Es war aber nicht die einzige Fahne unter der die Bandeirates in den Sertão, in die Wildnis, zogen. Viele hatten ihre eigene Fahne mit eigenen und eigenwilligen Mustern.
Wie muss es da ausgesehen haben, wenn sie, stolz zum Abschied von Familie und São Paulo, ihre bunten Standarten ein letztes Mal zum Abschied schwenkten.
Martim Afonso de Sousa, Nachkommen einer unehelichen Linie Afonsos III, gründete erfolgreich die erste portugiesische Kolonie in Brasilien, die Capitania São Vicente. Mit ihm und nach ihm kamen Militärs, Verwalter, Fazendeiros und auch Neu-Christen ins Land.
Einige Fazendeiros zogen auf die Hochebene von Piratininga und gründeten 1554 auf ca. 700 Meter Höhe São Paulo. Für die Siedler war es eine harte, eine schwere Zeit: Rodung des Waldes, Anlage der Felder, Aufbau der Farmen, Anbau des Zuckerrohrs.
Alles das in ungewohnter und feindlicher Umgebung. Alles mit eigener Muskelkraft, alles in sengender Sonne, alles im tropischen Regen.
Und dann war da noch der lange, beschwerliche Weg nach São Vicente und Santos zum Hafen und zum Atlantik. Eine Strecke durch feindliches Indianergebiet, mit einem steilen Abstieg zur Küste, eine Reise von mehreren Tagen, eine Reise, die manchmal tödlich endete.
Nicht alle Indianerstämme arrangierten sich mit den neuen Siedlern. Gegen Übergriffe musste das Land verteidigt werden.
So bildete sich eine Gruppe junger Männer, die die Besitzungen sicherte. Es waren meist ehemalige Militärs, Söhne von Soldaten oder Söhne von Fazendeiros.
Auch brauchte man Arbeitskräfte. Gerade für Zuckerrohr wird jede Hand gebraucht. So kam es zu ersten Streifzügen ins Hinterland mit der Suche und der Gefangennahme von Indianersklaven.
Das Land war fruchtbar, es brachte gute Ernten und gute Erträge. Die Familien wuchsen. Zehn oder mehr Kinder war bei den ersten Siedlergenerationen keine Seltenheit.
Die Siedler waren der mittelalterlichen Enge Europas entkommen. So viele, so profunde, so unterschiedliche neue Erfahrungen warfen ein so differenziertes, ein so anderes Licht auf ihre alten Ängste, Wünsche, Hoffnungen und Fantasien. Diese frischen Erfahrungen beeinflussten ihre alten, aus der angestammten portugiesischen Heimat mitgebracht Vorstellungen.
Sie hatten die Wertmaßstäbe der Scholastik und das Weltbild der Mönche und Bischöfe hinter sich gelassen. Gewiss, auch die Siedler waren gläubige Christen. Aber für sie waren die Indianer keine Exoten und der Sertão war keine verwunschene Märchenwelt.
Nein, die Sieder brauchten keinen Protestantismus oder keine Inquisition. Der König, der Papst, die Stadthalterin in Lissabon und der General-Gouverneur in Salvador waren weit weg und die Jesuiten waren auch nur Menschen.
Und es gab keinen eigenen König mehr. 1580 war der letzte portugiesische König gestorben. Philipp II von Spanien und später auch Philipp III und Philipp IV übernahmen in Personalunion Portugal und seine Kolonien. Der philippischen Zeit Brasiliens war angebrochen.
Diese geänderten Machtstrukturen hatten entscheidende Auswirkungen auf die Expeditionen in Bandeirantes. Ab jetzt wurde nicht mehr nur die eigene Fazenda verteidigt, nicht nur mehr das eigene Siedlungsgebiet arrondiert und nicht mehr nur Sklaven für den Hausgebrauch in der Umgebung gesucht und eingefangen, ab jetzt wurden die Bandeirantes zum Machtfaktor und die Bandeiras entwickelten sich zu Feldzügen.
Mit der Zeit kam die Erfahrung und mit der Zeit kam der Erfolg.
Aus den ersten kleinen Expeditionen ins Hinterland entwickelten sich gut organisierte Unternehmen, manchmal mit mehreren Tausend Teilnehmern, manchmal über Strecken von mehreren Tausend Kilometern.
So entstanden die Bandeiras, so wurden aus jungen Männern, die ins Land zogen Bandeirantes, manchmal nur für eine Bandeira. Viele ließ dieses Leben nie mehr los, manche trieb die Sehnsucht nach dem Sertão noch im hohen Alter in die Wildnis, mache fanden dort ihre letzten Stunden, ob getroffen von einem Indianer Pfeil, ob erschöpft von den Strapazen, ob im Fieber oder auch nur, weil die Zeit gekommen war.
