Ihr Fell war übersät von Ungeziefer.
Sein Verstand lehnte es ab zu glauben, dass blaue, dummes Zeug redende Katzen überhaupt existieren konnten.
Mühselig erhob er sich. „Es gibt keine sprechenden Katzen!“, sprach er laut in den Wind. „Und es gibt schon gar keine blauen Katzen!“
Sein Blick wanderte nach oben zum Kegel des halben Vulkans, der sich ca. 200 m über ihm erhob. Dort oben machten seine Augen einen kleinen, blauen Fleck ausfindig. Dieser schien dort abzuwarten und in seine Richtung zu blicken. Doch dann verschwand der blaue Fleck und Sigurd Lasse Sigurdson wischte sich über die Augen.
Der Aschestaub brannte entsetzlich und Sigurd verlor erneut das Gleichgewicht, stolperte und rutschte so noch die letzten Meter auf dem Boden seiner neuen Golfhose bis zum Fuß des Vulkans hinab. Kaum sah sich Sigurd Lasse Sigurdson wieder auf seinen 2 Beinen, schwor er, dass irgendjemand dafür würde Büsen müssen.
Im besten Fall eine blaue, sprechende Katze. Im schlimmsten Fall irgendwer anders. Aber Rache, da war er sich sicher, Rache war Blutwurst!
Klettern gehört nicht zu den glänzendsten Fähigkeiten Minzer´ s, und so erging es dem Kater auf der anderen Seite des halben Vulkans kaum besser.
Oben auf dem Kraterrand pfiff der Wind mit einer Wucht, dass es den stärksten Kater umhaute. Minzer tänzelte und versuchte, im Sturm sein Gleichgewicht zu halten. Er konnte die Aussicht auf den stahlblauen Atlantik, der hunderte Meter unterhalb des Vulkans und der Küste tobte, nicht genießen. Bei jedem Schritt flog er mehr, als das er lief, denn der Wind war kräftig. Minzer blieb auf seiner Flucht aber einzig der Weg über den Kamm des Vulkans, denn auf der anderen Seite befand sich der Knickerbockermann und unter ihm der Krater des Vulkans.
Aus dem Krater war vor gerade einmal 42 Jahren die Lava ausgebrochen und Minzer hatte Angst, sich zu verbrennen. Der Krater konnte immer noch heiß sein, auch wenn es nicht danach aussah und Minzer war nicht gewillt, sich zu verbrennen.
Also quälte er sich mühsam und mit kleinen Schritten am oberen Rand des Vulkans entlang, wurde von einer Windböe erfasst und kullerte nun selbst und diesmal ohne Schadenfreude, wie ein Ball den Berg hinunter Richtung Ozean. Nackte Angst erfasste den Kater, kam das tobende Meer doch immer näher. Eine Lavabombe von der Größe eines Fußballes beendete seinen freien Fall und verhinderte das Schlimmste, sorgte aber für ein paar blaue Flecken und Schmerzen in der Hüfte.
„ Von wegen Katzen können nicht fallen “, dachte er, rüttelte sich zu Recht und sah sich um. Er wunderte sich, denn da, wo eben noch der Atlantik gewesen war, befand sich jetzt himmelblauer Horizont.
Vor ihm richtete sich hocherhoben der Vulkan Eldfell zu majestätischer Größe auf. Minzer beschloss, ein wenig zu ruhen, war er sich doch noch nicht sicher, was nun als Nächstes zu tun war. Nachdem er sich besonnen die Pfoten geleckt hatte, beschloss er, seinen Weg fortsetzen.
Er kam nicht weit. Eine kräftige Windböe erfasste ihn und er kullerte noch einige Meter hinab, blieb an einem Felsen hängen und jetzt wusste er, warum er den Atlantik nicht mehr hatte sehen können. Das lag an der Steilküste, an deren obersten Rand er, allein gehalten von einem kleinen Felsvorsprung, festhing wie ein Papageientaucher.
Papageientaucher werden die berühmtesten Vögel Islands genannt, nur haben diesen den Vorteil, fliegen zu können.
Minzer, der vornehme, deutsche Hauskater, brüllte laut und auf Deutsch: „ Scheibenkleister!“ Er duckte sich so gut er konnte an den Rand des Felsens. Bis nach unten zum tobenden Ozean blieben schätzungsweise 100 m freier Fall. „ Dafür reichen meine 7 Leben im Leben nicht “, dachte Minzer besorgt. Hinter den Felsen begann die Sonne, sich in den Horizont zurückzuziehen. „ Noch eine Stunde “, überlegte Minzer deprimiert, „ dann wird es dunkel sein. “
Ein tonloses „Miau“ verzauberte den schönen Abend, doch niemand konnte es hören.
