Endlich klingelte es.
»Na, dann wollen wir mal«, sagte Orville. »Jetzt heißt es Daumendrücken, mes enfants.« Er krempelte sich die Ärmel hoch. »Ich werde nun einen Streifen Humanopapier in das Reagenzglas halten. Färbt sich der Streifen, haben wir ernsthaft Grund zur Sorge.«
Orville war so angespannt, dass sich sein Akzent verstärkte. Vorsichtig nahm er einen Papierstreifen aus dem Aktenkoffer und tunkte ihn in die grüne Flüssigkeit. Nach einigen Sekunden zog er den Streifen wieder heraus . Die Flüssigkeit perlte ab, der Streifen war so weiß wie zuvor. Orville hielt ihn ein zweites Mal in die Flüssigkeit: Wieder blieb der Streifen weiß. Erleichtert atmete der Spurensucher aus. Arnold spürte, wie ein Teil der Anspannung von ihm wich. Zwar wusste er nicht warum, doch mit einem Mal hatte er Vertrauen in diesen seltsamen Typen.
Agatha wollte es genauer wissen: »Was bedeutet das?«
Orville schraubte das Reagenzglas zu.
»Alors, die zu untersuchende Substanz …«, begann Orville, wurde jedoch von Arnold unterbrochen: »Du meinst das Blut.«
Orville zog die Augenbrauen hoch. »Ob es Blut ist, musste erst überprüft werden. Nimm nichts als das, was es scheint. Erste Spurensucherregel.« Er kratzte sich am Kopf. »Nein, das ist die zweite Regel. Die hab ich schon während meiner Ausbildung immer verwechselt. Aber ja, in diesem Fall ist es tatsächlich Blut. Das hat meine Analyse mit dem Mikroskop eindeutig gezeigt.«
Agatha stöhnte sichtlich genervt: »Und was war das mit dem grünen Zeug eben?«
Oberlehrerhaft erklärte Orville: »Das grüne Zeug ist ein Molekül-Lösungsmittel. Es hat das Blut von dem Stoff gelöst. Dadurch konnte ich den Test mit dem hochwertigen Humanopapier durchführen. Da sich dieser Streifen nicht verfärbt hat, können wir davon ausgehen, dass es sich nicht um menschliches Blut handelt. D'accord?«
Jetzt verstand Agatha, warum Orville so erleichtert war. »Das heißt, Mama und Papa sind gar nicht verletzt?«
»Zumindest nicht schwer«, sagte Orville. »Und das hätte mich auch gewundert. So gut, wie eure chère maman trainiert ist.«
»Aber woher stammt das Blut dann?«
»Gute Frage. Schwere Frage«, Orville wog den Kopf. »Um sie endgültig beantworten zu können, muss ich die Proben mit in mein Labor nehmen. Dort habe ich mehr Gerätschaften. Vorher sollte ich noch eine Luftprobe nehmen.«
Orville hob ein braunes Päckchen aus seinem Koffer. Unter normalen Umständen hätte Agatha sich gewundert, wie all die Dinge darin überhaupt Platz hatten. Aber das hier waren alles andere als normale Umstände.
»Diese Luftsauger sind unglaublich teuer«, erklärte Orville. »Kaum kauft man einen, gibt es ein halbes Jahr später schon wieder einen besseren. Dieser hier ist noch brauchbar, hat ja auch euer Vater entwickelt, wie der Fachmann unschwer erkennt.«
Er hatte das Packpapier entfernt und strich mit den Händen liebevoll über eine Art Staubsauger im Miniformat. Die Maschine war, wie die Geräte aus der Dachkammer, mit einer samtartigen Schicht überzogen. Ein langes Kabel hing zu Boden. Orville schob das Ende in die Steckdose hinter dem Nachttisch. Im gleichen Moment begann das Sauggeräusch. Die Maschine hob ab. Kaum eine Handbreit schwebte sie über den Boden. Verdutzt nahmen die Zwillinge die Füße hoch, damit die Maschine unter ihnen entlanggleiten konnte.
Orville schien sehr zufrieden. »Wirklich ein gutes Gerät. Lässt keine Ecke aus. Früher hatten wir zum Sammeln von Luftproben nichts als Schraubgläschen. Die musste man mit der Hand durch die Luft schwenken, das gab Muskelkater! «
Nachdem der Luftsauger den Boden abgeflogen war, positionierte er sich in der Mitte des Raumes. Hier schwenkte er sein Saugrohr Richtung Decke, saugte einen Moment, stockte – und bekam einen Hustenanfall. Nach einem letzten Ächzen verstummte der Sauger. Das Rohr war verstopft.
Orville kniete sich neben die Maschine und klopfte ein paar Mal auf das Gehäuse. Da spuckte der Sauger im hohen Bogen etwas aus, das langsam zu Boden segelte.
