Viele waren während der Kämpfe gestorben oder verwundet. Unter den überlebenden Druidai war die ehemalige Geliebte Phileas’, Asklepia. Voller Reue stellte sie sich selbstlos in den Dienst der Verwundeten und heilte alle, ob Freund oder Feind. Das erschöpfte sie so, dass sie dem Tode nahe war, doch bevor sie starb, machte sie noch eine Prophezeiung: Eines Tages, wenn eine dunkle, schreckliche Zeit über diesen Ort hereinbräche, würde ihre Gabe wieder in Erscheinung treten und das Heil über die Menschen bringen.
Und die Fremden, beeindruckt von ihrer Aufopferung und ihrer Macht, taten ebenfalls einen Schwur: Freies Geleit oder das ewige Recht zu bleiben sollten die Überlebenden haben, und sie würden schützen und verbergen den heiligen Hain und das darin enthaltene Tor zur Welt der Feen.
Die meisten Überlebenden entschieden sich zu gehen. Sie zogen fort in ein fernes Land im Westen. Aus ihnen gingen die Völker Temoras und die dortige Priestergemeinschaft hervor. Bevor sie gingen, schlossen sie jedoch einen Pakt mit dem Kriegervolk: Sollte die dunkle Macht jemals wieder erstehen, würde man sie gemeinsam bekämpfen.
Das Kriegervolk blieb und gründete die Stadt Gilda. Auch einige wenige Frauen blieben und gründeten den Orden der heiligen Asklepia, den Orden der Heilerinnen, wie er heute noch existiert. Asklepias Prophezeiung wurde von ihnen bewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben.
Viele Jahrhunderte später war Gilda zur blühenden Hauptstadt des großen Landes Morann geworden. Regiert von fähigen, starken Königen und beschützt durch ein mächtiges Heer, wuchs es unaufhörlich.
Doch irgendwann war es derart groß geworden, dass es immer schwieriger zu verteidigen war. Die goldenen Zeiten waren vorbei. Bis dato unbekannte Völker drangen an seine Grenzen vor, brachten neue Waffen, fremde Sitten und Gebräuche durch die Handelsströme ins Land. Viele Menschen reagierten auf diese Veränderungen mit Unsicherheit.
Gerade in solchen Zeiten braucht es einen starken König, der sein Volk sicher führt, doch der damalige König, Aietan, war alles andere als das. Durch den frühen Tod seines Bruders eher unfreiwillig zum Thron gekommen, war er des Regierens überdrüssig und frönte lieber dem Müßiggang, als seinen Pflichten nachzukommen. Seine Günstlinge regierten stattdessen das Reich, allen voran die skrupellosen Mönche. Ihnen gegenüber standen das Heer und die weltoffenen Händler Gildas, denen das Reich seinen Wohlstand verdankte. Seine Frau, die Königin Naluri, und der Heerführer Bajan wurden zu ihren Anführern.
Nach einiger Zeit erhielten sie einen weiteren wichtigen Verbündeten: In jeder Generation wurde ein Gelehrter aus Temora entsandt, die künftigen Könige Gildas zu unterrichten und sicherzustellen, dass der Pakt an die nächste Generation weitergegeben wird. Das war Meister Thorald. Durch die Heirat mit der Schwester der Königin fand er Aufnahme in die Königsfamilie und wurde nach dem frühen Tod seiner Frau ein treuer Freund der Königin.
Jahre später bemerkten die Priester Temoras, dass sich im Norden eine dunkle Macht zu regen begann. Phileas war wieder erwacht. Sie zogen die richtigen Schlüsse, hatten aber keine Beweise. Gleichzeitig kamen dem Heer Gildas Berichte von unheimlichen Wesen zu Ohren, halb Mensch, halb Tier, welche im Kohinor Gebirge umgehen sollten.
Meister Anwyll, der Hohepriester Temoras und alte Lehrmeister Thoralds, nahm Verbindung zu ihm auf und bat ihn, die Archive Gildas nach Hinweisen auf die damaligen Ereignisse zu durchsuchen, doch sie wurden kaum fündig.
Zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, dass einer von Phileas’ Dienern bereits zum Rat Gildas vorgedrungen war. Er kam aus einem Kloster des Lir-Deltas, jener Region des Reiches, welche dem Kohinor Gebirge am nächsten liegt. Dieser Diener hatte dem König eine Geliebte untergeschoben, die ihn in seinem Sinne beeinflussen sollte. Ahnungslos reisten Anwyll und seine Begleiter nach Gilda, um den König an den Pakt zu erinnern und ihn dazu zu bewegen, eine Expedition in den Norden zu entsenden, um endlich Beweise für ihre These zu finden.«
Mit großen Augen hatten die Kinder zugehört. »Kommen jetzt die Königskinder? Thea, Phelan und Noemi? Und Currann?«, fragten sie.
