»Was wolltest du mich fragen? Und warum hast du Angst vor mir?« Althea umfasste ihren Becher und nahm einen Schluck. Diese Geste schien das Mädchen etwas zu beruhigen, aber es traute sich immer noch nicht zu sprechen. Ein Stups von Noemi half nach.
»Leute aus Temora darf man nicht behelligen«, brachte Ani hervor. Sie senkte kleinlaut den Kopf. »Es tut mir leid.«
»Aber warum das? Und gehört dieser Ort nicht zu Temora dazu?« Althea verstand überhaupt nichts mehr.
Der Kopf der Wirtstochter fuhr hoch. »Ja, weißt du das denn nicht?« Sie wirkte ehrlich verblüfft.
»Was soll ich wissen?«, fragte Althea misstrauisch.
Da dämmerte Ani langsam die Erkenntnis: »Du bist gar nicht aus Temora!« Ihre Miene erheiterte sich. Sie begann zu kichern. »Du redest nur wie sie!« Das Kichern wurde zu Gelächter.
Da Althea nicht wusste, was sie davon halten sollte, lächelte sie erst einmal vorsichtig. »Mein Vater stammt aus Temora, meine Mutter aus Gilda. Ich bin dort aufgewachsen.«
Das Lachen blieb Ani im Halse stecken. »Also bist du doch von der Gemeinschaft!« Sie wurde blass.
Althea schüttelte ratlos den Kopf. »Nein, nicht richtig. Aber wovon redest du eigentlich? Warum darf man Leute aus Temora nicht behelligen? Das verstehe ich nicht!« Sie lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und wartete auf eine Erklärung.
Ani maß sie mit einem bedauernden Blick. »Dein Vater muss schon lange tot sein, dass er dir das nicht mehr erzählen konnte.«
Mit einem empörten Schrei sprang Althea auf. »Mein Vater ist nicht tot!«, fauchte sie und rannte nach draußen.
Ani sah ihr völlig verblüfft hinterher. »Was hat er denn?« Noemi hob ratlos die Schultern. Sie hatte die beiden nicht verstanden.
Draußen sah Althea sich orientierungslos um. Wohin? Ein leises Schnauben nahm ihr die Entscheidung ab. Sie flüchtete sich in die Nähe ihrer Stute. An ihr herumzupusseln half ihr, sich zu beruhigen.
»Du brauchst das nicht zu tun. Wir machen sie gleich fertig.«
Althea fuhr herum. Ein junger Bursche teilte Futter aus. »Hast du meinen Cousin gesehen?« Es war ihr egal, ob er ihre Aussprache erkannte, und richtig, er zuckte zusammen, beherrschte sich aber besser als das Mädchen.
»Ja, er ist dort hinten. Meine Schwester hat ihn vertrieben. Sie kann ziemlich nervtötend sein«, entschuldigte er sich bei ihr und fuhr mit seiner Arbeit fort.
Phelan hörte sofort auf zu kauen, als er ihren Gesichtsausdruck sah. Sie ließ sich neben ihn ins Heu fallen. »Überall, wo ich auftauche, werde ich angestarrt. Sie fürchten sich vor mir. Du hättest sie sehen sollen, ich hatte kaum den Mund aufgemacht, und sie wäre fast im Boden versunken!« Wütend hieb sie auf das Heu ein. Phelan hörte ihrem Ausbruch stumm zu. »Und weißt du was? Dies ist nicht Temora! Warum hat Vater mir nie etwas davon erzählt?« Ihre Stimme zitterte gefährlich.
»Thea«, Phelan griff ihre Hand, »ich bin sicher, dass er es tun wollte. Auf eurer Reise. Er ist einfach nicht mehr dazu gekommen.«
»Er hat mir nie etwas von hier erzählt!« Langsam begann Althea, richtig wütend zu werden. »Und ich kann niemanden fragen, weil die Leute vor mir fast im Boden versinken. Warum kann ich nicht normal sein?«
Phelan konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich quälte. »Pass mal auf«, er erhob sich entschlossen, »wenn du die Leute nicht fragen kannst, ich kann es wohl. He!« Er winkte den Sohn der Wirtin heran. »Darf ich dich etwas fragen?«
»Klar doch..« Er setzte sich zu ihnen.
»Warum ist dies hier nicht Temora?« Der Junge schwieg völlig verblüfft. Phelan sah sich genötigt, seine Frage genauer zu erklären. »Weißt du, in Gilda nennt man alles Temora, was jenseits der Grenze liegt.«
Der Junge schüttelte ungläubig den Kopf ob ihrer Unwissenheit. »Das ist nicht richtig. Temora ist der Sitz der heiligen Gemeinschaft. Niemals dürften wir uns als Temorer bezeichnen!« Allein der Gedanke daran bereitete ihm sichtliches Unbehagen.
