»Der Kerl da gegenüber in der Ecke ist Sam Larber, der bekannte Hochstapler. Die Zeiten sind jetzt sehr schlecht, und es gibt wenig Goldfische. Es müßte eigentlich einen Unterstützungsfonds für Hochstapler geben, denn die Sonne muß scheinen, um die Leute Dummheiten machen zu lassen. Das Mädel, das mit ihm zusammensitzt, ist Lisa Keane – weiß Gott, kein Engel der Barmherzigkeit! Sehen Sie den kahlköpfigen jungen Menschen, der sich hinter seiner Zeitung versteckt? Ich habe ihm neun Monate verschafft, weil er Autos geklaut hat – klauen heißt mausen – entschuldigen Sie bitte meine ausländischen Ausdrücke.«
»Was halten Sie davon?«
Sie strich ein Stückchen knisterndes Papier glatt und legte es vor ihn auf den Marmortisch.
»Ich halte überhaupt nichts von Hundert-Pfund-Noten – ich träum' bloß davon«, erwiderte er und fügte ganz unzusammenhängend hinzu: »Jedenfalls, weil er sich verheiraten will. Ich sah, wie er den Schein vor Ihren Augen hin und her schwenkte, und dachte erst, er versuchte einen guten Eindruck bei Ihnen zu machen. Ich war eigentlich etwas enttäuscht, denn Mr. Maddison hat mir niemals den Eindruck eines Schürzenjägers gemacht, und dann wurde mir auf einmal klar, was das Ganze bedeuten sollte.«
Wenn sie auch Reporter war, Frau war sie doch geblieben, denn sie fragte neugierig:
»Wen heiratet er denn?«
»Eine Dame.«
»Es war ihr Bruder, der mit einem anderen Herrn am Eingang der Bank sprach. Danty heißt der andere. Was Rex verliert, läuft auf einem kleinen Umweg in Dantys Tasche. Die Buchmacher haben das Leben von Rex versichern lassen – der Gedanke, daß sie mal ihr jährliches Einkommen verlieren könnten, ist ihnen mehr als widerwärtig. Und wenn er sich mal in dem großen Teich der Spekulanten blicken läßt, schärfen alle Haifische ihre Zähne. Sein Geld ist so leicht zu bekommen – oder sagen wir lieber nicht sein, sondern das Geld, was er seinen guten Freunden abpumpen kann? Ist das Klatsch oder Verleumdung?«
»Beides – wenn ich es drucken lassen würde«, lächelte sie zurück.
Die Kellnerin kam, und sie trank ihren heißen Tee mit großem Behagen, während Mr. Bird ernsthaft seine zahlreichen Keks knabberte. Als der Teller beinahe leer war, erklärte er:
»Ich bin ein großer, kräftiger Mann und muß vorsichtig leben. Solche Kuchen wirken ganz eigenartig auf mich. Wenn ich so ein Dutzend intus habe, fühle ich mich fast wie bezecht, und alle meine Sorgen verschwinden. Bei zwanzig fange ich an, verrückt zu werden, und reiße dann das Pflaster auf.«
Glücklicherweise hörte er schon bei dem siebenten auf.
»Was soll ich denn mit den hundert Pfund hier anfangen?« fragte sie. »Ich habe das Gefühl, daß ich das Geld unter falschen Voraussetzungen erhalten habe.«
»Ich habe bei Cecilia & Co. ein paar sehr schöne Gesellschaftskleider gesehen«, entgegnete er ernsthaft. »Es ist ein großes Modewarenhaus in der Bond Street – und wenn Sie mich fragen, was die Mode mit den Kleidern noch vorhat, dann sage ich: ›Sprechen wir lieber nicht davon!‹ Da war ein Kleid mit Schulterbändern oben, tragen Sie das, und Sie bekommen den ersten Preis beim Kunst- und Wettschwimmen ...«
»Wer ist eigentlich Danty?«
Sie befand sich in einer neuen Welk, eine Welt, in die sie gerade vor einer Viertelstunde getreten war.
»Ich kenne seinen Namen«, fuhr sie schnell fort. »Danton Morell, er gab mir seine Karte.«
Mr. Bird nickte.
