Wir werden noch einiges über Wien erfahren, doch soviel sei vorweg gesagt, Wien ist eine Stadt, die sich im Lauf ihrer Geschichte immer wieder markant verändert hat. Es ist eine Metropole, die sich zurzeit in einer starken Wachstumsphase befindet, mit all den dazugehörenden Herausforderungen und Problemen. Wien rangiert seit vielen Jahren bei Umfragen unter Managern hinsichtlich der Lebensqualität auf Platz eins der Welt. Die Stadt hat sich aber auch zum Magneten für Studierende entwickelt und zieht Jahr für Jahr mehr Touristen an. Die Zahl der touristischen Nächtigungen hat sich in Wien seit 1974 mehr als verdreifacht. Kein anderes österreichisches Bundesland kann auch nur annähernd solche Steigerungsraten vorweisen. Wien hat seinen Wohnbestand in den vergangenen 40 Jahren radikal verbessert. Lag der Anteil der Substandardwohnungen ohne Fließwasser im Jahr 1974 noch bei 42 Prozent, so liegt dieser Anteil heute bei unter 3 Prozent. Wien kennt heute mehr Wohlstand als je zuvor, es erlebt aber auch die Auswirkungen der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise. Wien zieht viele Arbeitssuchende an und verbucht sowohl steigende Beschäftigungszahlen als auch Arbeitslosenzahlen, die deutlich stärker steigen als in anderen österreichischen Bundesländern. Wien erlebt auch eine Zunahme von sichtbarer Armut, vielfach durch Menschen, die aus ärmeren Ländern und Regionen in die Stadt kommen, um hier ihr Glück zu versuchen. Wien bietet Anknüpfungspunkte für beides, für hohe Lebensqualität, Lebensfreude und Optimismus, aber auch für Grant, Verunsicherung und das Gefühl, in einer wachsenden und sich verändernden Großstadt alleine gelassen und zu wenig beachtet zu werden.
Grant, Verunsicherung und der Eindruck, im Stich gelassen zu werden, sind die Grundmasse, mit der Johann G. arbeitet und die er zum Gären bringen will. Sein wichtigster politischer Antrieb ist sein völkisches Weltbild. Er unterscheidet ganz klar zwischen jenen, die er zu „seiner Menschengruppe“ zählt, und jenen, zu denen er ausreichend Distanz wahren will. Herkunft, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit spielen für ihn eine entscheidende Rolle. Unter ihm als Vorsitzenden des Rings Freiheitlicher Jugend wurde eine Broschüre herausgegeben, in der Europa als „Wiege der Weißen“ bezeichnet und ein Bekenntnis zu einem „weißen“ Europa eingefordert wurde. [1]
Die Vorstellung von einem „weißen“ Europa, einem „weißen“ Österreich, einem „weißen“ Wien zu verwirklichen, würde bedeuten, eine Politik des radikalen Auseinanderdividierens der Bevölkerung bis hin zur Auslese und Vertreibung von Menschen in Gang zu setzen. Der erste Schritt in diese Richtung besteht darin, einen Keil zwischen Menschen entlang ethnischer und religiöser Kategorien zu treiben. Daran arbeitet G. mit Hochdruck.
Johann G. ist jedoch nicht nur ein von seinem Weltbild Getriebener, er ist auch ein Vollblutpolitiker. Ich möchte mich daher auch mit den Tricks und Kniffen beschäftigen, die er für seine Überzeugungs- und Anstachelungsarbeit verwendet. Die wichtigsten Aussagen von G. werde ich einer eingehenden Fakten-Überprüfung unterziehen. Mir ist es wichtig, dass sich jede Leserin und jeder Leser eine eigene Meinung bilden kann.
Warum Sie sich mit Johann G. eingehender beschäftigen sollten? Weil er keine isolierte Erscheinung ist, sondern die Speerspitze einer Clique, die versucht, die derzeit stärkste Oppositionspartei in Österreich als Steigbügel zu benutzen, um in politische Machtpositionen zu gelangen. Es handelt sich hier um eine Politikerclique, die in einer Gedanken- und Parallelwelt lebt, deren Radikalität das Potenzial in sich trägt, das Zusammenleben in Österreich in seinen Grundfesten zu erschüttern – wie sehr, davon will Ihnen dieses Buch einen Eindruck vermitteln.
