Er konnte seine Erregung nicht verbergen. Sein Gesicht sah aschfahl aus, und seine Hände zitterten, als er die Figur wieder aufnahm und betrachtete.
Während des Tees kam kaum ein Gespräch in Gang, und später trat Nora auf den Rasen hinaus. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit, bevor der Zug zur Stadt zurückfuhr, und sie glaubte, daß die beiden Herren allein miteinander sprechen wollten. Aber darin täuschte sie sich.
Sie war gerade am Ufer angelangt, als sie eine Stimme hinter sich hörte. Sie wandte sich um und sah Arnold Long vor sich.
»Mr. Monkford ist in sein Zimmer gegangen, um sich etwas auszuruhen«, sagte er.
»Und ich bin daran schuld«, erwiderte sie mit aufrichtigem Bedauern. »Ich weiß gar nicht, wie ich dazu kam, diese verhängnisvolle Sache zu erwähnen. Morde sind mir etwas Verhaßtes, und ich spreche sonst nie darüber. Auch in den Zeitungen lese ich nie die Berichte über Verbrechen.«
Sie war begierig, mehr über ihn und seinen Beruf zu erfahren.
»Sie sehen wirklich nicht wie ein Detektiv aus!«
Der Wetter seufzte.
»Es ist mir auch schon zum Bewusstsein gekommen, daß ich ein sehr schlechter Detektiv bin. Damals, als ich Sie zum erstenmal sah, war ich allerdings noch sehr von meiner Tüchtigkeit überzeugt. Aber bis dahin hatte ich eben fabelhaftes Glück gehabt. Das war alles.«
»Wann haben Sie mich denn schon gesehen?«
»In der Southern Bank. Sie besinnen sich doch auch noch darauf – wetten, daß?«
Sie war wütend über ihn, aber nur einen kurzen Augenblick.
»Es ist erst ein Jahr her«, fuhr er fort. »Damals war ich noch ein froher junger Mann, aber jetzt fühle ich mich, als ob ich hundert Jahre alt wäre.«
»Wieso denn?« fragte sie freundlich.
»Weil ich schwere Sorgen habe. Nächste Woche werden sie Monkford ermorden, und ich weiß nicht, wie ich es verhindern könnte.«
Sie sah ihn erschrocken und ungläubig an.
»Das ist doch nicht Ihr Ernst?«
Er nickte düster.
»Ich sage es Ihnen, weil ich fühle, daß ich Ihnen vertrauen kann. Ich kenne Sie, und Sie kennen mich. Es war eine Verständigung auf den ersten Blick. Ich wußte sofort über Ihren Charakter Bescheid, als ich Sie damals in der Southern Bank sah. Aber wir wollen jetzt nicht mehr über diese unangenehmen Sachen sprechen. Darf ich Sie ein wenig auf den Fluß hinausrudern? Vergessen Sie alles, was ich Ihnen von Mr. Monkford gesagt habe. Er ist ja noch am Leben.«
Schweigend ging sie mit ihm zum Landungssteg und stieg in das kleine Boot ein. Sie freute sich über seinen Vorschlag, denn trotz ihrer kurzen Bekanntschaft war ihr seine Gesellschaft sehr angenehm. Er übte einen starken Einfluß auf sie aus, dem sie sich nicht verschloß. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sicher, und sie wußte instinktiv, daß man sich auf ihn verlassen und ihm vertrauen durfte. Sonst war sie im Umgang mit Männern und Frauen sehr vorsichtig, und sie wunderte sich über sich selbst, daß die Persönlichkeit eines ihr fast fremden Mannes sie so stark faszinieren konnte.
»Wie alt sind Sie?« fragte er plötzlich, während er auf den Strom hinausruderte.
»Beinahe dreiundzwanzig – schon sehr alt.«
»Sie sehen aber durchaus nicht alt aus. Ich hielt Sie für höchstens zwanzig. Sind Sie böse, wenn ich Ihnen sage, daß Sie sehr schön sind?«
Sie lachte.
»Nein, darüber freue ich mich nur«, gestand sie offen.
Das Boot glitt leicht den Strom hinunter.
»Sie haben die schönsten Augen, die ich jemals an einer Frau gesehen habe«, sagte er nach einer Weile.
Sie erhob warnend den Finger.
»Mr. Long, ich glaube, Sie wollen mit mir flirten!«
»Nein, ich konstatiere nur Tatsachen. Sind Sie eigentlich verlobt?«
»Nein.«
Er holte tief Atem.
