Seit fast einem Monat habe ich nichts mehr von Alex gehört. Oder von Anni. Im Grunde ist es mir gleichgültig. Es gibt nichts mehr, was ich meinem Bruder zu sagen habe – denke ich jedenfalls. Bis mich dann doch diese Trauer, diese Schwermütigkeit befällt; jene Gewissheit, dass ich eine geliebte und mir nahe stehende Person womöglich für immer verloren habe.
Ich schlafe bereits, als das überlaute Klingeln des Telefons die nächtliche Stille zerreißt wie Papiermaché. Fluchend wende ich mich ab, warte auf ein Ende dieser akustischen Tyrannei. Es trifft nicht ein. Barfüßig tapse ich auf den Flur, rüber zur Kommode und schnappe mir den Hörer. Belle ein aggressives „Ja!“ in die Sprechmuschel.
Die Antwort besteht aus aufgebrachtem Wimmern, erschöpftem Schluchzen. „Maik, es geht um Alex!“, kommt Anni sofort zum Kern der Sache. Mein Magen verkrampft sich. Ist mein Bruder tot? Auf einmal ist mein Hass auf ihn verflogen und wird durch Angst ersetzt. Angst vor der Wahrheit.
„Etwas ist mit ihm geschehen!“, überschlägt sich Annis Stimme.
„Was“, bringe ich kratzig hervor. „Was ist mit ihm geschehen?“
„Nicht am Telefon! Bitte, du musst herkommen!“
Und das tue ich auch.
Anni erwartet mich bereits in der Einfahrt. Kaum bin ich ausgestiegen, wirft sie sich mir um den Hals. Ich nehme an – hoffe –, dass Alex nicht in der Nähe ist. Andernfalls hätte es ein böses Ende genommen. Nicht, dass ich diesen kurzen Moment der Intimität nicht insgeheim genieße. Das Gesicht der Freundin meines Bruders ist verquollen, ihre Augen gerötet. Mit dem Handwinkel wischt sie neuerliche Tränen fort, macht einen Schritt zurück.
„Was ist passiert?“, frage ich ungeduldig.
Sie wendet sich ab, verschwindet im Haus. Ich folge ihr. Die Ungewissheit treibt mich allmählich in den Wahnsinn. Umgehend dringt mir ein eigentümlicher, erdig-modriger Gestank in die Nase. Als würde man direkt neben einem umgekippten Gewässer stehen. Sauerstoffarm, algenreich, mit toten Fischkörpern, die an der Oberfläche schwimmen. Was ist hier geschehen?
Anni führt mich durchs Wohnzimmer. Alles ist normal. „Du erinnerst dich doch noch an die … Tinktur. Das vermeintliche Wundermittel gegen Alex’ Kahlheit?“
Ich bejahe. „Was ist damit?“
„Ich glaube … denke … weiß … dass es ihn verändert hat.“
„Ihm sind wieder Haare gewachsen“, werfe ich ein.
„Das auch“, gibt sich Anni mysteriös. Dann ein kraftloses Lachen. „Die sind ihm wie Unkraut gesprossen. Überall am Körper. Du hättest ihn erleben sollen, Maik. Dein Bruder war so … überglücklich – die meiste Zeit.“
Ich verharre. Meine Augen verengen sich. „Was meinst du damit?“
„Na ja, du hast ihn doch das letzte Mal erlebt“, versucht sich Anni in einer Andeutung.
„In der Tat.“ Es ist nicht einfach, den weiterhin vorhandenen Zorn zurückzuhalten.“ Mein Bruder hat sich wie der letzte Dreck aufgeführt. Mich rausgeschmissen.“
Annis Kinn bebt. Wieder Tränen. Sie wendet sich ab. „Dieses … aggressive Verhalten … es wurde … immer stärker. Dieser … Hass. Auf alles, jeden – auch auf mich. Er wurde immer paranoider – und aggressiver …“
„Hat er dich geschlagen?“, platzt es mir raus.
Sie schüttelt den Kopf. „Aber er … wir … er erwiderte meine Zuneigungen nicht mehr.“ Ich merke, wie peinlich ihr das Thema ist.
„Schließlich hat er sich immer mehr zurückgezogen. Kam nur noch nachts aus seinem Arbeitszimmer raus. Bis gestern.“ Wie durch Zauberhand erscheint ein Schlüssel zwischen ihren Fingern.
„Was war gestern?“, dränge ich, während sie die Tür aufschließt.
„Das musst du selbst sehen“, sagt sie schließlich.
Die Scharniere quietschen, als sie die Tür aufstößt. Der aus dem Dunkel dringende Gestank ist um ein Vielfaches schlimmer und raubt mir den Atem. Alles in mir wehrt sich dagegen, dort runterzugehen.