Die Großmutter lachte. »Oh ja.«
Die Kinder kicherten. »Weiter, Großmutter! Ach bitte!«
»Also gut, ihr kleinen Räuber«, sagte die alte Frau warm. »Die Königskinder, das sind Currann, der ziemlich nervtötende Thronfolger des Reiches, Phelan, sein jüngerer Bruder, und ihre jüngeren Schwestern Lelia und Leanna, die Zwillinge. Und natürlich, nicht zu vergessen, ihre unmögliche Cousine Althea, auch genannt Thea. Sie sind, als die Gesandtschaft in Gilda eintrifft, etwa so alt wie ihr. Althea ist zehn Jahre alt, Phelan zwei Jahre älter und Currann fünfzehn. Da die Königin und Thorald um ihr Leben fürchten, lassen sie die Königskinder möglichst unberührt von all den Zwängen und Intrigen des Königshofes aufwachsen. Ein vergebliches Unterfangen, wie ihr sehr wohl wisst. Ihnen ist schon lange klar, dass ihr bisher so behütetes Leben längst nicht so sorglos ist, wie man es sie glauben machen will. Besonders Althea und Phelan haben bereits jeden Winkel der Festung erkundet und sind Meister im Lauschen geworden.
Die Ankunft der fremden Besucher versetzt sie in höchste Aufregung. Endlich lernen sie Angehörige aus dem Volke von Altheas Vater kennen. Stellt euch vor, Thorald hat seine Tochter absolut im Ungewissen über sein Volk, seine ganze Herkunft gelassen. Schnell schließen sie Freundschaft mit dem fremden Jungen Jeldrik, der klug und belesen ist und ihnen viel zu berichten weiß von fernen Landen.
Doch dann verläuft der Besuch gänzlich anders als erwartet. Aufgeschreckt durch die Ankunft des Hohepriesters Temoras höchst persönlich, begeht Phileas’ Diener einen entscheidenden Fehler: Er beschwört die dunkle Macht seines Meisters und nimmt gedanklich zu ihm Verbindung auf.
Das erste Mal in ihrem jungen Leben hat Althea eine Vision. Sie träumt von einem Unglück mit vielen Toten. Es sind die Bilder, die der Diener von seinem Meister gesandt bekommt. Bald stellt sich der Traum als wahr heraus, als ein Bote überraschend Nachricht von genau dem Unglück im Lir-Delta bringt. Meister Anwyll ahnt, dass sie über eine seherische Begabung verfügen muss, und versucht ihren Vater zu überreden, sie zur Ausbildung nach Temora zu schicken. Doch Thorald zögert. Er will sie nicht ohne Weiteres den Temorern überlassen, weil er einst nicht im Guten von ihnen gegangen ist. Später nimmt Meister Anwyll ohne Thoralds Wissen Fürst Bajan einen Schwur ab, Althea unter allen Umständen sicher nach Temora zu bringen, und er bittet sie, alle ihre Träume aufzuschreiben und an ihn zu senden.
Der Rat Gildas beschließt, eine Expedition unter der Führung Fürst Bajans und unter Beteiligung der Temorer in den Norden zu entsenden, den Unglücklichen dort zu helfen. Thorald und Meister Anwyll aber verschweigen tunlichst ihren Verdacht über das Erstarken der dunklen Macht, zu gut kennen sie das Misstrauen der Gildaer gegenüber derartigem fremden Wissen. Selbst der weltoffene Bajan mag ihnen nur schwer Glauben schenken, als sie ihn einweihen.
Die Expedition bietet der intriganten Geliebten des Königs eine nie da gewesene Möglichkeit, in die Herrschaftsfolge einzugreifen. Sie bringt den König dazu, seinen Ältesten mit auf Reisen zu schicken. Ist Currann erst aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, so hofft sie wohl, könnte sie ihn leicht beseitigen lassen.
Im Norden angekommen, finden die Männer eine Stätte der Verwüstung vor. Eine riesige Schlammflut hat das gesamte Lir-Delta ausgelöscht. Niemand ist mehr am Leben, alle Spuren sind vernichtet. Sie wollen schon unverrichteter Dinge zurückkehren, als plötzlich ein wahnsinniger Mönch auftaucht und einen Mordanschlag auf Currann verübt, der ihn fast das Leben kostet. Nur Dank Jeldriks Eingreifen überlebt er knapp, und beide Jungen gehen gezeichnet daraus hervor. Es soll Jeldrik für immer mit den Königskindern verbinden.
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