Als ich dann realisierte, dass ich gerade mit heißem Wasser hantierte, war es auch schon zu spät: Der Waschlappen wurde mir zu schwer und sein Inhalt landete auf meinen Beinen. Durch den Schmerz erschreckt, riss ich sie hoch und ebnete dem heißen Wasser so den Weg auf Bauch, Beine und Po.
Egal welche Version nun stimmen mag, nachdem mich meine Mutter aus meiner misslichen Lage in der Badewanne befreit hatte, fuhren wir sofort zu unserem damaligen Hausarzt, der 2-3 große Brandblasen und Rötungen feststellte. Er verordnete mir ein Schmerzmittel und sagte, dass ich viel trinken und mich meine Eltern am nächsten Tag ins Krankenhaus fahren sollten.
Leider wusste er nicht, wie gravierend die Verletzung wirklich war, denn bei „nur“ 60°C Wassertemperatur wäre ich normalerweise noch mit leichten Verbrennungen davongekommen, doch dem war nicht so.
Unglücklicherweise habe ich eine starke Bindegewebsschwäche, was aber damals noch nicht bekannt war. Durch diesen Umstand war meine Haut um ein Vielfaches verletzbarer und so kam es, dass ich auf 25 Prozent der Hautoberfläche Verbrennungen dritten Grades hatte, denn als ich am nächsten Morgen erwachte, hing mir die Haut in Fetzen an den Beinen hinunter. Dort wo am Abend zuvor noch Brandblasen gewesen waren, klafften offene Wunden. Es bestand akute Lebensgefahr.
Ich weiß nur noch von Erzählungen, dass meine Eltern die Rettung riefen. Einen Monat musste ich im Krankenhaus verbringen, doch ich erinnere mich kaum daran. Ich weiß nur noch, dass sich sehr viele Gesichter über mir befanden und ein Arzt meine Mutter ankeifte, warum sie nicht früher mit mir gekommen war. Auch das Luftbett in welchem ich liegen musste, um Druckstellen zu vermeiden, ist mir in unliebsamer Erinnerung geblieben. Das Geräusch, das es machte, ließ mich fast verrückt werden.
Alles was danach kam, bis hin zu meinem siebten Lebensjahr, ist sehr verschwommen, besser gesagt kann ich mich an fast nichts erinnern und muss mich an Erzählungen festhalten. Dass ich den unmittelbaren Unfall und die Zeit danach im Krankenhaus verdrängt habe mag ja noch logisch sein, aber warum wurde durch den Unfall eine Erinnerungslücke ausgelöst, die auch lange nach dem Unfall jegliches Erlebte für mich verschlossen hält? Es scheint so, als hätte mein Hirn angefangen verschiedene Zeiträume auszublenden und das tut es heute noch....
Natürlich ist es komisch, ganze Jahre seines eigenen Lebens nicht aus der eigenen Erinnerung zu kennen, doch Mama, ich möchte nicht, dass du dir Vorwürfe machst. Meine Geschwister brauchen dich genauso wie ich. Das war, ist und wird auch immer so bleiben. Selbst wenn du nur diese eine Minute nicht weggewesen wärst, hätte alles genauso passieren können. Bitte mach dir keine Vorwürfe Mama, du bist NICHT Schuld.
Eine besondere Erinnerung habe ich auch noch an meine Einschulung. Sie ist deswegen so besonders, weil Oma selbst bestickte Schultüten für uns gemacht hatte. Und die waren riesig! Einfach toll.
Das ist wieder eine Art und Weise, wie meine Oma Zuneigung zeigen kann.
Ach ja, da fällt mir wieder ein, was noch so besonders war. Gleichzeitig zur Einschulung konnte ich auch die ersten erfolgreichen Gehversuche verbuchen. Zwar konnte ich nicht so ins Klassenzimmer hüpfen wie andere Kinder, aber ich schaffte es zumindest hinein.
Die Kinder waren in diesem Alter noch viel offener und ich fühlte mich nicht ausgegrenzt. Noch nicht. Sie stellten ganz einfach Fragen und es war für sie normal, dass ich ein bisschen anders war.
Später ändert sich dieses „Normal“ in unseren Köpfen - tragisch, dass der Mensch sich so oft zurückentwickelt, es gibt nicht viele, die sich ihre Offenheit behalten. Je älter ich wurde, desto weniger fühlte ich mich zugehörig.
So begann ich also in die Vorschule - nachdem es bereits eine lange Diskussion gab, ob ich die normale Schule oder die Sonderschule machen darf und kann.
