
„Wer sind Sie, hallo, können Sie mir mal sagen…“, die junge Frau ist jetzt nicht nur irritiert, sondern auch erbost.
Die Augen des großen und schlanken Mann ziehen Sie in den Bann, doch auch der große Stab, so was wie ein Wanderstab, -wie ihn die Bischöfe in alten Filmen immer haben- schießt es ihr durch den Kopf. Oben am Ende des Stabs, der aus einem einzigen Ast geschlagen zu sein scheint, trägt er einen großen bronzefarbenen Kopf eines gruseligen Geschöpfs, doch Roswitha will gar nicht genau hinsehen, ihr läuft ein kalter Schauer den Rücken herunter, „Nun sagen Sie schon..“ .. was sie wollen, hatte sie geplant zu sagen. Doch beim Blick in sein Gesicht schaut sie genau in seine Augen. Fassungslos bemerkt sie, dass die Farbe von braun zu tief schwarz wechselt.
„Werte junge Frau, oh, oh, verzeiht, verzeiht, aber ihr habt gerufen und nun bin ich da. Und jetzt wird alles anders. So, wie es geschrieben steht und so, wie es Euer Wunsch ist.“ Die Augen des Mannes, diese Augen, eben noch braun sind jetzt schwarz. Roswithas Nackenhaare kräuseln sich.
„Was ist denn?“, ruft Jan von oben.
„Ah, oh, wir haben Besuch, wie angenehm, wie angenehm, dann ändert sich ja noch viel mehr, wie reizend!“
Jan stutzt über diese Aussage und denkt -was ist das für ein Idiot-, er sucht seine Hose. „Bitte, nun sagen Sie mir wer Sie sind und was Sie wollen“, Roswitha versucht ihrer Stimme die Unsicherheit zu nehmen.
„Wer ich bin? Ja mit Verlaub, ihr habt mich doch gerufen, denn so steht es geschrieben und was ich will, ja, oh, ihr wisst schon, jetzt ändert sich alles“, mit einer eleganten Bewegung streicht der Mann mit der Außenseite seiner linken Hand zärtlich ihre Wange. Zu spät erkennt sie den Dolch in dieser großen Hand, die Klinge ruhte an seinem Unterarm. Mit einer eleganten, aber blitzschnellen Bewegung schneidet die Klinge glatt wie durch Butter ihren Hals von links nach rechts vollständig auf. Bevor sie umfällt wechselt die Klinge an ihren Nacken und mit einem kräftigen Schnitt durchtrennt der Mann mühelos alle Wirbel und das Endrückrat. Der Körper fällt zu Boden. Den Kopf mit seinen riesig geweiteten Augen stützt ER mit der anderen Hand und legt ihn behutsam aufrecht neben ihren Körper. Das Blut schießt in einer Fontäne aus dem Rumpf, noch schlägt das Herz. Nicht wissend was geschehen ist, stürzt Jan die Treppe herunter und ein kurzer, heftiger Schreckenslaut löst sich aus seinem Mund. Ungläubig, völlig fassungslos starrt er einen Moment auf das Szenarium, das sich ihm bietet. Bevor sein Bewusstsein alles registriert, dringt die Klinge kurz über den Solar Plexus durch die Rippenöffnung in seinen Brustkorb. Aus der Öffnung entweicht hörbar die Luft. „Oh, ihr seid willkommen, denn nun ändert sich alles“, es ist mehr ein Sprechgesang, als reden, was der Mann von sich gibt. Doch Jan versteht kein Wort mehr. Schmerz und Schock lähmen ihn, mit weit aufgerissenen Augen starrt er den Fremden an. Die Klinge gleitet nach oben. Er sägt nicht, nein, er schneidet völlig mühelos, die Klinge gleitet förmlich durch die Knochen und öffnet den Brustkorb bis zur Kehle. Eine Herzkammer wird dabei aufgeschlitzt, das Herz zuckt, die aufgeschnittene Kehle macht das Atmen unmöglich. „Oh, nun ist es vollbracht. Was für ein Jammer, schaut nur, schaut, der Fußboden, so neu, so schmutzig nun.“ Nur noch wenige Sekunden, dann ist Jans Leben endgültig beendet und er liegt in einer schier unfassbaren Blutlache. Die Kleidung des Fremden indes bleibt völlig unberührt, kein Tropfen Blut haftet an seinem unheimlichen Mantel und auch seine Hände lassen das grausam blutrünstige Schauspiel nicht erkennen.
Der Besucher bleibt noch ein wenig in der Wohnung. Es muss ja alles hergerichtet sein. Beim Hinausgehen greift er zärtlich nach dem Buch. „Nun sind wir wieder vereint und alles wird anders“, flüstert er und nimmt das dicke Buch an sich. Seinen Hut nahm er nicht ab. Vielleicht stellte er einmal kurz seinen Stab an die Wand, doch das ist nicht sicher. Das fragt sich später auch niemand, denn von dem Stab weiß ja keiner was. Er schaut sich noch einmal um, dann schließt der Mann die Tür hinter sich.

