In Gilda freuen sich Althea und Phelan unterdessen zu früh über Curranns Abwesenheit. Selbst Altheas gutmütiger Vater hat erkannt, dass ihm die Erziehung über die beiden zu entgleiten droht. Deshalb wird Phelan zur Ausbildung in die Heerschule geschickt, und Althea soll mit ihren jüngeren Cousinen Lelia und Leanna unterrichtet werden. Doch Lelias Sticheleien – mit ihr hatte sie sich noch nie verstanden – lassen sie sehr schnell rebellieren. Die Königin verliert die Geduld mit ihr und bringt sie zu den Heilerinnen der Stadt. Überraschenderweise, am allermeisten wohl für Althea selbst, geht sie völlig in der neuen Aufgabe auf. Sie spürt bereits jetzt, dass es ihre Berufung ist, Heilerin zu werden, und verändert sich sehr, wird ernster und ruhiger. Na, kommt euch das bekannt vor?«, unterbrach sich die alte Frau und zwinkerte insbesondere der Unruhestifterin unter der Schar zu. Diese lachte, und die alte Frau fuhr fort:
»Trotzdem unternehmen Phelan und Althea ausgedehntere Streifzüge denn je, ohne dass jemand etwas davon ahnt. Durch einen Zufall stolpern sie über eine Geheimtür und finden dahinter uralte Gänge innerhalb der Festung. Sie machen sich daran, heimlich die Mitglieder des Hofstaates zu beobachten, und lernen dabei sehr schnell die Schattenseiten des Hofes kennen. Unter der Knute der Haushofmeisterin müssen Waisenkinder hart schuften. Sie befreien die taubstumme Waise Noemi schwer verletzt aus ihren Fängen und bringen sie zu den Heilerinnen, wo sie fortan leben wird. Sie wird Altheas beste Freundin.
Bei seiner Rückkehr merken Althea und Phelan Currann sofort an, dass etwas Ernstes geschehen ist. Niemand will ihnen etwas sagen, doch die Tatsache, dass Currann und Fürst Bajan umgehend vor den König zitiert werden, spricht für sich. Althea und Phelan lauschen wieder einmal und hören, dass er von einem Wahnsinnigen fast ermordet wurde und gezwungen war zu töten. Deshalb ist er so verändert. Und wie er Althea mit Blicken verfolgt! Currann ahnt etwas von ihrem heimlichen Tun, da sind sich Althea und Phelan sicher. Sie beschließen, sich noch viel mehr vor ihm in Acht zu nehmen und ihre Streifzüge besser zu verbergen.
Diese neuen Schliche führen sie zu einer noch gefährlicheren Entdeckung: Tief versteckt in den Gängen finden sie ein merkwürdig schimmerndes Tor. Es ist jenes, das die Eroberer einst verborgen hatten. Voller Neugier öffnet Althea es und trifft auf ein fremdes Wesen, einen Feenjungen, der sie eindringlich vor dem Todesring warnt, der das Tor beschützt. Erst da bemerkt sie, dass Phelan von einer tiefen, alles Leben auslöschenden Schwärze umgeben ist und sich nicht mehr rührt. Bei dem Versuch, ihn zu retten, entdeckt sie heilende Kräfte in sich, erweckt durch die Berührung mit der anderen Welt. Sie kann Phelan befreien und zu den Heilerinnen bringen. Es ist für Phelan die Rettung im letzten Moment, er ist dem Tode nahe.
Currann ist natürlich sofort misstrauisch. Wie kann Phelan, eben noch todkrank, plötzlich geheilt sein? Er ist überzeugt, dass sie etwas sehr Gefährliches angestellt haben, und stellt Althea voller Wut zur Rede. Doch sie schweigt und merkt, dass sie ihm regelrecht unheimlich ist. Er ahnt ja nicht, dass sie Angst hat wie noch nie zuvor. Phelan hat sie eindringlich beschworen, ihre Entdeckung zu verbergen. Wer wird ihnen schon glauben? Fortsperren würden die Erwachsenen sie und bei dem Versuch, das Tor zu untersuchen, umkommen. Außerdem liefe Althea Gefahr, als Hexe angeklagt zu werden, wenn man ihre Kräfte entdeckte, und ihr wisst, das ist keine leere Drohung.« Die Kinder schluckten trocken und nickten.
»Curranns Aufnahme als Offiziersanwärter ins Heer verschafft ihnen eine Atempause. Bald hat er treue Kameraden um sich geschart und lernt ganz neue Seiten seiner Stadt kennen, besonders das Mädchen Siri, mit dem er Freundschaft schließt und in das er sich verliebt. Da geraten die Spielchen der beiden nur allzu leicht in Vergessenheit.
