Weil sich die Lage immer mehr angespannt hatte, haben meine Eltern einen Schulwechsel vorgeschlagen. Zu dieser Zeit war ich ebenfalls sehr oft krank und die Ärzte meinten auch, ich sollte ein halbes Jahr oder Jahr unterbrechen. Doch ich wollte weder einen Schulwechsel, noch eine Unterbrechung des Schuljahres und kämpfte vehement dagegen an. Ich wollte es mit aller Kraft irgendwie schaffen und die Hälfte hatte ich bereits hinter mir, außerdem würde ich noch weiter zurück fallen. Nein, das kam für mich einfach nicht in Frage. Ich wollte unter keinen Umständen klein beigeben.
Aus heutiger Sicht bin ich unendlich froh, dass ich damals die Kraft hatte, durchzuhalten. Ich weiß, dass ich andernfalls die Schule nie beendet hätte, schon allein vor lauter Angst, nach längerer Zeit wieder genau dort einsteigen zu müssen. Dort, wo für mich die Zeit so langsam verging und wo ich nicht erwünscht war.
In der zweiten Hauptschulklasse hatte ich mein Kindheitsasthma zwar bekämpft, aber dafür wurde das Gehen für mich immer beschwerlicher. Konnte ich zuerst noch mühelos die Stufen in den dritten Stock zurücklegen, so wurde das zu einer täglichen Herausforderung. Erst später entdeckte ich zufällig, dass es einen Lift im Gebäude gab, den ich anfänglich aus unerfindlichen Gründen nicht nutzen durfte.
Erst als sich mein Zustand weiter verschlechterte und ich noch mehr meiner körperlichen Fitness verlor, durfte ich den hochheiligen Lift benutzen.
Im Gegensatz zu dieser Ignoranz gab es hier doch wieder ein paar Lehrkräfte, die sich bemüht haben, den Unterricht so zu gestalten, dass ich so wenig wie möglich die Räume wechseln musste.
Außerdem bekam ich zur Halbzeit der Hauptschule eine neue Klassenlehrerin, die wirklich ein ganz besonderer Mensch war.
Frau Grünberger war eine außerordentliche Hilfe in dieser einschneidenden Zeit für mich und somit war sie klarerweise meine absolute Lieblingslehrerin.
Sie unterrichtete mich in Deutsch und setzte sich, wo es ihr nur möglich war, für mich ein. Sie förderte mich wo es ging und veranlasste, dass ich bei Schularbeiten auch teils andere Themen bekam, als meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Themen, die meinem Leben näher waren, denn für mich war es schwierig über Wanderausflüge oder glorreiche Ballettaufführungen zu schreiben. Ich konnte eher diverse Rollstuhlunfälle beschreiben, bei denen ich in hohem Bogen aus dem Gefährt flog oder dergleichen.
Weiters erreichte sie, dass ich in Deutsch nur noch inhaltlich beurteilt wurde, da ich eine ausgeprägte Grammatikschwäche habe.
Ich kann mich außerdem auch noch an die Sportwoche erinnern, wo Frau Grünberger erreichte, dass eine weitere Betreuungsperson mitfuhr, die nötig war, um mich mitzunehmen. Ohne sie wäre ich nicht auf der Teilnehmerliste gestanden. Die Beiden haben sich dann auch während der Woche aufopfernd um mich gekümmert. So haben wir zusammen gelesen, Karten gespielt oder einfach tolle Gespräche geführt. Dieser Einsatz bedeutet mir auch heute noch sehr viel und ich bin sehr dankbar, dass ich diese große Menschlichkeit erfahren durfte.
Sie verteidigte mich ebenso intensiv gegen gehässige Mitschüler. Ich hab noch eine Szene im Kopf, wo sie mit aller Kraft auf einen besonders üblen Gefährten eingeredet hat und versucht hat ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Doch bei ihm war Hopfen und Malz verloren. Er hatte einfach zu viel Gefallen an seiner Tyrannei mir gegenüber gefunden.
Wie soeben erwähnt gab es viele Kinder, denen es Spaß machte, mich zu quälen, doch drei von Ihnen waren besonders eifrig bei der Sache. Ich will natürlich keine Namen nennen, also lassen wir sie einfach unter den Aliasnamen Tick, Trick und Track durchgehen.
Tick zum Beispiel, dürfte mein Erscheinungsbild nicht gut genug gewesen sein und meinen Namen hat er von Ines in Behindi-Kindi umgewandelt. Oh was für ein Treffer, er dürfte wohl in Deutsch inhaltlich nicht benotet worden sein.