Tock, Tock, Tack. Mit seinem Stab macht sich der Besucher auf den Weg. Er weiß, nun ändert sich alles und bei diesem Gedanken scheinen seine Augen erfreut zu leuchten. Draußen rattert die S-Bahn „Auf den Mühren“ vorbei an der Speicherstadt, zum „Baumwall“ und zu den „Landungsbrücken“, dort, wo die berühmte Cap San Diego und die Rickmer Rickmers einen Museumshafen für den Lebensabend gefunden haben. Es ist schon dunkel, noch nicht so tiefschwarz wie die Nacht, aber ziemlich düster. Aus einigen Wohnungen und Büros der Speicherstadt fällt Licht nach draußen. Mal etwas grell, doch meist in gemütlichem Gelb und in angenehmen Rottönen. Auf der Straße ist eine augenscheinlich nicht endende Fahrzeugkarawane in beiden Richtungen unterwegs. Radfahrer und Fußgänger teilen sich hektisch die schmalen Fußwege, viele marschieren auf der Promenade.
Auch der Mann im alten Mantel mit seinem Wanderstab und einem schwarzen Hut. Aber er fällt niemanden auf. Um diese Uhrzeit möchten sie alle nur schnell nach Hause, Feierabend machen. Zumal hier, in der maritimsten Stadt des ganzen Landes, auch seltsame Gestalten nicht auffallen. Doch eine ganz besondere Aura umhüllt ihn, sie wäre spürbar, wenn man nahe an ihn herantreten würde. Aber selbst ein streunender Hund macht einen großen Bogen um ihn. Nun schaut der Mann über die abendliche Hafen-Silhouette. Sein Blick scheint zufrieden zu sein und nach einer kurzen Pause kehrt ER beherzten Schrittes um. Vielleicht wollte er nur einen Abendspaziergang machen, ein alter Mann beim Bummel am Hafen, frische Luft vor dem zu Bett gehen. Wer weiß das schon? Nur ER weiß es. Tock, Tock, Tack.
„Wir haben doch präzise um Pünktlichkeit gebeten“, grollt Frieder-Ludwig-Peerfried Johannsen im gut besuchten Restaurant. „Nun, das ist sehr ärgerlich, aber der erste Tag in ihrer ersten eigenen Wohnung, habe noch ein wenig Geduld“, erwidert Friederike-Liselotte. Um ihren reservierten Tisch besteht organisierte Hektik, nicht störend, aber spürbar. Frieder Johannsen blickt wieder zur Uhr, es ist 20:20 Uhr. „Ruf sie bitte noch einmal an!“ Friederike Johannsen greift zu ihrem Handy und drückt die Wahlwiederholung. Es erklingt wieder nur die geübte Tonbandstimme, die angerufene Person sei momentan nicht erreichbar. „Fünf Minuten noch, dann gehen wir“, bestimmt das Familienoberhaupt. Und so kam es dann auch, zehn Minuten später bezahlt Johannsen die bisherigen Getränke. Er entschuldigt sich mit einem anständigen Trinkgeld und schreitet sichtlich wütend zum Ausgang. „Wir gehen jetzt zu ihr, dass Fernbleiben zu unserer kleinen Feier will ich erklärt bekommen“, brummt er. „Ich weiß nicht“, grübelt seine Frau, doch Frieder Johannsen macht sich auf den Weg in Richtung Speicherstadt.
Friederike-Liselotte Johannsen drückt den Klingelknopf an der Hauseingangstür. Doch ihr Mann wartet nicht. Mit Klingeln oder Klopfen hält er sich wütend und enttäuscht nicht lange auf. Natürlich hat er einen Schlüssel. Oben angekommen verschafft sich Frieder Johannsen ebenfalls mit dem Schlüssel Zugang. Sofort fällt ihnen der schwere, süßliche Geruch auf. Es ist völlig still. Friederike-Liselotte Johannsen bemerkt, dass ihre Schuhe in etwas Klebrigem stecken. Leicht angeekelt schaut sie nach unten und ihr Blick wandert vom Blut über den Wohnungsboden bis zum Fenster. Ein kurzer Aufschrei, dann taumelt sie zurück ins Treppenhaus, wo sie zusammensackt. Der Schock schenkt ihr eine Ohnmacht. Frieder steht zitternd im Flur. Die vor Entsetzen weit aufgerissen Augen seiner Tochter starren ihn von der Fensterbank an. Von dort, wo ihn der Besucher in der linken Ecke aufgestellt hat. Genau ausgerichtet neben Jan`s Kopf. Da, wo vor wenigen Stunden noch das alte Buch lag. Wie in Trance drückt Frieder Johannsen die Ziffern 110 auf seinem Handy.
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