Bis Altheas Träume wieder einsetzen, und das grausamer denn je. Ein Mann wird furchtbar gequält, ein Ratsherr von einem Wahnsinnigen ermordet. Althea versucht, den Ratsherrn zu retten, und wird dabei von Fürst Bajan entdeckt. Er wird nun endgültig zu ihrem Beschützer, und da sie wissen, dass der Täter nur ein Opfer ist, bittet er sie zu versuchen, ihn durch ihre Gabe zu heilen. Dabei kommt sie das erste Mal wirklich mit der dunklen Macht in Berührung und ist fortan in der Lage, Phileas als Geist zu sehen. Sie träumt, dass er sich ein grausames, unsichtbares Wesen schafft. Da zweifelt sie an ihrem Verstand und fürchtet, langsam wahnsinnig zu werden. Die Erwachsenen stehen dem allen hilflos gegenüber. Sie können ihre Erlebnisse nur Meister Anwyll schildern und hoffen, dass er ihnen hilft, sie zu verstehen.
Das Attentat hat schwere Folgen. Die Mönche im Rat beschuldigen Bajan, seine Pflichten als Heerführer vernachlässigt zu haben. Sie entziehen ihm die Macht über die Festung und setzen eigene Wachen ein, die bald Angst und Schrecken verbreiten. Fortan ist die Königin von Feinden umgeben, und die Erwachsenen überlegen fieberhaft, was sie tun können. Sie greifen zu einem Mittel, das sich der ehrenvolle Bajan niemals hätte träumen lassen: Er begeht Hochverrat. Heimlich lässt er seine treuesten Untergebenen und Curranns Kameraden auf den jungen Thronfolger vereidigen. Zudem finden sie treue Verbündete bei den Heilerinnen, die fest zur Königin stehen. Unter ihnen ist Meda, die von ihrer Ordensvorsteherin entsandt wird, Bajan bei der Behandlung des todkranken Attentäters zu unterstützen. Sie wollen herausfinden, wer wirklich hinter dem Attentat steckt. Bald wird die anfängliche Hochachtung zwischen ihnen zu einer tiefen Freundschaft, die sie beide zutiefst beunruhigt, und es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander, allen Regeln zum Trotz, die insbesondere Medas strenges Ordensleben bestimmen. Zu dem Zeitpunkt wissen sie es noch nicht, aber das wird die Rettung der Königskinder sein.
Die Mühe der beiden bleibt indes vergebens. Der Attentäter wird zum Tode verurteilt. Zu seiner Hinrichtung schleichen sich Phelan und Althea trotz strikten Verbotes in die Stadt. Eine tödliche, von dem Diener ausgelöste Panik bricht aus, nur knapp entkommen sie dem Unglück und werden obendrein von Bajan und Currann erwischt. Dieser findet seinen Verdacht bestätigt, dass sie alle hintergehen, und erreicht in seinem Zorn, dass sie getrennt werden. Sie dürfen sich nicht mehr sehen. Und, was hättet ihr getan?«, fragte die alte Frau in die Runde.
»Ich hätt’ mich davongeschlichen und ihn trotzdem gesehen!«, rief die Unruhestifterin aus.
Die alte Frau lachte. »Genau so ist es. Althea ist nun ihres einzigen Vertrauten beraubt, und sie braucht Phelan, das könnt ihr mir glauben. Sie treffen sich heimlich nachts, und Phelans kleine Schwester Leanna wird zu ihrer heimlichen Botin. Über diesen Dienst entzweit sie sich endgültig mit ihrer Zwillingsschwester Lelia, was noch böse Folgen für sie alle haben soll.
In den Nächten nehmen ihre Beobachtungen ein ganz anderes Ausmaß an. Die Geliebte des Königs verabreicht ihm heimlich eine Droge, damit er nicht mehr handlungsfähig ist. Sie trifft sich zudem mit einem unbekannten Mann, an dem Althea die dunkle Macht spürt. Doch erst, als Althea einen uralten Text vom Fall der Druidai findet und Phelan von den Erwachsenen in den Pakt eingeweiht wird, begreifen sie, was das alles zu bedeuten hat: Althea ist eine Druidai, in ihr erfüllt sich die Prophezeiung vom Wiedererstarken der bösen Macht, und der Unbekannte ist Phileas’ Diener und steckt hinter den Vorkommnissen bei Hofe. Er will die Herrschaft an sich reißen und die Königsfamilie auslöschen.
Hilflos müssen sie zusehen, wie der Diener in immer schnellerer Folge zuschlägt. Althea erlebt alles in ihren grauenhaften Träumen mit, aber ihre Warnungen kommen häufig zu spät. Durch eine vom Diener eingefädelte Intrige wird Heerführer Bajan entmachtet. Als sie Currann vor einem Mordanschlag bewahrt, kommt dem Diener der Verdacht, dass es in ihrer Familie jemanden gibt, der ihn aufspüren kann, und auf wen anderes sollte sich sein Verdacht richten als auf Thorald, den temorischen Gelehrten? Im Traum stellt er eine Falle auf und schafft es, Althea bis zu ihrem Zuhause zu verfolgen. Voller Furcht darüber, dass ihr Vater sie überstürzt fortbringen könnte, verschweigt sie dies. Sie will in der Nähe ihrer Cousins bleiben, um sie zu schützen. Currann begreift nun endlich, dass sie furchtbare Angst vor etwas hat, doch anstatt zu warten und sich als Helfer anzubieten, geht sein Jähzorn mit ihm durch. Er zwingt sie, vor den versammelten Erwachsenen zuzugeben, dass sie jetzt entdeckt ist.
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