Dieses Ergebnis stelle ich sehr stark in Frage, denn man prüfe nur einmal bei sich selbst, ob einem eine Rechenaufgabe ohne Bewegung der Sprechmuskulatur wirklich nicht gelingt ! Mir scheint eine andere Verknüpfung von Denken und Sprechen, etwa so wie sie Lurija 1969 beschreibt, sinnvoller (vgl. dazu Kapitel 5, S. 2l). Im weiteren finde ich es sehr schwierig, aus Wohl's hochtheoretischem Modell praktische und anwendbare Schlüsse zu ziehen.
In der Arbeit von Eggert, Schuch und Wieland 1975 mit dem vielversprechenden Titel "Psychomotorisches Training" wurden lese- und rechtschreibschwache Schüler getestet. Bei der Auswertung der Tests wird hervorgehoben, "...dass die durchgeführten Trainingsverfahren und hier besonders in der Kombination 75% Motorik, 25% kognitiv-verbal sehr intensiv eine positive Beeinflussung der Sprachleistungen bewirkten. Erklärbar ist dieser Leistungsanstieg möglicherweise mit einer im Verlauf der Therapie eingetretenen Festigung des Selbstwertgefühls und einer damit verbundenen Erhöhung der Äusserungsbereitschaft der Kinder. Gestützt wird dieser Interpretationsansatz durch die Ergebnisse des Persönlichkeitstests." (Eggert/Schuch/Wieland 1975, S. 62). Hierzu ist zu sagen, dass diese Schüler eher in Grob- als in Feinmotorik trainiert wurden. Das Resultat im Feinmotoriktest war dann auch dementsprechend negativ, (vgl. S. 61). Leider werden auch in dieser Studie die Querverbindungen zwischen Sprache und motorischem Training nicht untersucht. Das kommt wohl auch daher, dass sie die Leistungsverbesserung eher der Stärkung der Persönlichkeit, als speziell dem motorischen Training zuschreiben. Der Autor erwähnt dann aber doch noch, dass das psycho- oder sensomotorische Training als therapeutisches Prinzip seine Bedeutung in Deutschland im wesentlichen Kiphard verdanke.
Kiphard 1978 schreibt sehr wenig über dieses Gebiet, doch er gibt uns einen sehr interessanten Hinweis:" Neueste russische Forschungen haben ausserdem ergeben, dass täglich mehrmals minutenweise durchgeführte passive und aktive Hand- und Fingerbewegungs-übungen einen Überaus günstigen Einfluss auf die gesamte Sprachentwicklung rückständiger Kinder auszuüben vermögen." (Kiphard 1978, S. 110). Durch eine Logopädin bin ich dann auf diese neueren russischen Forschungen gestossen. Ich möchte dann im 4. Kapitel genauer und ausführlich auf die Arbeit von M. Kolzowa, die bis jetzt noch nicht veröffentlicht wurde, eingehen.
Bei der Literatursuche habe ich die neuesten Werke und auch Lehr- und Schulbücher ausgewählt. Es ist aber sehr wenig Literatur über das Gebiet "Bewegung und Sprache" vorhanden. Meistens wird nur sehr allgemein über die Beziehung dieser beiden Gebiete geschrieben. Wenn Bewegungstraining erwähnt wird, dann hauptsächlich im Zusammenhang mit der Förderung der Gesamtentwicklung des Kindes. Trotzdem sind doch einige Hinweise von Bedeutung: Dass tatsächlich eine Verknüpfung von Sprache und Bewegung vorhanden ist, zeigt das parallele Auftreten von Sprach- und motorischer Störung, sowie das anscheinend oft angewandte Bewegungstraining. Einige Autoren haben zwischen Grob- und Feinmotorik unterschieden, wobei die Handmotorik eine besondere Stellung in diesem Kontext haben könnte. Um das Problem besser zu erfassen scheint es nötig zu sein, einmal die phylo - und ontogenetische Entwicklung des Menschen zu betrachten.
3. Der Ursprung der Sprache - Phylogenese
Um die Entwicklung der Sprache in Beziehung mit der Bewegung besser zu verstehen, habe ich mich nun gefragt, wie die Sprache überhaupt entstanden ist. Ich betrachte also die phylogenetische Entwicklung der Sprache und Bewegung des Menschen. Dieses Vorgehen scheint etwas willkürlich zu sein, doch es hat seinen tieferen Grund in der angewandten Methode: Um das Wesen eines Problems oder des zu untersuchenden Objektes zu kennen, muss man es von allen Seiten kennen. Das heisst, es ist in den verschiedenen Entwicklungsstadien aber auch in den verschiedenen Erscheinungsarten, in denen es heute auftritt, zu beobachten. Darin liegt auch die Grundannahme, dass ein Objekt nicht immer starr zu sein braucht, sondern sich verändert. Deshalb also möchte ich zuerst meine Aufmerksamkeit auf die Entstehung der Sprache lenken, und erst in einem zweiten Schritt auf die heute beobachtbaren Entwicklungsstadien der Sprache (Ontogenese).
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