Neben ihm an der Bar stand nun also der Tod. In jener Nacht erschien der Tod gepflegt, sein Lächeln wirkte ein wenig zynisch zwar, dennoch nett, ein wenig distanziert vielleicht, doch wen wunderte es? Als Tod schaffte man letztlich Distanz. Und egal, wie man den Tod sich vorstellte, das Sterben war unausweichlich. Bislang hatte der Tod es als professionell empfunden, distanziert zu bleiben. Das Sterben galt für ihn als eine Tatsache, die letztlich zum Leben dazugehörte. Sein Lächeln konnte also durchaus positiv betrachtet werden. Ein bestimmtes, ein bestimmendes Lächeln, gewiss, doch irgendwie nett, nicht hämisch, gar böse. Manchmal, wenn ihm Zeit blieb nachzudenken, verglich er sich mit jemandem, der Akten in den Reißwolf steckte. Hatte dieser Jemand Gefühle für das Papier? Lachte er böse dabei?
Also lächelte er. Am ehesten hätte er es wohl als ein wissendes Lächeln beschrieben. Für den Tod stellte der Mensch nur ein beschriebenes Blatt Papier dar. Auf manchen dieser Blätter stand mehr geschrieben, auf manchen weniger, manche Blätter ergaben gebundene Bücher, andere waren sehr kurz ausgefallen, oft nur ein einzelnes Blatt, und in seltenen, besonders traurigen Fällen, fand sich sogar nur ein Satz auf ihnen. Manches war inhaltlich wertvoll, manches langweilig. Allein, es blieb Papier. Nur gelegentlich blieb ihm Zeit, mehr zu erfahren, manche Bücher tiefer zu ergründen. Er hatte im Grunde vorübergehendes Interesse an Sterblichen; dass es ihn gab, den Fährmann früherer Tage, diente den Menschen.
So lächelte er, stand dort an der Bar, trank und nahm eigentlich von dem anderen daneben keine Notiz. Es schien, als wolle er nur seine Ruhe haben. Er sinnierte. Wäre er jemand an einem anderen Ort gewesen, wäre er jemand, nicht der Tod gewesen, man hätte denken können, ein anstrengender Arbeitstag läge hinter ihm: wie ein Arzt in Bereitschaft, momentan ohne Aufgabe, doch auf dem Sprung wieder zu einem Notfall zu eilen, sollte man seiner bedürfen. So wirkte der Tod, und so stand er da in Gedanken und man meinte, er wisse nicht, wann er wieder in die Pflicht genommen werden würde. Tatsächlich wusste er alles Menschliche, aber nie, wann die Pflicht wieder rufen würde. Zur Pflicht gerufen zu werden geschah plötzlich, indem er sich veränderte, indem der Ort sich veränderte, er zuerst hier war, dann dort, im nächsten Augenblick wieder woanders, und dazwischen war er - gar nicht? Gab es für ihn überhaupt eine Phase seiner Existenz, in der er gar nicht war? Konnte er sich jemals erinnern, nicht gewesen zu sein? Er war immer von einem zum Nächsten geeilt, seit Anbeginn an. Zeitweise, so wie in diesem Moment, in diesem einen Augenblick, als er an der Bar lehnte, verweilte er länger. Gar nicht absichtlich, er wurde nur hier und nirgends sonst gebraucht. Manchmal eben dauerte es länger, er begleitete jemanden ein längeres Stück des Weges, weil das Sterben länger dauerte. Und stets kümmerte er sich nur um die Bedeutenden. Es war nicht so, dass er alle Menschen geleitete, wohin auch immer, sondern nur die, die bedeutend waren. Die dem Mosaik dienlich waren, das Geschichte heißt, denn darum ging es. Zumindest nahm der Tod das an. Und Irgendwer machte diese Geschichte. Aber auch das vermutete der Tod nur.
