»Unser Hauptmann ist tot«, sagte Ouray tonlos. »Er liegt dort hinten, mit seinem alten Schwert war es aussichtslos für ihn. Es ist so beschädigt, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.« Sie schwiegen bedrückt.
»Was machen wir nun?« Yemon stützte sich schwer auf sein Schwert.
Currann tauschte einen Blick mit Kiral. »Wir müssen so schnell wie möglich von hier fort, vielleicht kommen noch mehr Reiter«, sagte er.
Kiral sah prüfend in den Himmel, der nun wieder zu sehen war. Der Staub hatte sich gelegt. »Wir müssen unsere Spuren verwischen, so gründlich, wie es nur irgendwie geht. Lasst uns alles mitnehmen, was uns nützen kann, Pferde, Proviant, Waffen, Rüstungen, auch die Kleidung .. heute Abend gibt es Regen, der wäscht das Blut und unsere Spuren fort.«
Ouray holte tief Luft. »Dort hinten ist eine tiefe Felsspalte, es liegt viel Geröll herum. Wir legen die Toten hinein und rollen die Steine auf sie. Dann sieht man sie nicht mehr.« Auf einmal mochten sie sich nicht mehr in die Augen sehen. Sie wandten sich alle in verschiedene Richtungen und begannen, ihre Flucht zu tarnen.
Das Bild verschwamm .. er sah das Gesicht eines toten Soldaten, sah seine Hände, wie sie ihn auszogen .. mit jedem Kleidungsstück weniger wurde sein Gegner mehr zu einem Menschen, einem Mann, einst lebendig, vielleicht mit einer Familie, irgendwo .. Er fühlte keine Regung, noch nicht .. Er nahm sich alles, was sie noch gebrauchen konnten. Dann schleifte er den Soldaten zu der Felsspalte, ließ ihn hinabgleiten .. das Bild verschwamm erneut, er hörte die Steine poltern..
Mit einem lauten Keuchen setzte Currann sich auf. Das Poltern waren keine Steine gewesen. Es donnerte. Blitze zuckten über den Himmel, dann begann der Regen herabzuprasseln. Seine Kameraden lagen um das Feuer herum und schliefen, die Gesichter unruhig, auch sie kämpften mit ihren Träumen. Vorsichtig beugte sich Currann über Sinan und fühlte seine Stirn. Sie war heiß. Er bekam Fieber!
Currann hörte ein Geräusch. Da sah er in einem Blitz, dass Kiral nicht schlief, sondern mit überkreuzten Beinen im Eingang der Höhle saß. Vor ihm, am Rande der Höhle, waren mehrere Stücke aus Leder aufgespannt, darunter standen alle möglichen Gefäße. Currann erhob sich und ging zu ihm. »Was machst du da?«, fragte er leise, um die anderen nicht zu wecken.
Kiral blickte auf. Auch er hatte tiefe Ringe unter den Augen und war sichtlich erschöpft. Aber er gönnte sich keine Ruhe. »Wir brauchen Wasser, viel Wasser, für uns und die Pferde.« Er deutete auf die Trinkschläuche, die sie von den Soldaten erbeutet hatten.
Currann war beschämt. »Du denkst viel weiter als wir alle zusammen«, sagte er und ließ sich neben Kiral nieder.
Der Cerinn schnaubte. »Noch nie allein in der Steppe gewesen, was? Dies ist eine der Möglichkeiten, in der Steppe an Wasser zu kommen, wenn man die Wasserstellen nicht kennt. Wir haben Glück. Dieses Gewitter kam ungewöhnlich spät, es ist gewiss das letzte Mal in diesem Sommer, dass es regnet.« Er beobachtete, wie das Wasser in die Schalen lief, dann füllte er auch schon die nächste in die Schläuche ab.
Currann half ihm. »Was denkst du, wie weit werden wir mit dem Proviant kommen?« Sie hatten zwar in der Heerschule gelernt, wie man bewegliche Heere verpflegte, aber dies hier .. Kiral wusste entschieden besser über das Leben in der Steppe bescheid als jede Theorie.
Kiral lehnte sich erschöpft zurück. »Wir haben die Rationen von fünfzehn Mann erbeutet, es ist nur eine Tagesration. Sie haben wohl nicht damit gerechnet, lange fortzubleiben. Das reicht für drei, höchstens vier Tage. Zusammen mit dem von unseren Packpferden kommen wir eine Woche weit. Wir werden jagen müssen..« Er brach ab.
Currann schloss seufzend die Augen. »Ich hoffe nur, dass Fürst Bajan irgendwo Unterschlupf findet.«
»Er kennt eine Menge Leute, da wird er gewiss jemanden finden, der ihn versorgt. Mach dir keine Vorwürfe! Es ging alles so schnell, wie solltest du daran denken, ihnen eines der Packpferde mitzugeben?« Kiral wusste genau, wie es in seinem Freund aussah.