»Warum? Und was ist dann der Rest des Landes?«, hakte Phelan nach.
»Es ist verboten, ganz einfach.«
»Verboten?« Althea starrte ihn ungläubig an.
»Ja, weißt du das denn nicht? Du bist doch von dort.« Der Junge verstand überhaupt nichts mehr.
Althea wagte ein vorsichtiges Lächeln. »Nein, ich bin nicht von dort. Ich stamme aus Gilda.«
»Ja, aber wo hast du dann so sprechen gelernt?« Neugierig sah der Junge Althea an.
»Von meinem Vater.« Es klang traurig.
Der Junge kombinierte schnell. »Oh. Wenn das so ist .. dies ist das Land des Volkes - Nitrea.«
»Und wie heißt diese Siedlung?«, fragte Phelan.
»Galeac. Tor des Nordens.«
»Oh, das passt«, murmelte Althea. Sie begann langsam zu begreifen. »Warst du schon mal in Temora?«
Die Augen des Jungen wurden groß. »Nein, wo denkst du hin? Nur wer geladen ist, darf Temora betreten.«
So langsam beschlich Althea leises Unbehagen. Sie tauschte einen raschen Blick mit Phelan und sah, dass es ihm ähnlich ging. »Das ist sehr streng«, sagte sie vorsichtig.
»Streng? Nein, warum? Es ist ihr Recht! Es ist ein heiliger Ort.«
»Warum ist es ihr Recht?« Phelan war genauso ratlos wie Althea.
»Weil sie in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht sind und dort nicht gestört werden dürfen«, sagte die Wirtin. Ihre Tochter war so aufgelöst in die Küche zurückgekommen, dass sie beschlossen hatte, selbst nach dem jungen Temorer zu sehen. »Du weißt es wirklich nicht, nicht wahr?«
»Nein .. mein Vater..« Althea sah eine warnende Handbewegung von Phelan. Sie senkte den Kopf und verstummte. Die Wirtin glaubte zu wissen, was dem Jungen zu schaffen machte. »Nun, dann kommt doch zum Frühmahl. Mit leerem Magen reist es sich schlecht und arbeitet auch«, fügte sie mit einem strengen Blick auf ihren Sohn hinzu. »Achtet nicht auf meine Tochter, sie hat nichts als Dummheiten im Kopf.«
Bald war die Zeit des Aufbruchs gekommen und damit auch der Abschied von Nadim.
»Grüße an deine Frau«, sagte Bajan, als sie sich zum Abschied umarmten.
Nadim lächelte Noemi zu, Phelan schlug er mannhaft auf die Schulter, Althea jedoch hielt er die Hand hin. »Pass auf dich auf, Mädchen.« Als sie sie ergriff, drückte er sie fest.
»Das werde ich«, sagte sie.
Sie sahen ihm betrübt hinterher, als er die Straße nach Nador zurückritt. Dann machten auch sie sich auf den Weg. Zu ihrer Überraschung trafen sie schon bald auf die nächste Siedlung. Zwischendrin kamen sie immer wieder an Abzweigungen vorbei, viel befahren, was auf weitere Siedlungen hindeutete. Das Land war viel dichter besiedelt als Morann.
Obwohl sie nun alle die Kleidung des Landes trugen, riefen sie immer noch die gleiche freundliche Neugier hervor. Althea überließ tunlichst Phelan das Reden, sodass sie von der Ehrfurcht der Menschen verschont blieb und genug Zeit hatte, alles zu beobachten. Die Menschen schienen, abgesehen von der Gemeinschaft, keine Scheu zu kennen. Die Kinder folgten ihnen, wo immer sie auftauchten. Althea beobachtete mit heimlicher Belustigung, dass Phelan vor allem die Aufmerksamkeit der Mädchen auf sich zog. Sie machte mehr als eine spöttische Bemerkung zu Noemi über Phelans sichtliche Verlegenheit. Aber schon bald legte sich diese ziemlich schnell. Phelan entdeckte nämlich, dass er gezielt die Aufmerksamkeit der Mädchen auf sich lenken und so vieles erfahren konnte. Neckte er die Mädchen gar, war ihm der Sieg gewiss. Die Sache begann, ihm sichtlich Spaß zu machen.
»Übertreibe es nicht!«, rügte Bajan, als sie aus einem Ort herausritten.
»Och, sie sind doch nett«, verteidigte sich Phelan.
Althea beugte sich vor. »Hast du Held denn wenigstens ein wenig mehr herausbekommen?«, rief sie nach vorne.
Phelan drehte sich zu ihr um. »Was denn herausbekommen?«
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