Adele hielt nach ihrer Ankunft in der Pension zunächst ein Schwätzchen mit der Hexe. Dann begann sie, in der kleinen Küche der Gästewohnungen, ein Abendbrot für sich und Minzer anzurichten. Krebsschwänzchen, mariniert in Sahnesoße, dazu gegrillte Garnelen mit Knoblauch für sich selbst und ohne Knoblauch für ihren frechen Kater. Sie bereitete auch einen Salat aus Kartoffeln, mit einer großen Portion Vorfreude gemischt. Dabei wurde ihr Hunger immer größer, doch als die Dämmerung hereinbrach, begann sie, sich Sorgen um ihren nichtsnutzigen Kater zu machen.
„ Wo steckt Minzer denn bloß? “, dachte Adele, konnte sie doch nicht glauben, dass der gestrenge Mann ihren Kater eingefangen haben sollte. Das würde so gar nicht zu Minzer passen, sich von Menschen in den Enge treiben zu lassen.
„ Nein “, setzte sie ihre Überlegungen fort, „ da muss irgendwas passiert sein. “ Sie seufzte: „Ich werde ihn wohl suchen müssen.“
Doch Adele kannte sich auf der Insel Vestamanneyjar nicht aus. Das Eiland war zwar nicht groß, aber nachts in der Dunkelheit, zu Fuß und ohne Ortskenntnis? Wo sollte sie ihre Suche beginnen?
„Er ist nach Süden gelaufen“, überlegte sie. Aber vielleicht wollte Minzer sie auch nur zum Narren halten und verspätete sich mit Absicht. Es wäre nicht das erste Mal. Doch als die Sonne dann gänzlich hinter den Bergen verschwunden war, drehte sie die Flamme des Herdes aus, sog einen tiefen Zug des betörenden Essensduftes in ihre Nase und klopfte bei Hilgur, der Hexe.
Hilgur ist keine echte Hexe, so wie Tante Olga eine ist, aber Hilgur, die eigentlich Helga heißt, hatte Verstand und kannte jeden Winkel der Insel wie ihre Handtasche. Trotz des Einfuhrverbotes für Tiere aller Art und des Umstandes, dass Touristen deswegen niemals Tiere mit sich führten, gewährte sie der Frau namens Adele und dem Tier Unterkunft. Das da etwas nicht stimmen konnte, war ihr durchaus klar und als die Frau namens Adele jetzt bei ihr klopfte, da klingelten bei ihr alle Alarmglocken. Adele brauchte mithin nur wenige Worte, die Hexe davon zu überzeugen, dass Not am Mann war.
Es bedurfte keiner Erklärung, dass die Katze blau und sprachbegabt war, der Umstand, dass sie allein in der kalten Nacht der Westermanninsel war, reichte Helga als Grund aus. Das Tier brauchte ihre Hilfe. Hilgur rief ihre Freundin Anna. Man zog sich warme Sachen an, schnappte sich Taschenlampen und auf ging es.
Etwas bedauernd ließ Adele die betörende Mischung aus Knoblauchduft und Krebsfleisch hinter sich. Raschen Schrittes machten sich die 3 auf in Richtung Helgafell. „Wenn die Katze irgendwo ist, von wo sie nicht wegkommt, dann kann das nur an der Küste sein“, war die einzige Erklärung, die Hilgur gab.
Adele folgte beklommen. Sie sehnte sich nach Lilo, ihrem Zaubermotorrad, das jetzt ein sehr guter Begleiter gewesen wäre. Leider stand Lilo in Tante Olga ´s Schuppen in Novosibirsk und so mussten sie zu Fuß gehen. Endlos.
Nach 1 Stunde erreichten sie den Fuß des Helgafell. Hell leuchtete der Vollmond über dem Vulkan. Adele hatte noch nie in ihrem ganzen Leben einen so hellen und großen Vollmond gesehen. Verzaubert stand sie oben am Kraterrand. Der heftige Wind drückte ihr die Kleidung eng an den Körper. Mit einer Taschenlampe suchten sie den gesamten Vulkan ab, kletterten in dessen Tiefe und Adele konnte die schwefeligen Dämpfe aus dem Krater riechen.
„Es ist gut möglich, dass er sich hier versteckt und dann die giftigen Dämpfe eingeatmet hat“, erklärte Hilgur.
„Giftige Dämpfe?“ Adele wich erschrocken zurück. „Keine Sorge, ich kenne mich hier aus. Der Wind ist zu stark, aber wenn dir schlecht wird, sag Bescheid. Wie heißt dein Tier?“ „Minzer“, antwortete Adele. „Er hört auf den Namen Minzer.“ „Wenn er hier wäre und nicht ohnmächtig“, ergänzte Adele, „dann hätte er uns bereits verstanden und sich gemeldet.“ Kurz überlegte sie und fügte dann erklärend hinzu: „Minzer kann sprechen. Mehrere Sprachen. Auch isländisch und finnisch.“
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