„Ist es denn so schlimm, wenn ich ‚Spuren im Sand‘ einfach megacool finde?“
Geistesabwesend spielte sie mit einer Haarsträhne. „N... nein“, antwortete er gedehnt, „aber...“
„Aber was?“, fiel sie ihm ins Wort.
Stur hielt er den Blick auf die Straße gerichtet und murmelte: „Ach, vergiss es!“
Sie seufzte. „Wenn mein Scheiß-Reciever nicht Schrott wäre, dann würde kaum einer mitkriegen, dass ich ‚ Spuren-im-Sand‘ -Fan...“
„Wieso, was ist mit dem Kasten?“, unterbrach er sie interessiert.
„Keine Ahnung! Aber ich hab‘ keine Kohle, für die Rep...“
„Ich guck‘ mal rein.“, versprach Sven. „Vielleicht ist nur etwas locker!“
Überrascht sah sie zu ihm hinüber und schämte sich dafür, dass sie ihn vor wenigen Minuten für einen Katzenkiller gehalten hatten.Sollte sie ihm davon erzählen? Wenn es wirklich ein morbider Scherz war, dann war der Karton mit der Katze sowieso weg. Julia zwang sich zu einem Lächeln.
„Das wäre echt super, wenn du dir die Box mal anguckst!“
Sven schwieg und fuhr die Auffahrt hoch, die sich zwischen die beiden Grundstücke zog, wo rechts Sven mit seinen Eltern wohnte und sie mit ihrer Schwester Stefanie links. Mit einem lauten Knall warf er die Autotür zu und ging hinter ihr her.
Heute war Donnerstag. Steffi kam dann meist nie vor acht Uhr nach Hause. Leise lächelte Julia vor sich an, als sie sich an das gestrige Gespräch mit ihrer Schwester erinnerte. Stefanie war es endlich gelungen, ihren ersten großen potentiellen Kunden an Land zu ziehen. Das würde mehr Geld bedeuten, das sie ganz dringend brauchten. Julia schloss die Haustür auf und warf achtlos ihren Rucksack in die Ecke. Im Wohnzimmer zog sie den Reciever aus dem Regal.
„Damit nehme ich immer ‘Spuren im Sand’ auf.“, erklärte sie und reichte den Kasten Sven.
Grinsend stand er da. Verlegen strich sie sich eine Strähne aus der Stirn. Sie wollte allein sein, ein bisschen träumen – von Jessica, Lutz und Oliver. Ja, von ihm ganz besonders. Sven sandte ihr einen beleidigten Blick zu und verließ grußlos das Haus.
In der Küche machte sie sich ein Nutellabrot, packte sich aufs Sofa und sah sich das Ende von The Big Bang Theory an, dazwischen wanderten ihre Gedanken in den Park zurück.
War das wirklich geschehen? Die Sache mit dem Karton und der toten Katze? Warum hatte sie Sven nichts davon erzählt? Vielleicht gab es keine tote Katze?
Melli mit ihren makarberen Bemerkungen hatte nur ihre Fantasie angestachelt!
Schließlich schlief sie ein und träumte, wie sie vor dem schwarzen Karton kniete und dann plötzlich kam eine schemenhafte Gestalt hinter einem Baum hervor, die ein glitzerndes Messer in der Hand hielt.
Auf einmal erkannte sie Sven mit verzerrtem Gesicht, dann verschwamm es. Oliver stand vor ihr. Um seinen Mund spielte ein diabolisches Lächeln. Beide Hände hatte er um den Hals einer toten Katze geklammert. Das Tier wehrte sich verzweifelt, dann zuckte es und hing leblos zwischen seinen Händen.
Schweißgebadet fuhr Julia aus ihrem Albtraum hoch.
Da, plötzlich ertönte ein Laut, ein Geräusch, das ihr den Atem in der Kehle stocken ließ. Woher kam es? Die Heizung war es gewiss nicht und das Klacken in den Wasserrohren hörte sich ganz anders an. Angespannt schweifte ihr Blick durch das Zimmer - und dann sah sie es.
Auf der Couchtisch lag eine weiße Lilie!
Julia stieß einen gellenden Schrei aus und sprang wie von Sinnen hoch. Jemand war im Haus gewesen, und sie hatte nicht das Geringste bemerkt. Sie spürte wie ein eisiger Schauer über ihren Rücken rann. Wie hypnotisiert heftete sie den Blick auf die weiße Lilie.
