14.05. / 08:00 Uhr. Die Frau auf der Parkbank am Wandrahmsfleet scheint ein Nickerchen zu machen. Nur beim genauen Hinsehen ist die blutgetränkte Oberbekleidung erkennbar. Unter der Bank hat sich eine Blutlache gebildet. Aber blutig geschlagene oder betrunken gestürzte und verletzte Menschen sind hier keine Seltenheit. In Hamburg sind die Nächte bekanntlich lang und selten alkoholfrei. Da kann viel passieren, nicht nur auf der Reeperbahn ist nachts um halb eins das Kneipen-Karussell in Gang. So hätte man lange Zeit keine Notiz von Frauke Asmus genommen, wenn die Gegend nicht von Polizei quasi wimmeln würde. Peter Löschert und seine Kollegin Eike Willruth beugen sich zur vermeintlich schlafenden Frau. Eike berührt sie an der Schulter. „Hallo, hier ist die Polizei, sprechen Sie bitte mit uns…“, die noch junge Polizistin verschluckt beim Sprechen die letzten zwei Worte. Das Blut ist überall, schwarz oder tief dunkelrot und die Frau auf der Bank sinkt langsam zur Seite, der Kopf neigt sich quer und zeigt die riesige Einschnittwunde. Peter zieht seine Kollegin von der Leiche weg, „die ist tot, verdammt, ganz tot!“, krächzt er mit belegter Stimme. Eike Willruth ist blass, sie verspürt Übelkeit. Plötzlich, völlig unerwartet, löst sich der Kopf vom Hals und fällt mit einem nur leisen, aber markerschütternden Plopp auf die Bank, dann mit einem dumpfen Plumps auf den Boden. Der Kopf rollt einige Zentimeter, dann bremsen die schwarzen dichten Haare mit Hilfe der Nase die Rollbewegung auf dem Pflaster ab. Die Polizeimeisterin kann nicht mehr an sich halten, laut würgend entlädt sich ihr Mageninhalt, sie schafft es noch nicht einmal mehr bis zum Kanalgeländer. Polizeiobermeister Löschert erstarrt. Er sieht fassungslos das Geschehen, hört seine Kollegin würgen, und spürt ebenfalls einen säuerlichen Geschmack mit dem starken Verlangen, ausgiebig zu kotzen.

Nachtschwester Hanna beendet ihren Dienst. Es ist acht Uhr und die Nacht war arbeitsintensiv. Noch im Gehen informiert sie die Kolleginnen über den schlafenden Frieder Johannsen. „Lasst den armen Mann so lange schlafen wie möglich, sonst müssen wir noch ein Krankenbett bereitstellen.“ Friederike-Liselotte Johannsen ist seit Ihrer Einlieferung nicht mehr zu sich gekommen. Aber einige Gesichtsmuskeln zucken ständig und ihre Finger bewegen sich zeitweilig. Die Geräte zeigen einen erhöhten Puls und eine unregelmäßige Atmung. „Das ist nicht beunruhigend“, erklärt der junge Stationsarzt als Antwort auf die unausgesprochene Frage von Annegin Kolzer, die als Stationsschwester ihre erste Dienstwoche auf der Station III A1 antritt. „Mir bereitet es aber Sorgen, dass sie den Weg ins Wache überhaupt nicht findet“, grübelt Rainer Will, der als sehr ambitionierter und verantwortungsvoller Arzt gilt. „Wir könnten sie mit Medikamenten wecken, aber ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist. Wir belassen es so, behalten aber alle Organe unter Kontrolle. Sie hat einen tief wirkenden Schock, das Gehirn hat die Wahrnehmung aus- und die Verarbeitung des Erlebten eingeschaltet. Das Hirn weiß, was zu tun ist und wir überlassen es zunächst dem Körper selbst“, er blickt vom Krankenblatt auf und strahlt Annegin Kolzer mit seinem jungenhaften Lächeln an. „Was ist mit dem Ehemann, den Schwester Hanna zum Schlafen überredet hat, was gut und wichtig war. Wie geht es ihm jetzt?“ Schwester Annegin muss kurz schlucken, dieses Lächeln, seine Art, sie spürt ein leichtes Flattern in der Magengrube und auch etwas tiefer. „Wir haben heute früh noch nicht nach ihm gesehen. Hanna war zuletzt um 6 kurz bei ihm, da hat er geschlafen.