Johann G. heißt mit vollem Namen Johann Baptist Björn Gudenus. Er kam 1976 in Wien zur Welt. Bereits in seiner Schulzeit wurde er Mitglied der schlagenden Burschenschaft „Vandalia“, wo er an Mensuren teilnahm und sich den Burschennamen Wotan – nach einem germanischen Gott – zulegte. Der Leitspruch seiner Burschenschaft lautet: „Deutsch, einig, treu – ohne Scheu“. „Ich habe mir den Namen gar nicht so sehr wegen Gott Wotan gewählt, sondern wegen dem exponierten Wotansfelsen, der auf unserem Grundstück im Waldviertel liegt“, erklärte Gudenus in einem Interview. [2] Dass Burschenschaften für ihn eine wichtige Rolle spielen, zeigt auch seine Mitgliedschaft im Ehrenkomitee des Balls des Wiener Korporationsrings. Als der Ball 2011 aus der Wiener Hofburg verbannt wurde, übernahm die Wiener FPÖ unter seiner Klubobmannschaft die Austragung der umstrittenen Burschenschafterveranstaltung in den Prunksälen der Republik.
Seine politische Karriere startete Gudenus beim Ring Freiheitlicher Jugend Niederösterreich, wo er als stellvertretender Obmann und Generalsekretär fungierte. Es ist wohl kein Zufall, dass die politischen Anfänge von Gudenus in Niederösterreich und nicht in Wien stattfanden. Zu Wien hegt er ein angespanntes Verhältnis. Davon zeugen nicht nur zahlreiche Wortmeldungen, in denen er ein düsteres Bild von der österreichischen Hauptstadt zeichnet, sondern auch eine Reise nach Linz, wo er an einer Wahlkampf-Veranstaltung unter dem Motto „Linz darf nicht Wien werden“ teilnahm.
Erst nach seiner Matura am Wiener Elitegymnasium „Theresanium“ verlegte Gudenus seine politischen Aktivitäten von Niederösterreich nach Wien. Er wurde freiheitlicher Bezirksrat im Wiener Bezirk Alsergrund. Ein Jahr darauf stieg er in die Wiener Landesparteileitung auf und wiederum ein Jahr später wurde er Obmann des Rings Freiheitlicher Jugend, zuerst in Wien, dann auch auf Bundesebene. Nach dem Abschluss seines Studiums der Rechtswissenschaften, wurde Gudenus FPÖ-Bezirksparteiobmann im Bezirk Wieden. Kurz darauf wurde er erstmals in den Wiener Landtag gewählt.
Neben seinem politischen Aufstieg absolvierte Gudenus Studiengänge an den diplomatischen Akademien in Wien und Moskau. Im Jahr 2010 war es dann so weit, er übernahm die Spitzenfunktion des Klubobmanns der Wiener FPÖ. Bald darauf wurde Gudenus zum Stellvertreter von FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache gewählt. Mehrmals ließ sich FPÖ-Chef Strache mit seinem engen Vertrauten plakatieren. Strache bezeichnet Gudenus als „meine rechte Hand in Wien“.
Johann Gudenus ist national und international mit rechtsextremen Kräften vernetzt. Ende 2014 erteilte er einem rechtsextremen Vernetzungskongress in Russland, zu dem unter anderem auch die griechische Neonazipartei „Goldene Morgenröte“ geladen war, eine Zusage. Erst kurz vor Abhaltung des Kongresses wurde Gudenus die Sache zu heiß und er sagte wieder ab. In einer ersten öffentlichen Stellungnahme dementierte Gudenus noch, dass er überhaupt jemals vorgehabt hätte, an dem Rechtsextremistentreffen teilzunehmen. Später gestand er jedoch ein, dass er seine Teilnahme an dem Treffen ursprünglich zugesagt hatte. Kurz darauf wurde dann auch sein Absageschreiben publik. Darin teilte er den Veranstaltern mit, dass er „unglücklicherweise“ nicht zum Kongress kommen könne, „weil wir eine wichtige Veranstaltung in Vorbereitung unserer Wahlkampagne vorbereiten“. Das Absageschreiben von Gudenus schloss mit den Worten: „Nächstes Mal kommen wir sicher!“ [3]
Trotz seiner internationalen akademischen Ausbildung gilt Johann Gudenus als Mann fürs Grobe. Grenzen setzt er seiner Agitationsarbeit meist erst dort, wo das Strafrecht beginnt. Nicht in Verbindung gebracht werden will er mit den Aussagen seines Vaters, des ehemaligen FPÖ-Nationalrats- und Bundesratsabgeordneten John Gudenus, der 2006 wegen NS-Wiederbetätigung zu einer einjährigen bedingten Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Er stellte die Existenz von Gaskammern im „Dritten Reich“ in Frage. „Man soll nicht Tabus aufstellen, sondern man soll physikalisch und wissenschaftlich prüfen", meinte Gudenus senior in einem ORF-Interview.
Читать дальше