Trick wiederrum wollte, dass ich nicht einmal in ihre Nähe komme, denn es reichte schon aus, dass ich an ihr vorbeiging und sie mir drohte, dass sie mir alle Knochen brechen würde.
Doch der schlimmste Typ von allen war immer noch Track. Er schien sich zu seiner Aufgabe gemacht zu haben, mich so oft wie möglich zu quälen. Beleidigungen über mich und mein Lachen waren an der Tagesordnung. Er rutschte mir immer wieder, während ich irgendwo langging, mit Anlauf zwischen meine Beine, um mich zum Stolpern zu bringen. Körperliche Attacken waren bei ihm normal. Da er aber allgemein verhaltensauffällig war und eines Tages eine gefüllte zwei Liter Falsche vom zweiten Stock hinunter schmiss und beinahe eine Lehrerin erschlagen hätte, wurde er nach einem Jahr von der Schule verwiesen.
Oft war es auch so, dass meine Schwester Attacken von Mitschülern einstecken musste, ihr wurde dann gesagt: "Wenn wir die Behinderte nicht schlagen dürfen, dann kriegst du es eben ab“. Heute ist mir bewusst, dass diese Gehässigkeiten, die sie wegen mir einstecken musste, ein Grund ist, warum mein Verhältnis zu ihr so schlecht geworden ist, denn das war früher ganz anders.
Und Hilfe war in der Schule nicht zu bekommen, denn die Direktorin war der Meinung, dass wir uns das selbst ausmachen müssen.
Mir fallen zuhauf Geschichten ein, in welche sich über mein Äußeres, meinen Charakter oder einfach nur über meine bloße Existenz lustig gemacht wurde.
Ich konnte durch meine schiefe Haltung immer nur gekrümmt sitzen, das war auch der Grund, warum mir meine Kleidung sehr oft verrutscht ist. Frau Grünberger hat in diesem Fall immer gewitzelt, dass sie mir Unterhemden schenken würde, damit mir nicht alles aushängt und weil ich ja auch so oft krank war.
(Frau G. wenn Sie das lesen, ich warte noch immer auf das Unterhemd)
Für andere Menschen war das Verrutschen meiner Kleidung wieder Anlass genug, um mich zu verspotten und mich fertig zu machen. Wenn ich ging, konnte ich auch nur in gekrümmter Haltung gehen und so rutschte meine Hose auch immer wieder. Sie war weder zu klein noch zu groß - es war einfach meine Haltung.
Komischerweise musste ich feststellen, dass ich ein heimlicher Trendsetter war, denn bei manch beleibten Mädels war es die Körperfülle, die deren Hose runter drückte. Aber da war es natürlich cool und hip.
Auch ein anderes Erlebnis blieb mir nur zu gut in Erinnerung.
Auch meine Schwester war in der Hauptschulzeit immer wieder krank, da sie eine starke Migräne entwickelte, die sie oft ins Bett fesselte. Klarerweise hatte auch sie dadurch einige Fehlstunden vorzuweisen.
Als dann einmal ein Lehrer das Klassenbuch versehentlich liegen ließ und es einer der Mitschüler zwischen die Finger bekam, machte sich die gesamte Klasse einen Spaß draus, alle unsere Fehlstunden zusammenzurechnen und das Ergebnis groß auf die Tafel zu schreiben.
Natürlich konnte sich jeder ausmalen, dass es viele Stunden waren - immerhin musste man bei mir nur von Krankheit reden, schon war ich ans Bett gebunden - aber es war einfach die Tat an sich. Dass wir beide von der gesamten Klasse so vorgeführt wurden, war beschämend, erniedrigend und sehr verletzend. Es war so klassisch - alle gegen einen, in diesem Fall alle gegen uns.
Zusammenfassend muss ich leider sagen, dass die Hauptschulzeit eine sehr harte Zeit für mich war. Diese Zeit trägt für mich maßgeblich Mitschuld an meiner Depression. Die schlechten Erfahrungen und Quälereien sind tief in mir verankert. Vor allem die schlimme Tatsache, dass nicht nur die Schüler sondern auch die Lehrer so häufig ihre Ablehnung mir gegenüber so offen zur Schau gestellt haben.
Neben meiner tollen Deutschlehrerin gab es nur wenige Menschen, die mich nett und/oder freundlich behandelten.
Nachdem ich die Hauptschule abgeschlossen hatte, dachte ich, es könnte nur besser werden.
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