
Er schreitet zur nächsten Tat
14. Mai 2014, 05:20 Uhr. Es ist schon ein Hauch Tageslicht zu sehen, als ER über die Jungfernbrücke zurück in die Speicherstadt kommt. Oder ist er nur zu einem morgendlichen Bummel unterwegs und kehrte nun nach Hause zurück?


Lautlos wie ein Schatten und mit forschem Schritt ist ihm sein Alter nicht anzumerken. Nun hält er inne und zieht die Morgenluft tief ein, dann schnuppert er in den sanften Wind und wendet sich in Richtung Neuer Wandrahm. Frauke Asmus geht ebenfalls mit forsch in Richtung Hafen-City. Die 56-Jährige ist eine der wenigen einzelnen Putzkräfte, die in dem spektakulären hypermodernen Wohn- und Bürokomplex Putzjobs gefunden hatte. Zuvor war sie viele Jahre in einer der hier ansässigen Im- und Exportunternehmen tätig. Sie hatte sich überall persönlich vorgestellt und einen akkurat zuverlässigen Eindruck gemacht. Das zeigt sie auch in ihren Jobs, die sie penibel und ganz genau macht. Für die meisten Büros und Wohnungen sind Reinigungsfirmen beauftragt. Nur einige wenige Büros werden von Einzelpersonen sauber gehalten. Frauke Asmus putzt jeden Morgen zwischen vier und sieben Uhr einige der Büros in der mondänen Hafen-City. Mit drei Mini-Jobs kam sie in der teuren Metropole gerade über die Runden. So früh sind nur ganz wenige Menschen unterwegs und aus den Gebäudekomplexen scheint nur hier und da Licht nach draußen. Sie bemerkt den Mann erst, als sie direkt vor ihm steht. Hat er auf Sie gewartet? „Oh, wie schön ist doch dieser Morgen, wenn das Getümmel noch nicht eingesetzt hat und die Seele sich umschauen kann, nicht wahr? Ich wünsche Ihnen ein ganz zauberhaften guten Morgen“, sprach er mit einer angedeuteten Verbeugung, wobei er sich an den Hut tippt. „Ja, Guten Morgen“, antwortet Frauke erschrocken. Hier in der Speicherstadt ist es in vielen Ecken und auf den meisten Wegen noch sehr dunkel, die sogenannte Hafen-City ist indes intensiv beleuchtet. Frauke Asmus hat seit jeher ein mulmiges Gefühl in den dunklen Wegen vorbei an den dicken Ziegel- und Backsteinbauten, die so hoch waren, dass sie alles in undurchsichtigen Schatten legten. Hier ist es nachts noch dunkler, als anderswo. „Ihr seid auf einem Pfad des Unheils. Mit Verlaub, ihr wandelt schon lange auf dem falschen Weg, vielleicht hättet ihr euch für eine andere Route entscheiden sollen, verehrte Frau Asmus. Unsere Wege kreuzen sich wohlgefällig, aber nicht zufällig“, spricht ER. Seine Worte sind nicht laut, auch nicht geflüstert und Frauke fragt sich gedanklich, was das für ein seltsamer Typ sei, der sie um diese Uhrzeit in einer so wundersamen Weise anspricht. Er kennt meinen Namen, er spricht von Unheil. Ihr läuft ein Schauer den Rücken herunter und die Härchen im Nacken richten sich auf. Sie spürt Angst, irgendwas ist fürchterlich bedrohlich an dieser seltsamen Begegnung. Und ja, irgendein Gedanke versucht ihr mitzuteilen, dass sie diesen Mann schon einmal gesehen hat. Doch der Gedanke wurde nicht deutlich. Sie erinnert sich in einer Sekunden schnellen Zusammenfassung noch an den großen schwarzen Hut und an einen mächtig erscheinenden Spazier- oder Wanderstab. Doch am meisten erinnerte sie sich in der Sekunde ihres Ablebens an die Augen des Mannes. Sie hätte schwören können, dass sich die Augenfarbe veränderte, während er die Worte sprach und zuletzt tiefschwarz waren. Aber konnte das sein? Wer weiß. Auch die Frage, warum sie hier in aller Herrgottsfrühe sterben muss, bleibt an diesem Tag unbeantwortet. „Obwohl, oh, ja, wäret ihr einen anderen Weg gegangenen, hättet ihr den Tag der Änderungen heute noch nicht erlebt,“ vollendet ER sein Gespräch, während Frauke Asmus in seinen langen und kräftigen Armen des Lebens beraubt wird und ihn nicht mehr hören kann.