Die Expeditionen der Bandeiras
Sklavenjagd und Goldsuche
Die ersten Expeditionen der Portugiesen führten ins Hinterland der Küsten von São Vicente, Salvador und Olinda, organisiert oder autorisiert von den Kolonialbehörden. Zur Unterscheidung, der ab der philippischen Zeit Brasiliens meist von São Paulo ausgehenden, privat organisierten Bandeiras, nennt man diese ersten Expeditionen Entradas.
Zuerst begannen die Paulistas sich gegen die Spanier und Jesuiten zu positionieren und versuchten mit ihren Bandeiras spanische Gebiete in ihrem direkten Umkreis zu erobern und dabei Indianersklaven zu fangen.
Danach war die Hauptrichtung Jesuitenreduktionen im Süden und auch der Kampf gegen die Holländer in Pernambuco.
Nach Ende der Personalunion mit Spanien im Jahr 1640 wurden keine Indianersklaven mehr gebraucht.
Nun konzentrierten sich die Bandeirantes auf die Suche nach Gold und Edelsteinen.
Jetzt war es ein Gebiet im Norden von São Paulo, eine Berg- und Hügellandschaft, Minas Gerais, damals noch bedeckt mit dem Urwald der Mata Atlântica.
Mit dem Gold kamen die Begehrlichkeiten. Es bildete sich ein Spannungsfeld zwischen São Paulo und Rio de Janeiro. Ein Spannungsfeld, das um 1700 in einen Konflikt mündete.
Für Brasilien war eine neue Zeit angebrochen. Minas Gerais entwickelte seine Eigenständigkeit. Ouro Preto, die damalige Hauptstadt von Minas Gerais blühte auf und erlebte das brasilianische Barock mit goldverzierten Kirchen.
Die portugiesische Krone und die Kolonialbehörden begannen mit der Regulierung der Ströme von Gold, Edelmetallen und Waren.
Zum Transport wurde ein Wegesystem entworfen. Aus den Pfaden der Indianer und der Bandeirantes wurde die Estrada Real.
Natürlich waren auch Bandeirantes am Bau dieser Straßen beteiligt waren.
Die Bandeirantes suchten und fanden neue Herausforderungen. Die letzten großen Eroberungsgebiete der Bandeirantes aus São Paulo waren die Gebiete im Westen, Goiás und das Mato Grosso.
So haben die Bandeirantes aus São Paulo mit dazu beigetragen, dass Brasilien so groß ist, wie es heute ist.
Sie gehörten zu den Ersten, die das Land kolonisieren, Fazendas und Engenhos in weite Teile in der Mitte und im Westen Brasiliens brachten.
Fazendas, jene brasilianischen Landgüter, jene brasilianischen Farmen. Engenhos, jene Einheiten aus Zuckerrohrplantage, Zuckergewinnung und Cachaça Brennerei.
Aber nur ein Bandeirante ist von São Paulo aus in den Mündungsbereich des Amazonas vorgedrungen, nur einer hat eine große Expediton vom Südosten Brasiliens bis ins Amazonasgebiet geführt, nur Antônio Raposo Tavares.
Die päpstliche Bulle Sublimis Deus
Sklavenverbot Papst Paul III
Der Seeweg nach Indien und die Entdeckung der Neuen Welt um 1500 mussten in Europa Evolutionsschübe auslösen. Die Erde war auf einmal eine Andere geworden.
Neues Land, fremde Küsten, unbekannte Wildnis und neue Naturräume.
Die Europäer sahen auf einmal für sie neue Arten von Tieren und Pflanzen. Sie begegneten fremdartigen Menschen. Menschen, die in einer anderen Zeit wohnten. Menschen, deren Wertmaßstab die Natur war, eine Natur mit der und von der sie lebten.
Menschen ohne Geldhandel und im Glauben an die Naturgewalten.
Es waren keine Christen, keine Moslems und keine Juden – vielleicht waren sie sogar keine Menschen, sondern nur Menschenfresser.
Wenn es keine Menschen waren, besaßen sie auch kein Land und konnten als Sklaven gehalten werden. Oder konnte man sie doch zum Christenturm bekehren und taufen?
Eine Frage, die auch die katholische Kirche beschäftigte.
Mit der päpstlichen Bulle Sublimis Deus vom 2. Juni 1537 verbot Papst Paul III die Versklavung der indianischen Ureinwohner Amerikas.
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