Meine Erinnerungen sind auch hier sehr schwach, aber ich weiß von einer Szene, die mir ganz stark im Gedächtnis geblieben ist. Ich hatte eine Kindergartenfreundin, die ebenfalls behindert war und gleichzeitig mit mir in die Schule kam. Ich sah sie im Klassenzimmer und hatte mich schon sehr darauf gefreut, mit ihr gemeinsam diesen großen, neuen Schritt zu tun. Leider stellte sich dann heraus, dass sie nur mit ihrem Bruder da war und selbst in die Sonderschule musste. Für mich war diese Entscheidung eine so herbe Enttäuschung und ein so einschneidendes Erlebnis, dass es mir bis heute in den Knochen sitzt.
Die Volksschule war eine besondere Herausforderung, denn so sehr ich mich bemühte, waren meine Leistungen von Anfang an schwach. Die Lehrerinnen und Lehrer haben immer wieder gedrängt und verlangt, dass ich mehr lernen und üben muss, doch das war einfach nicht möglich. Einerseits, weil ich sehr oft krank war und andererseits, weil ich ja schon alles versuchte.
Auch als meine Mutter den Lehrern schon sagte:
"Wie soll sie denn noch mehr lernen, wenn der Tag nur 24 Stunden hat?", trat danach keine wirkliche Besserung ein.
Der Druck war hier bereits besonders enorm für mich, denn zu den schulischen Problemen kamen, wie bereits erwähnt, ständig irgendwelche Krankheiten dazu.
Ich musste immer wieder ins Krankenhaus und hatte speziell in dieser Zeit auch noch mit dem Kindheitsasthma zu kämpfen. Anfangs waren die Behandlungserfolge nicht sehr gut und der ständige Einsatz von Kortison verursachte ziemlich schnell eine Abhängigkeit. Ich brauchte das Medikament, sobald die Wirkung nachgelassen hatte.
Meine Eltern entschieden sich damals dafür, die Kinesiologie auszuprobieren. Unser damaliger Hausarzt war jedoch dagegen, aber als er die sensationellen Erfolge sah, war er ebenfalls äußerst überrascht. Schließlich war er sogar verärgert darüber, dass diese Behandlungsform, trotz der Fortschritte die sie mit sich brachte, nicht von der Krankenkasse mitfinanziert, sondern lieber in Kortison-Behandlungen investiert wurde. Bereits damals haben mein Vater und meine Mutter ausnehmend viel Geld in Therapien gesteckt.
All diese Umstände raubten mir viel Zeit für die Schule und ich bekam eine Stützlehrerin, die zusätzlich und sehr oft nur alleine mit mir gelernt hat, aber dadurch fühlte ich mich natürlich auch oft ausgegrenzt. So musste ich diverse Diktate separat mit der Direktorin machen und das ist keine einfache Situation für ein kleines Kind.
Allgemein ist es mir oft so ergangen, dass ich mich unverstanden gefühlt habe, weil ich gewisse Dinge einfach nicht so gut oder gar nicht konnte. Manchmal ist es mir so vorgekommen, als würde man mehr von mir verlangen als überhaupt möglich war und gewesen wäre. Das war extrem entmutigend und hat mich nicht motiviert sondern unglaublich demotiviert.
Ich will nicht sagen, dass sich meine Lehrerin nicht bemüht hätte, aber ich denke doch, dass sie auf diese Situation mit mir nicht vorbereitet war und schlicht zu wenig Erfahrung hatte.
Es gab auch Momente, wo ich sie aus ganz anderer Sicht erleben durfte, so mussten wir eines Tages einen Feueralarm proben. Da ich auf keinen Fall so schnell laufen konnte, hat sie mich kurzerhand aus dem Schulgebäude getragen.
Es gibt hier auch ein paar Erinnerungen, die so normal sind wie bei anderen, gesunden Kindern auch.
Liebes Tagebuch,
heute war es sehr aufregend in der Schule. Ich habe mit einer Klassenkameradin in den Sachen meiner Lehrerin herum geschnüffelt. Wir hatten ja einen Test. Und wir waren uns sicher, dass die Ergebnisse schon dabei sind. Leider haben wir die Sachen falsch zurückgelegt und sie hats bemerkt. Was für ein Schreck. Wir wurden stundenlang verhört, mindestens 2 Stunden. Es war furchtbar. Wir wollten ja wirklich standhaft bleiben, aber dann sind wir doch eingeknickt und haben alles zugegeben. Obwohl wir geständig waren, haben wir trotzdem eine gewaltige Schimpferei zu hören bekommen. Ich verspreche, ich mach das nieee wieder!
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