Klick! Beinahe schreie ich, als Anni den Lichtschalter betätigt und die Finsternis durch künstliche Helligkeit ausgetauscht wird. Mit weichen Knien folge ich ihr die Stufen hinab. Ziehe ein Taschentuch und presse es mir vor Mund und Nase. Unten angekommen, begrüßt mich das Chaos. Umgestürzte Regale, achtlos weggeworfene Bücher, lose Seiten. Aber das ist noch gar nicht mal das Schlimmste. Auf Zehenspitzen gehe ich weiter. Als stünde mir der Gang durch ein Minenfeld bevor. Anni hat sich gegen den Türrahmen gepresst. Ich kann ihren Widerwillen, diesen Raum zu betreten, förmlich spüren. Ein Schmatzen unter meinem Schuh lässt mich zusammenfahren. Ich hebe das Bein und erkenne entsetzt einen dicken, dunkelgrünen Schleimfaden, der an meiner Sohle haftet. Was ist hier passiert?
Mein nächstes Ziel ist Alex’ Schreibtisch – das Zentrum des Gestanks. Je näher ich ihm komme, desto stärker nimmt er zu. Da nützt mir auch das Taschentuch nicht viel. Doch neben dem allumfassenden Moder nehme ich noch eine weitere Nuance wahr. Ein fleischiges Aroma, das mich an eine Metzgerei erinnert. Oder einen Schlachthof. Zitternd sucht meine Hand den Schalter der Stehlampe, findet ihn – und etwas anderes. Hektisch, panisch, streife ich den Schleimbatzen an der Tischkante ab … und erstarre. Jenseits des umgekippten Bürostuhls dominieren leere Wurst- und Fleischverpackungen. Teile des Inhalts haben sich über die Aufschichtung von Bücherseiten, alten Zeitungen, Magazinen und Ausdrucken verteilt. Das ist ein Lager! schießt es mir durch den Kopf. Eine Schlafstätte! Aber welchen Sinn soll das Ganze machen? Das ist nicht logisch! Mir schwirrt der Kopf.
Bis ich die Haare entdecke. Dunkles Haupthaar. Feine Fäden, vermutlich Körperbehaarung. Gekräuseltes Schamhaar. Schließlich etwas, dass nicht sein kann. Dick und spitz zulaufend. Von unnatürlicher Länge. Wie … Schnurrhaare? Und was ist das dort drüben? Haut? Sind das Schuppen?
Ich will nicht mehr hier sein. Panisch weiche ich zurück. Mein Rücken bekommt den Sessel zu spüren. Ungewollt schreie ich auf, lege ich den Kopf in meinen Nacken – und schaue direkt zum eingeschlagenen Fenster. Am Schreibtisch ziehe ich mich in die Höhe. Torkle zu Anni rüber. Sie hat wieder zu weinen begonnen.
„Ich denke, ich weiß, wo er sich versteckt hat“, sage ich.
Anni nickt ein paar Mal, bevor sie sich abwendet. „Aber ich habe nicht die Kraft dazu“, rafft sie sich auf.
Zunächst machen ihre Worte keinen Sinn. Bis ich begreife. Und sich ein bodenloser Schlund in mir auftut. Überraschend deutlich werde ich mir der Tatsache bewusst, dass es meinen Bruder nicht mehr gibt. Nur noch diese … Kreatur. Dieses Ding . Und was ich zu tun habe; tun muss.
Keine dreißig Minuten später spritzen die Reifen meines Wagens Schotter auf. Die Lichtfinger der Scheinwerfer setzen die Front der alten Jagdhütte ins Rampenlicht wie eine Theaterbühne. Schwermütig denke ich an bessere Zeiten zurück. Als Vater uns hier mit rauf gebracht hatte. Die langen Wanderungen. Unbeschwertheit.
Nichts davon ist übrig geblieben.
Ich warte. Auf meinem Schoß thront ein Baseballschläger. Irgendwie kommt er mir lächerlich vor.
Aus einer Minute werden zwei, dann vier. Nach der fünften steige ich aus. Langsam. Gott, habe ich Angst. Hier draußen gibt es nur das Rauschen des Windes, einen Klang, der mich auf einmal bis ins Mark ängstigt. Wie die Dunkelheit. Das Unbekannte.
Ich nähere mich der Hütte, den Schläger über mich erhoben. Sogar das Schlucken fällt mir schwer. Mein Körper zerschneidet einen Lichtfinger. Vor den Stufen, die rauf zur Veranda führen, bleibe ich stehen. Sammle Kraft und Speichel. Schließlich: „Alex?“ Ich spreche den Namen meines Bruders ganz leise aus. Zaghaft. Erhalte keine Antwort. Nach einem Moment des Abwartens will ich den Vorgang wiederholen, als hinter mir ein rasches Stakkato ertönt: Tapp-Tapp-Tapp.
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