothek Edgar Allan Poe entdeckt, nein, niemals hätte er das getan, seinen Teddy lebendig begraben, da sei Poe vor!
„Ich muss ein Kasperle werden“, durchfährt es ihn, „das ist die einzige Chance, die ich habe: Entweder immer ein Teddybär bleiben oder als Kasperle zur rechten Zeit entkommen, wenigstens vorübergehend, mal sehen, was danach kommt! – Ein Kasperle ist nicht dumm! Es weiß sich zu wehren. Und wenn es denn sein muss, dann auch mit der Pritsche – gegen das Krokodil, den Kinderarztprofessor oder den Polizisten zum Beispiel: Kasperle sind direkt und ehrlich! Dagegen kann keiner was machen, Kasperle sind eben so. Und wenn es heiter und aufgeräumt um die Ecke gebogen kommt, oder unvermutet von unten auftaucht wie der Teufel, dann wundert sich nicht nur der Teufel. Dann tanzen die Puppen – und der Teufel auch. Dann tanzen Teufelspuppen! – Das Beste aber ist, dass das Kasperle immer gewinnt: Im Kasperletheater siegt immer das Gute. Das ist das Gute am Kasperletheater.
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