Hier fühlte sich Julian wohl. Irgend ein Zauber schien über der Zirkuswelt zu liegen. Hier galten andere Regeln als in der grauen Welt dort draußen. Hier schien viel mehr möglich zu sein. Vielleicht auch Magie.
Die Vorstellung begann. Seine Mutter hatte Julian eine Stange Zuckerwatte gekauft. Gemeinsam saßen sie nun auf den hölzernen Bänken der Zuschauertribüne und blickten hinab auf die Manege, wo sich ihnen wunderliche Dinge zeigten. Julian sah Seiltänzer sich hoch oben durch die Lüfte schwingen. Er sah Feuerschlucker, die mit Flammen gewaltige Kunststücke vorführten und Tierbändiger, die sich gemeinsam mit Löwen in einen Käfig trauten. Untermalt wurde das ganze von wunderschöner Musik, wie Julian sie noch nie gehört hatte. Er war begeistert. Selten hatte er sich so zu Hause gefühlt wie hier im Zirkus.
Und dann war es plötzlich soweit. Der Zirkusdirektor trat einmal mehr in die Manege und kündigte das nächste Kunststück an. Er blickte sich nach allen Seiten um, fuhr sich mit der Hand über die Enden seines spitzen Schnurrbartes und verkündete laut mit tiefer Stimme und rollendem „r“ :
„Meine Damen und Herren, es ist mir nun eine große Freude, Ihnen einen der größten Künstler unserer Vorführung ankündigen zu dürfen, zu uns gekommen aus dem fernen Persien, dem Land, wo das Geheimnis der Magie noch nicht vergessen wurde: Ich präsentiere den Meister des Magischen, den König der Illusionen, den einzigartigen Mazandaras.“
Plötzlich quoll von allen Seiten Nebel in die Manege und in der Mitte erschien eine dunkle Gestalt, die begleitet von mystischen Klängen die Arme in die Höhe streckte. Sie vollführten eine Geste und der Nebel verschwand. Mazandaras war ganz in Schwarz gekleidet. Im Gesicht trug er einen langen Vollbart. Auch Zylinder und Umhang waren schwarz. Seine Haut dagegen, war fast weißlich blass. Finster blickte der Zauberer ins Publikum. Und er begann zu zaubern.
Zuerst zeigte er einige Dinge, die noch irgendwie erklärbar waren, doch dann kamen Kunststücke bei denen es sich in den Augen Julians nur um echte, wahre Magie handeln konnte. Ein Freiwilliger wurde in die Manege gerufen und vor den Augen des Publikums zersägt und wieder zusammen gefügt. Ein voll gedeckter Esstisch verschwand und tauchte ganz auf der anderen Seite des Zirkuszeltes wieder auf. Mazandaras vollführte mit seinem Zauberstab magische Bewegungen. Blitze zuckten, Donner grollte und das Unmögliche wurde wahr. Schließlich, am Ende seiner Vorführung, holte er noch ein junges Mädchen in die Manege und ließ sie wie von Geisterhand geführt durch die Lüfte fliegen, fast ganz hinauf bis zum Dach des Zeltes.
Das Publikum klatschte in stürmischer Begeisterung. Nur Julian klatschte nicht. Er war zu fasziniert um noch klatschen zu können. Fassungslos starrte er den Zauberer an, welcher eben seinen Zylinder hob und sich nach allen Seiten hin verbeugte.
„Danke. Es hat mich gefreut, Ihnen Freude zu bereiten“, bedankte sich Mazandaras mit starkem Akzent. Und eben als er dies sagte, da schien es Julian, dass der Zauberer nur ihn ansah. Die schwarzen Pupillen in Mazandaras Augen waren ganz auf Julian gerichtet. Dann setzte er seinen Zylinder wieder auf, dichter Nebel legte sich über ihn und der Zauberer war plötzlich verschwunden.
„Hat es dir gefallen?“, fragte seine Mutter nach Ende der Vorstellung. Julian nickte. Auf all das, was nach dem Zauberer noch gekommen war, hatte er kaum geachtet. Mazandaras war alles, woran er im Augenblick denken konnte. Sie verließen den Zirkus und gingen nach Hause. Doch der Tag war für Julian noch lange nicht vorüber.
Fünftes Kapitel: Die Flucht
Spät in der Nacht war Julian immer noch hellwach. Er hatte an diesem Tag etwas gesehen, wonach er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Er hatte einen Zauberer gesehen. Und der Zauberer hatte ihn auch gesehen, hatte unter allen Leuten im Zelt ausgerechnet ihn angeblickt. Was er wohl damit hatte sagen wollen? War in seinem Blick vielleicht eine geheime Botschaft versteckt gewesen?