Es war eine anthrazitfarbene Feder.
Agatha und Arnold stockte der Atem. Die kannten sie aus ihrem Traum! Der ihnen von Minute zu Minuter echter schien. War die Feder nicht der letzte Beweis? Das, was sie Nacht für Nacht sahen und hörten, war Realität!
Auch Orville war von der Entdeckung nicht angetan.
»Das gefällt mir nicht«, murmelte er und schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir ganz und gar nicht.« Er drehte seinen Fund hin und her. »Diese Feder stammt von einem Klyor. Und zwar von einem ausgewachsenen.«
Klyor? Das Wort hatten die Zwillinge noch nie gehört. Sie wussten nicht, ob sie mehr erfahren wollten. Zu groß ihre Angst, dass alles, was sie hören würden, einfach nur schrecklich war. Aber immerhin ging es hier um ihre Eltern. Agatha nahm ihren Mut zusammen und fragte mit zitternder Stimme nach.
»Nun, wie erkläre ich euch am besten, was ein Klyor ist?«, begann Orville, steckte die Feder in eine Tüte, beschriftete sie und packte den Luftsauger wieder ein. »Ein Klyor ist ein Vogel, der eigentlich schon vor langer Zeit ausgestorben ist …« Er hielt inne. »Ich denke zumindest, dass es ein Vogel ist. Immerhin hat er einen Schnabel, einen enormen Schnabel, um genau zu sein und …« Orville brach ab. »Wer wirklich wissen will, was ein Klyor ist, sollte sich das Skelett im Königlichen Museum von Masalar ansehen. Das kann ich euch wirklich empfehlen. Vom direkten Kontakt mit einem lebenden Exemplar kann ich hingegen nur abraten.«
Arnold kratzte sich am Kopf. Masalar? Was war das nun schon wieder? Er war sich ziemlich sicher, den Namen im Erdkundeunterricht noch nie gehört zu haben. War dieser Spurensucher vielleicht doch ein Schwindler? Aber immerhin hatte er die Feder gefunden ...
Orville klappte seinen Aktenkoffer zu. »Ich vermute, dass eure Eltern in der Nacht von Klyoren angegriffen wurden. Meistens planen die Viecher ihre Angriffe Tage voraus, gehen auf Erkundungsflug, um den besten Zeitpunkt herauszufinden.«
Mit einem Mal ergab alles Sinn. Oder zumindest: sehr vieles. Agatha konnte nicht an sich halten.
»Wir haben sie gesehen«, rief sie. »Die Klyore! Jede Nacht haben mein Bruder und ich sie gesehen. Aber wir dachten, es sei nur ein Traum!«
Orville schien unbeeindruckt.
»Das sieht den Klyoren ähnlich«, sagte er. »Sie tarnen sich als Alptraumwesen. Auch sonst haben sie es faustdick hinter den Ohren. Um zu vermeiden, dass es Zeugen von ihren Angriffen gibt, sondern sie bei Bedarf einen betäubenden Geruch ab. Der sorgt dafür, dass man alles vergisst.«
»Bestimmt haben die das bei Greta gemacht«, sagte Arnold. »Zum Glück! Die Arme hat ja im Bett bei Mama und Papa geschlafen!«
»Eure Eltern haben sicher ihr Bestes gegeben, um sich zu verteidigen«, meinte Orville. »Sie haben ihre Angreifer ja sogar verwundert. Aber offensichtlich wurden sie trotzdem überwältigt und verschleppt. Kaum zu glauben ... na, das Laborergebnis wird zeigen, ob meine Vermutung stimmt.«
Einen Moment stand Orville beinahe regungslos da. Agatha räusperte sich.
»Sind frische Luftproben nicht besonders brauchbar?«
»Oui, in der Tat«, gab er ihr recht. »Hast du schon an eine Karriere als Spurensucherin gedacht? Ein ausgesprochen anregender Beruf, wenn man Liebe für Details hat. Sobald die Testergebnisse vorliegen, melde ich mich bei euch, mes enfants.« Etwas zögerlich fügte er hinzu: »Am besten, ihr wartet brav hier zu Hause und bleibt erreichbar.« Der Satz klang wie auswendig gelernt. Widerwillig nickten die Zwillinge.
»Dann ist ja alles geklärt«, sagte Orville und zwinkerte merkwürdig. »Ich finde allein raus, vielen Dank.« Er nahm seinen Mantel und war schon halb aus dem Zimmer, als er sich noch einmal umdrehte. Aus seiner Westentasche zog er zwei gelbe Blumen. Sie hatten starke Ähnlichkeit mit den preisgekrönten Narzissen aus dem Nachbargarten. »Fast hätte ich es vergessen: Bon anniversaire, mes enfants.« Er überreicht den Zwillingen die Blumen mit einer Verbeugung. So tief, dass seine Nasenspitze den Boden berührte.
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