Einige Seiten zeigen völlig verblichene, kaum noch sichtbare Schriftzeichen. „Da hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, was für eine wunderschöne Handschrift und diese akkuraten Zeichnungen. Was wohl diese seltsamen Zeichen bedeuten?“, fragt Friederike-Liselotte. „Wir sollten das mal prüfen lassen, vielleicht ist es wertvoll“, spricht Frieder Johannsen mehr zu sich selbst, als zur Familienrunde. „So kunstvoll und mühsam schreibt man heute nicht mehr. Es ist nicht gedruckt, alles ist fein säuberlich mit Hand und Feder geschrieben. Ja, so was gibt es heute nicht mehr“, erklärt er. „Wenn ich so was Altehrwürdiges sehe, wünscht man sich die alte Zeit wirklich zurück.“ Roswitha berührt das Buch, blättert eine Seite weiter und sinniert: „Ja, wunderschön, ich wünschte, diese Zeit wäre nicht vorbei. Solche Kunst hätte man erhalten sollen. Manches sollte wirklich so wie früher sein“, murmelt sie staunend, während ihre Finger sanft über das uralte Papier streicheln. Plötzlich zucken ihre Finger zurück, „das Buch vibriert, oh, was ist das?“, ruft sie erschrocken. Verdutzt schaut ihr Vater sie an. „Was meinst du?“ Er hat nichts bemerkt, doch Roswitha spürte ganz eindeutig etwas Elektrisierendes, eine Art Vibration. „Also irgendwas war da eben“, behauptet sie verunsichert. „Vielleicht eine elektrische Aufladung“, meint Jan. „Nach so langer Zeit und in deiner Kleidung ist doch Polyester und so. Das kennst du doch, wenn man einen kleinen Schlag von der Kleidung bekommt. Vielleicht ist irgendwas im Papier, Metallfäden oder so was.“ Der Vater nickt. „Ja, das lassen wir mal schätzen, vielleicht ist es wirklich wertvoll“. Roswitha berührt dieses Mal vorsichtiger das Buch, nimmt es ganz in die Hände. „Aber vorher möchte ich es mir mal genauer ansehen. Ich frage mal einen unserer Profs in der Uni. Da gibt es jemanden, der sich mit so was auskennt und vielleicht auch die Sprache lesen kann.“
Damit war das Kapitel „Buch“ abgeschlossen und Roswitha legt es auf die breite Fensterbank. „Gut, gut“, meint Frieder Johannsen, „dann bis heute Abend, seid bitte pünktlich.“ Roswitha schlingt ihre Arme um ihren Vater und knutscht fest seine Wange. „Danke Papa, du bist wundervoll“, flüstert sie in sein Ohr. „Ich weiß“, antwortet Frieder Johannsen mit einem zufriedenen Lächeln. Das Glück seiner Tochter ist ihm das Wichtigste in seinem letzten Lebensabschnitt. Als die Eltern die Tür hinter sich schließen strahlt Roswitha ihren Freund an. „Na, ich bin doch eine gute Partie, oder?“, lacht sie und beide fallen sich in die Arme. Nahezu gleichzeitig fummeln sie sich lachend und glucksend die Klamotten vom Leib und Jan trägt seine gute Partie die Treppe hinauf zum Bett. „Unser erstes Mal in deinem eigenen Heim“, flüstert Jan und küsst ihre linke, hart erregte Brustwarze, während seine ebenfalls stehende Männlichkeit den Eingang in Roswithas Herrlichkeit sucht und findet. Hingebungsvoll lieben sie sich im erprobten Rhythmus. Schweiß und der Geruch körperlicher Liebe breiten sich aus. Roswitha schlingt ihre Arme um seinen Hals, sie öffnet sich allen Gefühlen und lässt sich glücklich gehen.
Das uralte, geheimnisvolle Buch verändert sich, es pulsiert und auf dem Umschlag erscheint ein seltsames Zeichen. Das Buch ruft ihn.




16:00 Uhr, Langsam, kaum sichtbar sammelt sich der zuvor entfernte Staub wieder auf dem dunklen, abgegriffenen Ledereinband des alten Buchs. Und, ja, im Nachmittagslicht scheint es so, als ob das Prägezeichen des Titels einmal pulsiert. Oder sogar zweimal? Das Buch ruft IHN. Das Buch führt Ihn und weist ihm den Weg. Nicht die Wohnung hat das Buch ausgewählt, nein, das Buch bestimmt, was sein wird. Nun kann sich endlich alles ändern.
18:00 Uhr, „Mann, das war bombastisch“, seufzt Jan wohlig und Roswitha murmelt fest in seinem Arm gekuschelt: „Hm, ja, wir haben das schon gut drauf“, kichert sie und beißt zärtlich in die Haut seines Arms. Die dunkelblaue Seiden-Bettwäsche ist quer im dunkel gewordenen Raum verteilt. Etwas schläfrig geworden lauschen sie den leisen Geräuschen des alten Speichers, in dem früher einmal Teppiche aus Asien und dem Orient gelagert waren. Hin und wieder knackt Holz, wenn die Balken ihre Spannung regulieren. Einige kleine Nebengeräusche, vermutlich aus anderen Wohnungen, klingen ganz dumpf und leise, wie aus weiter Entfernung. „Erstaunlich ruhig hier, trotz des Verkehrs da draußen“, flüstert Jan. „Ja, nur eben nicht“, schmunzelt Roswitha, deren Lust vor wenigen Augenblicken noch gut zu hören war.
Tock, Tock, Tack. Tock, Tock, Tack klingt es mit leichtem Hall durch das Treppenhaus bis in die Wohnung. Jemand schreitet langsam durch das Treppenhaus. „Klingt nach Krückstock“, sagt Jan, „dann ist es definitiv kein Besuch für uns“. „He!“, ruft Roswitha leise, „für mich. Nicht für uns. So weit sind wir noch nicht.“
„Poch, Poch“, plötzlich klopft es doch an der Eingangstür. Beide schauen sich verwundert an. „Wer kann das sein?“, fragt Roswitha verwundert. „Wenn du das nicht weißt, wer dann? Ich habe keine Ahnung. Der Hausmeister?“ Roswitha schlüpft in den Bademantel, der im Karton mit der Aufschrift „Bad“ gleich oben auf liegt.
„Poch, Poch“, klopfte es wieder.
„Ja. Moment doch, ich komme!“, brüllt sie etwas genervt nach unten. Barfuss schwingt sie sich die Treppe herunter und öffnet die schwere Eingangstür. Verwirrt schaut sie den Besucher an. Groß, hager, schwarzer Hut, ein schwarzer, langer altertümlicher und zerschlissener Mantel, ein mächtiger, knorriger Wanderstab, so steht der Fremde in der Tür. Aufrecht und nicht gebrechlich ist der alte Mann mindestens 2 Köpfe größer als Roswitha.

„Ja…?“, sagt Roswitha verunsichert.
„Oh wie nett, nein, ist das nett“, eine sonore melodische Stimme antwortet ihr. „Verzeiht mein Eindringen, aber ihr habt mich eingeladen“, entschuldigt sich der seltsame Mann und schiebt sich an Roswitha vorbei in den Raum.
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