Schon morgen würde der Zirkus weiter gezogen sein und all die Fragen, welche die Begegnung mit Mazandaras in Julian geweckt hatte, würden unbeantwortet bleiben. Das durfte nicht geschehen. Der Junge war entschlossen ein Zauberer zu werden. Und er würde alles dafür tun, sein Ziel zu erreichen.
Es war kurz nach ein Uhr morgens, als Julian begann seinen Rucksack zu packen. Was würde er auf seiner Reise brauchen? Frische Unterwäsche, einen Pullover, seine Zahnbürste... Was noch? Eine Taschenlampe würde ihm vielleicht sehr hilfreich sein. Nachdem er dies alles eingepackt hatte, schlich der Junge in die Küche und bereitete sich als Proviant ein Käsebrot zu. Dann verließ er auf leisen Sohlen das Haus.
Draußen war es nicht ganz finster. Der Mond war fast voll und geleitete Julian mit seinem blassen Licht durch die Straßen der Nacht. Dazu kamen viele elektrische Laternen, welche die kleine Stadt das ganze Jahr über vor der Finsternis bewahrten. Julian war noch nie zuvor so spät alleine unterwegs gewesen, doch Angst hatte er keine. Alles schlief. Niemand sah den Jungen durch die Straßen eilen.
Sein Ziel war natürlich der Zirkus. Bedrohlich ragte das spitzzulaufende Dach des Zeltes am Nachthimmel empor. Bald hatte der Junge das Zirkusgelände erreicht und verschaffte sich Eintritt. Niemand war da um ihn daran zu hindern. Nichts rührte sich.
Julian trat auf den Zelteingang zu, eine schwarze dreieckige Öffnung im grauen Stoff des Zeltes, welches im Tageslicht noch bunt gewesen war. Doch nachts gab es keine Farben. Sollte dieser Zelteingang für Julian vielleicht das Tor in eine andere Welt sein, eine Welt in der auch er ein Zauberer werden konnte?
Der Junge ging ins Zelt hinein und tiefe Dunkelheit umfing ihn. Hierher drang das Licht des Mondes nicht. Auch die Straßenlaternen waren viel zu weit weg. Nur ganz hoch oben, wo die Scheinwerfer vor vielen Stunden die Vorführung beleuchtet hatten, war noch ein schwaches, rötliches Glühen erkennbar. Obwohl er außer diesem fernen Glühen rein gar nichts sehen konnte, spürte Julian, dass er sich in einem großen Raum befand. Die Luft war hier wärmer als draußen auf den Straßen und es wehte kein Wind. Alles war ganz still.
Nachdem er eine Weile in der Dunkelheit gestanden war, holte der Junge schließlich seine Taschenlampe hervor und leuchtete um sich. Niemand war hier. Julian bahnte sich seinen Weg nach vor in die Manege. Unter seinen Füßen spürte er das Sägemehl, das hier überall den Boden bedeckte. Bald stand er ganz in der Mitte des Zeltes. Hier war es geschehen. Hier hatte Mazandaras gezaubert. Der Junge ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe über die leeren Sitzbänke der Tribüne wandern.
Plötzlich ertönte ein lautes Fauchen. Julian erschrak so sehr, dass er die Taschenlampe fallen ließ. Sie fiel auf den Boden und erlosch. Wieder fauchte es. War das ein Löwe? Der Junge blieb ganz still und tastete nach seiner Lampe. Zum dritten Mal hörte er das Fauchen, doch es war immer noch gleich weit weg und kam nicht näher. Julian schlich zum anderen Ausgang des Zeltes und stand plötzlich dicht vor dem Käfig, in dem die Löwen hausten. Sie schliefen nicht. Eines der großen Tiere saß ganz nah an den Gitterstäben und blickte dem Jungen mit festem Blick entgegen. Julian trat einen Schritt zurück. Er kannte eine Geschichte, in welcher ein Löwe wie dieser sprechen konnte und wunderbare Dinge zu erzählen wusste. Konnte vielleicht auch dieser hier etwas sagen? Doch der Löwe blieb stumm und wandte sich dann ab, als Julian ihn mit seiner Taschenlampe blendete.
Der Junge schlich weiter um das Zirkuszelt herum. Er kam vorbei an Elefanten und Giraffen und erreichte schließlich die hölzernen Wägen, in welchen die Künstler wohnten. Wie anders all dies bei Nacht aussah als am Tage.
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