Julia rang nach Atem und verspürten den Wunsch nach frischer Luft. Sie lief sie zur Terrassentür, die nur angelehnt war. Jetzt war ihr alles klar! Unbändige Wut kroch in ihr hoch. Sven! Er war es! Einer seiner saublöden Scherze, die nur er cool fand, trotzdem verursachte es ihr eine Gänsehaut, wenn sie sich vorstellte, wie er vor der Couch stand und ihr beim Schlafen zugesehen hatte.
Aber die Sache mit dem Karton und der Katze? Nein, das passte überhaupt nicht zu ihm.
Sie nahm die Lilie und ging nach draußen. Mit dieser Blume wollte sie Sven konfrontieren und seine Reaktion genau beobachten.
„Sven“, schrie sie, und Sekunden später steckte er den Kopf aus seinem Fenster.
„Is was? Ich guck‘ Border Control!“
„Was macht mein Reciver?“
„Guck mir später die Box gleich an.“
Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, und hauchte ihm ein Kusshändchen zu.
„Wollte nur danke sagen“, erklärte sie mit Worten, wie Jessica sie ausgesprochen hätte. Langsam ließ sie sich nach hinten sinken und lehnte sich an den Pfosten der Terrassentür.
„Wow!“ rief er. „Mach das noch mal!“
Verächtlich streckte sie ihm die Zunge raus .
„He“, schrie Sven. „Ich meinte das mit dem Küsschen!“
„Vergiss es“, erwiderte Julia, drehte sich um und ging wieder ins Haus zurück.
Nachdenklich setzte sie sich auf die Couch. Das mit der Lilie war er also nicht gewesen, da war sie sich ganz sicher. Lange saß sie so da und konnte sich nicht entschließen sich endlich ihren Hausaufgaben zu widmen. In ein paar Tage stand die Matheklausur an. Den Text der Viola musste sie auch noch lernen.
Es war schon fast dunkel, bis sie sich endlich aufraffte und ein wenig aufräumte. Julia war so in Gedanken versunken, dass sie fast zu Tode erschrak, als die Haustür aufschwang und ihre Schwester wie von Furien gehetzt hereinstürmte. Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Mit fahrigen Händen schob Stefanie den Riegel auf und lehnte sich erschöpft an die Wand .
„Hi, Steff, was is’n los“, rief Julia bestürzt.
„Ni...nichts“, keuchte Stefanie und atmete tief durch „Irgend jemand hat mich zu Tode erschreckt.“
Julia schluckte und dachte an ihr eigenes unheimliches Erlebnis mit der weißen Lilie.
Stefanie fuhr sich mit fünf Fingern durch ihre blonde Mähne. „Als ich ins Auto stieg, merkte ich zuerst gar nichts, doch dann...“
Jäh hielt sie in ihren Ausführungen inne und fegte mit einer wegwerfenden Handbewegung das Thema fort.
„Soll ich uns einen Tee kochen und ein paar Schnittchen belegen?“, erkundigte sich Julia. „Oder ich schieb uns eine Pizza in den Backofen, und dann kannst du mir alles erzählen!“
Ihre Schwester schüttelte den Kopf und streichelte ihr zärtlich über die Wange.
„Danke, das ist ganz lieb! Aber ich hab‘ überhaupt keinen Hunger!“
Mit diesen Worten nahm sie eine Selter aus dem Kühlschrank, ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Besorgt betrachte Julia ihre Schwester und wartete geduldig, bis diese weiter berichtete.
„Nach dem Meeting bin ich gleich nach Hause gefahren. Du weißt, dass ich derzeit total auf Rhianna stehe. Ich habe ja nur diese CD im Auto. Dann kam der erste Song.... und plötzlich war da eine irre Lache auf dem Ding! Es...“, sie wandte sich ab und sprach stockend weiter, „...war grauenvoll! Ich hab‘ den Eject-Knopf gedrückt, dann auf Stopp! Es hat nicht funktioniert!“
Allmählich begann sich Stefanie etwas zu entspannen und ein Lächeln teilte ihr Gesicht, doch es erreichte ihre Augen nicht.
„Ich hielt an. Stell‘ dir mal vor, der Witzbold hat die Tasten mit Uhu blockiert! Ich weiß auch nicht, warum ich so hyterisch reagiert habe. Wahrscheinlich lag es daran, dass es schon dämmerte. Naja, die Strecke durch den Wald ist ganz schön duster. Da ging die Fantasie einfach mit mir durch!“
Stefanie reckte sich und gähnte verhalten.
„Ich geh' jetztunter die Dusche! Ich bin so ausgepowert! Das glaubt‘ mir kein Mensch!“
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