»Sonderbar.«
Plötzlich zog er die Ruder ein und hielt sich an einem Zweig am Ufer fest. Als sie aufschaute, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß sie sich dicht neben Sheltons Motorboot befanden.
»Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte er und sprang an Bord. Dann beugte er sich nieder, reichte ihr die Hand und half ihr, hinaufzusteigen.
Als sie das Boot jetzt nahe vor sich sah, bemerkte sie den Verfall deutlicher.
Der Wetter öffnete die Tür zu der kleinen Kabine.
»Kommen Sie einmal hierher.«
Sie folgte ihm. Es herrschte vollkommene Dunkelheit in dem Raum, da alle Läden geschlossen waren, und er steckte ein Streichholz an.
»Sehen Sie, das klingt fast wie eine Prophezeiung.«
In eine Täfelung war eine Anzahl von Daten eingeschnitten.
1. Juni 1854 J. X. T. L.
6. September 1862.
9. Februar 1886.
11. März 1892.
4. September 1896.
12. September 1898.
30. August 1901.
14. Juni 1923.
1. August 1924.
In der vorletzten Zeile war hinter dem Datum ein kleines Kreuz eingeritzt.
Nora betrachtete die Zahlen erstaunt.
»Hat Mr. Shelton die Daten eingeschnitten? Was bedeuten sie denn?«
»Sie verraten allerhand«, erwiderte er vorsichtig. »14. Juni 1923 – das ist leicht erklärt. An diesem Tage wurde er gehängt!«
Sie schrak zurück. Das lange Wachsstreichholz ging aus, und einen Augenblick standen beide im Dunkeln. Plötzlich überkam Nora eine ungewöhnliche Furcht, und sie eilte an ihm vorbei ans offene Deck, in das Sonnenlicht. Er folgte ihr sofort und schloß die Tür der Kabine. Aus seinem Benehmen folgerte sie, daß er der augenblickliche Besitzer des Bootes war.
»Diese eingeschnittenen Daten habe ich im vorigen Jahr entdeckt, als ich das Boot kaufte und es näher untersuchte. Es war zuerst ein anderes Brett darüber geschraubt.«
»Aber er konnte doch nicht den Tag seines Todes vorauswissen?«
»Nein. Dieses Datum ist von der Bande des Schreckens eingeritzt worden.«
Nora sah ihn groß an. Scherzte er?
»Davon habe ich noch nie etwas gehört«, sagte sie schließlich.
»Wir wollen wieder in unser Boot steigen«, erwiderte er nur.
Mit großen, kräftigen Ruderschlägen trieb er das Fahrzeug stromaufwärts, und das Ufer mit seinen Wiesen und malerischen Baumgruppen glitt an ihnen vorüber. »Es gehört schon sehr viel Umsicht und Energie dazu, ein Doppelleben zu führen«, meinte er nachdenklich. »Aber Shelton ist in mindestens sechs verschiedenen Masken aufgetaucht.«
»War er eigentlich verheiratet?« fragte sie interessiert.
»Das haben wir nie genau feststellen können, aber wahrscheinlich hatte er keine Familie.«
Plötzlich fiel ihr ein, daß unter Sheltons Todestag noch ein weiteres Datum eingeschnitten war, und zwar der 1. August 1924. Und heute hatten sie erst den 23. Juli!
»Was soll denn am 1. August geschehen?«
»Darum handelt es sich ja gerade«, entgegnete er bedrückt. »Außer mir weiß niemand etwas Genaues über die Bande des Schreckens, und ich weiß auch nur sehr wenig. Ab und zu ahnt man ihre Tätigkeit, sieht ihre Verbrechen. Der alte Shelton hat die Banken um eine Million Pfund betrogen, aber seine verschiedenen Existenzen haben viel Geld gekostet und schließlich wieder alles verschlungen. Auch möglich, daß er Geld bei den Rennen verloren hat. Die meisten Verbrecher haben ja irgendeine kostspielige Passion. Die Leute, die er zur Ausführung seiner Pläne brauchte, haben auch viel gekostet. Aber immerhin, eine Million Pfund ist eine große Summe. Die Bande des Schreckens stand immer hinter ihm. Mr. Monkford hatte einen Bruder, der seine Ferien an der Adria verbrachte. Eine Woche nach Sheltons Tod ertrank dieser Mann. Man fand ihn eines Morgens tot in seinem Badeanzug am Ufer auf. Mr. Monkford glaubte an einen Unglücksfall, und in gewisser Weise war es das auch, denn sie hatten den falschen Monkford gefaßt.«
»War es denn wirklich ein Mord?« fragte sie mit stockender Stimme.
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