Currann nickte, aber dennoch .. der Gedanke, dass die vier ohne Proviant in der Steppe umherirrten, schnürte ihm die Kehle zu. Und sie selbst waren weit fort von jeder Siedlung. Und nun? Wo sollten sie hin? Sie waren vogelfrei, Geächtete, und wurden mit Sicherheit schon gesucht. »Denkst du, dass sie unsere Spuren finden werden?«
Kiral drehte den Kopf in seine Richtung. »Nach dem Regen? Nein. Wir sind mindestens fünf Stunden schnellen Rittes von den Felsen weg. Nein, das werden sie nicht.«
Currann wollte sich mit den Händen über das Gesicht reiben, roch wieder den üblen Geruch von Blut und Kampf und ließ es bleiben. Doch dann sah er auf den Regen. Wie konnte er sich besser reinigen als damit? Er stand auf, schnürte seine Rüstung ab und stand schließlich nur noch in der Tunika da. Selbst die Stiefel und Lendenschutz zog er aus. Als Letztes nahm er den Lederbeutel mit Siris Brief ab, den er immer noch um den Hals trug. Er strich sorgsam darüber und sah erleichtert, dass er keinen Schaden genommen hatte. Er hätte es kaum ertragen, ihn von Blut befleckt zu sehen. Vorsichtig legte er ihn zu den anderen Sachen.
Kiral richtete sich erstaunt auf. »Was hast du vor?«
»Ich nehme ein Bad«, sagte Currann und trat hinaus in den Regen. Er ging nicht weit, nur so weit, dass der Regen von allen Seiten in voller Stärke auf ihn niederprasseln konnte.
Currann streckte die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und überließ sich dem Gefühl des reinigenden Regens auf seiner Haut. Alles wusch er herunter, Schweiß, Staub und Blut, aber auch seiner Seele tat es gut. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er keine Verpflichtungen, kein Ziel, er war völlig frei zu tun und zu lassen, was er wollte. Alles, was er jetzt entschied, entschied er für sich selbst. Er war niemandem mehr verantwortlich..
Ein Blitz zuckte über den Himmel, gleich darauf ertönte ein Donnerschlag, es war nahe, sehr nahe.
Currann ließ die Arme sinken. Natürlich war er jemandem verantwortlich, seinen Kameraden, die ihr Leben für ihn und seine Familie aufs Spiel setzten, besonders Sinan, der dort drinnen fiebernd neben dem Feuer lag. ›Hör auf zu träumen!‹, rief er sich zur Ordnung.
Sie mussten überleben, schon allein deswegen, weil andere für sie soviel gewagt und teilweise verloren hatte. Sie durften sie nicht enttäuschen! Voller Trauer dachte er an den Hauptmann, dem sie nicht einmal eine anständige Ruhestätte hatten geben können.
Currann wusch sich energisch die Reste des Schmutzes herunter. Sie brauchten eine Zufluchtstätte. Bajan zu folgen und nach Temora zu gelangen, schloss er sofort aus, diese Wege würden mit Sicherheit überwacht werden, und sie kannten sich nicht aus. Der Fürst hatte bessere Aussichten, ungesehen zu entkommen, wenn sie nicht bei ihm waren oder andere auf seine Spur lenkten. Nein, es musste so fern wie möglich von Gilda sein, aber noch im Lande Morann, damit sie nicht ganz abgeschnitten waren. Ein Außenposten vielleicht..
Currann hielt inne. Eine Erinnerung drängte sich in sein Gedächtnis. Eine Möglichkeit .. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Der kalte Regen half ihm, sich trotz seiner Erschöpfung zu konzentrieren.
Rasch verglich er die Landkarte mit ihrem jetzigen Standort und rechnete nach. Es war weit, aber sie konnten es schaffen, wenn Sinan .. energisch verbat er sich jeden Gedanken in eine andere Richtung. Er kehrte entschlossen zu Kiral zurück. »Versuchs auch mal, es tut gut. Ich mache solange weiter.«
Kiral zögerte nicht, aber im Gegensatz zu Currann zog er sich ganz aus. Er legte seine Kleider auf das Steppengras, ließ sie dort durchweichen und stellte sich selbst in den trommelnden Regen.
Currann blickte von seiner Tätigkeit auf, als Kiral zurückkam. Es blitzte. Trotz der Dunkelheit sah Currann die vielen Prellungen, die sein Freund davongetragen hatte. »Oh Mann, dich haben sie ja ganz schön erwischt.« Seine vielen Tätowierungen verschwanden fast darunter.
Читать дальше