06:00 Uhr. Frieder Johannsen fühlte sich schon immer in Krankenhäusern sofort nach dem Betreten unwohl. Die Atmosphäre und Eindrücke machten ihn krank. Aber heute spürt er dieses beklemmende Gefühl nicht, eigentlich spürt er gar nichts. Er sieht auf Friederike-Liselotte, wie sie unruhig im Krankenbett schläft. Eine Fusion tropft in ihren linken Arm, zwei Kabel führen von einer Manschette des rechten Arms zu elektrischen Geräten. Frieder sah sie und doch wieder nicht, seine Gedanken kreisten um alte Zeiten. In diese Frau war er jahrelang verliebt gewesen, was folgte, war eine kompromisslose und innige Liebe, die auch heute noch mit tiefer Verbundenheit Gültigkeit hatte. Roswitha kam ihm in den Sinn, als sie das erste Mal mit einer kleinen Jolle auf der Elbe unterwegs war oder als Heranwachsende mit ihm eine ausgedehnte Tour mit einem modernen Frachter nach Südamerika unternahm. Diese Zeit an Bord war unersetzlich, hier fand er den Zugang zu seinem Mädchen und sie zu ihm. Sie plauderten über sich und die Welt, sie stritten und diskutierten, sie sagten sich die Meinung. Dann blitzten die ersten, ernsthaften Jungenfreundschaften seines Mädchens vor dem geistigen Auge auf und die Erinnerung seines ersten Eindrucks über Jan folgte, mit dem es seinem „Mädchen“ wohl ernst war. Doch nun waren beide tot und Friederike liegt mit Kabeln und Kanülen verbunden vor ihm. Ihre Gedanken schienen in einer fremden Welt zu wandeln.
Sie reagiert nicht, sie steht ihm nicht bei und er kann ihr nicht helfen. Frieder versucht einen klaren Gedanken zu fassen, was war geschehen? Nicht das Resultat, sondern die Ereignisse, welche zum Resultat führten, beschäftigen ihn. Was war geschehen und Warum? Wer? Bohrende Fragen, die verzweifelt nach Antworten suchten. Ein hilfloses Gedankenmanöver, das wird ihm immer bewusster. Er schluckt, als sich eine erste Träne den Weg durch eine Wand seiner eisernen Disziplin sucht. Er hat doch schon so viele Probleme gelöst, seine Familie zusammengehalten und sein Unternehmen auch in stürmischen Zeiten gekonnt um gefährliche Klippen gesteuert. Wieso hatte er hier versagt? Warum hat ihn seine Intuition nicht gewarnt? War es die Wohnung, das Gebäude oder ein schier undenkbarer Zufall, der mit Orkanstärke sein Leben zerriss? Nein, an Zufälle glaubt Frieder Johannsen nicht, nur an Momente, in denen manches besser klappt oder Zeiten, in denen manchmal etwas aus unerklärlichen Gründen nicht funktioniert, obwohl vorher alles dafür sprach. Und? Fragt er sich. Wenn du das herausgefunden hast, was dann? Roswitha und Jan sind auch dann noch tot und Friederike wird niemals wieder unbelastet an seinem Leben teilnehmen können. Und er auch nicht an ihrem. Eine Krankenschwester reißt ihn aus seinen Gedanken. Wie lange sie schon seine Schulter berührte und auf ihn eingesprochen hatte, hätte er nicht sagen können. „Herr Johannsen, Sie müssen etwas schlafen, kommen Sie, wir haben ein Zimmer für Sie!“ Johannsen schaut sie mit einem hilflos fragenden Blick an und lässt sich ohne weitere Worte in ein separates Zimmer führen. „Ich habe hier ein leichtes Beruhigungsmittel mit Baldrian und anderen Naturstoffen, keine Medizin, bitte nehmen Sie es für ein paar Stunden Schlaf.“ Schwester Hanna träufelt einige dunkle Tropfen in einen kleinen Plastiklöffel und hält es dem gebrochenen Mann vor seinen Mund. Willenlos schluckte Frieder Johannsen das bittere Zeugs und schaut mit leerem Blick durch das Zimmer. Sein Kopf hebt sich und er blickt sie mit festem Augenkontakt an: „Warum?“, fragt er leise, „Warum?“, wiederholt sich seine Frage ein weiteres Mal, nur sehr viel leiser.
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