Irgendwer war nicht sein Vorgesetzter. Irgendwer war Irgendwer. Hatte es bei Irgendwer auch mit einer Idee begonnen, einem Gedanken, einem Gefühl eines Verlorenen? Oder hatte Irgendwer mit einem Gedanken begonnen? Der Tod kannte diese Antwort nicht. Irgendwer war älter. Der Tod traf Irgendwer selten. Früher war dies anders gewesen. Seine Aufgaben mochten weniger zahlreich gewesen sein, weniger anspruchsvoll. Vielleicht schienen die Kontakte mit Irgendwer damals deswegen besser. Für soziale Kontakte blieb dem Tod überhaupt leider wenig Zeit, da er tatsächlich nie wusste, wann er wieder jemand Bedeutenden abholen musste. Momentan war eine Ausnahme. Dieser Augenblick war zu einer Spanne geworden. Der Moment zu einem Warten. So lange dauerte es selten. Somit verblieb er im Grübeln. Irgendwer machte Geschichte und der Tod musste laufen, musste springen, musste sich verändern, musste sein Werk tun. Oder darauf warten. Da begann der Tod sich zu fragen. Fragte sich, wer sie waren. Wer war zum Beispiel er, der hier an der Bar neben ihm lehnte? Er überlegte kurz. Das wusste er. Aber warum musste er geholt werden und andere nicht? Warum mussten sie alle geholt werden, geleitet werden? Warum waren sie bedeutend? Er kannte ihre Geschichten, wenn er sie wissen wollte. Aber was war das Bedeutende an ihnen? An ihren Geschichten? Er wusste es nicht. Irgendwer kümmerte sich, so viel vermutete er, persönlich um die Kinder, und er selbst sich um die Bedeutenden. Aber warum waren sie bedeutend?
Napoleon ja, aber wer war der Soldat links der Mitte in der zweiten Reihe, der von einer Kugel getroffen langsam bei Waterloo verblutete? Der Tod, hatte ihn abholen müssen, ohne zu wissen, warum, nur weil Irgendwer Geschichte machte und er bedeutend gewesen war. Warum, erfuhr der Tod nie, er war sozusagen nur das Bedeut-Ende. Alles andere als ein Zeitvertreib für den gefallenen Soldaten, doch möglicherweise nur Geschichte für Irgendwer. Eine Geschichte. Zeitvertreib im Angesicht der Ewigkeit. Zuerst ein wenig Spaß haben, spielen, dann herumexperimentieren mit Leben und schließlich draufkommen, dass alles nicht so einfach ist, nicht mehr nur Bienchen und Blümchen, sondern auch Fortpflanzung, Sex und Schweiß und Testosteron, und schließlich der gesamte Chemiebaukasten und plötzlich eigener Wille und Adams und Evas, die liefen und liefen und liefen und nicht mehr aufhörten damit. Dann unter Umständen ein Erkennen der Verantwortung. Am siebten Tage und so weiter. Einen Tag innehalten und sehen, was man angerichtet hatte. Alles über den Haufen werfen, oder weiterspielen? Noch einmal würfeln? Na ja, einmal noch. Und noch einmal. Dann die Namen. Irgendwer, dann andere. Und immer – der Tod. Der Anfang der Zeit, die allen Lebewesen blieb. Hier er, Irgendwer, der alles schuf, der schenkte, der den einen Plan kannte, diesen bedeutenden, wichtigen, großartigen Plan, den es doch hoffentlich gab. Dort der Tod, der nahm, der nur lief und schuftete und nichts vom großen Ganzen wollte und dabei Plan und Sinn aus den Augen verloren hatte. Möglicherweise besser, ging es ihm gerade durch den Kopf, dass er Irgendwer nicht so oft traf.
Neben ihm an der Bar stand der Tod. So lächelte er und trank und nahm eigentlich von dem anderen daneben keine Notiz. Es schien, als wolle er nur seine Ruhe haben. Er sinnierte… „Zuviel bereits gesehen im Laufe der Zeit.“ Ein Schluck aus dem Glas, ein Blick in den Spiegel gegenüber hinter den Flaschen, ein Nicken, ein kurzer Satz. Ein Satz in die Luft gestellt. Ein Satz für sich, gar ein Selbstgespräch, und doch ein Ball. Ein anderer daneben an einer Bar. Ein Wort gehört, ein Wort genommen, ein Wort gegeben, den Ball gespielt, rauchgeschwängerte Luft, Alkoholdünste. Eigentlich keine Basis für ein wirkliches Gespräch. Und trotzdem - Geschichten. Erst Schneeball, dann Lawine.
„Zuviel bereits gesehen im Laufe der Zeit“, sagte der Tod vermutlich einfach so dahin, ohne irgendwen, gar den anderen neben sich tatsächlich in ein Gespräch verwickeln zu wollen. Eine Aussage, für niemanden konkret bestimmt, von Gespräch keine Spur. Nicht einmal eine Höflichkeitsfloskel. Nur der Beginn eines intensiven Selbstgesprächs, typisch für einsame Personen an allen Bars der Welt. Der einzige Zuhörer der Barkeeper. Oder zumindest scheint der Barkeeper zuzuhören, Trinkgeld inklusive. Auch wenn er einen am Ende wegwischt mit diesem ekelhaften Tuch, mit dem er die Ränder der Gläser auf der allzu glatten Oberfläche der Theke entfernt. Einfach so die Spuren, die im Laufe eines Abends hinterlassen worden sind, ausgelöscht. Lebensspuren. Oft bleibt nichts zurück, dachte der Tod.
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