“ Wieder dieses Lächeln, spitzbübisch, ein bisschen Schalk und viel Sexappeal. Was für ein Mann, denkt Annegin, während sich seine Lippen zu Worte formen, die bei ihr zeitverzögert ankommen. „Na, dann lassen Sie uns doch mal leise nach ihm sehen“, noch während er spricht, macht er sich schon auf den Weg und Annegin Kolzer folgt ihm magisch angezogen. An der Tür zum Gästezimmer berühren sich ihre Hände und mit einem Blick in den Raum ganz nah nebeneinander wird Annegin klar, dass sie nicht nein sagen würde, nicht nein sagen könnte, wenn er sie jetzt nehmen würde. „Alles in Ordnung, so weit“, flüstert Rainer Will. „Die Kripo hat sich erkundigt und nachher kommen zwei, um mit den Eheleuten zu sprechen“, erwähnt Annegin mit belegter Stimme. „Das muss Herr Johannsen entscheiden, wenn er mit ihnen reden will, ist das ok. Aber mit seiner Frau wird noch niemand reden, das kann noch einige Tage so weitergehen. Bitte halten Sie die Beamten im Auge, wenn die hier sind. In der Regel scheren die sich nicht einen Deut darum, was wir meinen und entscheiden, klar?“ Seine Augen, dunkelbraun, voller Wärme und Willenskraft blicken direkt in ihre und sie befürchtet, er könnte plötzlich alle ihre Gedanken lesen. „Nein, äh, ja, ok, ich werde die Leute im Auge behalten und lasse sie rufen, wenn sie angekommen sind.“ „Prima, bis nachher“, verabschiedet sich Rainer Will, der Traum aller Schwestern des Klinikums. „Was macht der wohl privat?“, denkt Annegin und lächelt über sich selbst. „Na, das werden wir noch herausfinden.“ Und mit einem Schmunzeln auf den Lippen sieht sie dem sexy Hintern des jungen Mannes beim Gang über den Flur hinterher.
„Was sagst Du, gleiche Tatwaffe, Tatzeit?“ Mit ernstem Gesicht drängelt Niels Behrendt seinen Kollegen von der Kriminaltechnik zu einer frühen Aussage. Die Einsatz- und Tatbesprechung zum Doppelmord war noch gar nicht beendet, als sie zum neuen Tatort gerufen wurden. „Niels, ich bin kein Pathologe, aber was ich sehe, das siehst Du auch und die Anzeichen sind eindeutig. Ohne Garantie: Ja, gleiche Waffe, gleicher Täter, Tatzeit vor maximal fünf Stunden.“ Die Bank, auf der nur noch der Rumpf von Frauke Asmus in Seitenlage liegt, ist weitläufig abgesperrt. Ihr Kopf ist von einer Aluminiumfolie bedeckt und Polizisten bauen Sichtblenden aus stabilen, braunen Leinen um den Tatort herum. Niels Behrendt geht einige Meter hinter die Absperrung und zündet sich eine Zigarette an. Die Wievielte in dieser Nacht? Dreißig, Vierzig? Er weiß es nicht und es kümmert ihn auch nicht.
-Scheiße, was ist hier los- fragen seine Gedanken. „Verdammt noch mal, hier war doch heute Nacht und heute früh überall Polizei unterwegs, das kann doch nicht wahr sein.“
Hanna Peters schwingt sich auf ihr Rad, die Touren nach Hause sind für sie pure Entspannung nach den Nächten im Krankenhaus. Bis nach Horn braucht sie nicht lange, aber sie fährt gerne abseits der Hauptstraßen, denn der Verkehrslärm ist kaum auszuhalten. Ihr Umweg benötigt zwar einige Minuten mehr, ist aber wesentlich angenehmer zu fahren. Der Mann im langen schwarzen Mantel mit dem großen Hut auf der Bank am Wäldchen der Jüthornstraße gegenüber dem Krankenhaus fällt ihr zunächst nicht auf. Doch einige Meter weiter, blickt sie sich doch noch einmal um, -seltsame Type- denkt sie. Einige Radlängen weiter ist ER jedoch wieder vergessen.
ER sitzt bewegungslos auf der Holzbank unter einer riesigen Kastanie im beschaulichen kleinen Waldpark mit Blick auf das Krankenhaus. Auf seinen Beinen liegt ein aufgeschlagenes Buch, das seine tiefschwarzen Augen ohne jede Mimik zu studieren scheinen. Dafür wirkt der gespenstische Kopf auf dem knorrigen Wanderstab in seiner rechten Hand nahezu lebendig. Die ins dunkle Metall gegossenen oder vielleicht geschnitzten Augen im Kopf scheinen sich zu bewegen. Ja, man meint sogar die Gesichtszüge dieses seltsamen und auch gruseligen Fabelwesens erkennen zu können. Es wirkt lebendig. Unheimlich. Aber wer sieht das heute Morgen schon so genau, niemand. Denn niemand schaut genau hin. So bemerkt auch keiner den Raben, der ebenfalls auf der Bank Platz genommen hat. Wo kam er her?
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