»Selbstverständlich hat er das; er gehört zu dieser Art von Menschenfreunden. ›Komm mal am Abend zu mir, wenn die Dienstboten in das Kino gegangen sind.‹ Danty ist gerissen. Ich bin einer der wenigen, die wissen, wie gerissen er eigentlich ist. Eines schönen Tages werde ich ihm mal meinen Besuch machen und ihm mitteilen, sich ein anderes Jagdgelände zu suchen.« Und dann begann er ihr von allerhand Menschen zu erzählen – von der stets wechselnden Bevölkerung im West End. Von den Männern und Frauen, die kamen und gingen; von dem gütigen alten Herrn, der das ganze Jahr hindurch seine Zimmer im Cecil-Hotel hatte, aber seine Zeit damit verbrachte, zwischen England und New York hin und her zu fahren, um leichtgläubige und vertrauensselige Menschen beim Kartenspiel um ihr Geld zu erleichtern. Er sprach ihr von merkwürdigen Leuten, die keinerlei Beruf hatten, von deren Einkünften nichts bekannt war, und die dennoch ständig in den besten Hotels lebten. Er nannte sie die Einmal-im-Jahr-Leute.
»Sie machen bloß einen einzigen Schlag im Jahre, und das genügt ihnen. Sie sind die bestbezahlten Märchenerzähler der ganzen Welt. Kipling und, wie heißt er doch gleich – Shaw? – verdienen nicht die Hälfte von dem, was den Kerls für ihre Geschichten bezahlt wird.«
»Ich glaube, Sie machen tagtäglich neue Erfahrungen?«
Mr. Bird seufzte.
»Ich glaube, daß mir im Laufe der Zeit alles bekannt geworden ist, was man von den krummen Wegen der Hochstaplergesellschaft wissen muß«, antwortete er.
Aber hierin irrte er sich.
In derselben Nacht rief man ihn nach Nummer 342 in der Brook Street. Mit Hilfe des leichenblassen Mr. Danton Morell brach er die Tür des Schlafzimmers auf und fand dort Rex Leferre – tot – von seiner eigenen Hand getötet. Er lag auf dem Fußboden und der Revolver an seiner Seite. Im gleichen Augenblick hatte Danty die Zettelchen mit den Bleistiftzeilen bemerkt und seine Hand darüber gelegt. Eine Stunde später las Margaret erschüttert die Mitteilung, die der Detektiv nicht gesehen hatte:
»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von
Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt, traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich. Rex.«
Wieder und wieder las sie diese erschütternden Zeilen. Luke Maddison: der Mann, den sie in einer Woche heiraten würde!
Zwei Tage hindurch lebte Margaret Leferre in einer Welt schrecklicher Unwirklichkeit. Merkwürdige Leute suchten sie auf: ein großer starker, dunkelgekleideter Mann, der in schwerfälliger Weise versuchte, einen Klang von merkwürdiger Sympathie in seine geschäftlichen Besprechungen zu bringen, ein Bankdirektor, der wild und unverständlich durcheinander sprach, bis glücklicherweise Danty erschien und ihn verschwinden ließ.
Eine einzige Tatsache stand Tag und Nacht in ihrem schmerzenden Gehirn: Rex war tot, hatte sich selbst das Leben genommen, und der Mann, den sie heiraten wollte, der Mann, der halb irre in seiner Angst um sie drei-, viermal am Tage vorsprach und nicht angenommen wurde, dieser Mann hatte den Tod ihres Bruders verursacht. Geld war sein Gott! Es war schwer, sich an diese unerwartete Seite seines Charakters zu gewöhnen, noch schwerer war es, diese gefühllose Brutalität zu verstehen, die eine junge Seele in die ewige Nacht wandern ließ.
Die Verlobung zwischen ihnen beiden war auf ganz natürliche Weise entstanden. Beide Familien waren seit Jahrzehnten miteinander bekannt. Sie hatte schon als Kind mit Luke Maddison gespielt. Es war zwischen ihnen kein plötzliches Zusammentreffen, keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, und sie erinnerte sich nicht, ihn jemals nicht gern gehabt zu haben, war aber auch nicht imstande, Tag, Monat oder Jahr anzugeben, als Sympathie zur Liebe wurde.
Das war das wirkliche Unglück in ihrer Situation. Sie erinnerte sich nun an alles, was Rex von ihm gesagt hatte – er war »zugeknöpft« ... Immer hatte sie gedacht, daß Luke großzügig wäre, von einer Großzügigkeit, die beinah an Dummheit grenzte. Aber hier wurden die nackten Tatsachen vor sie gelegt – Männer kannten ihn besser. Sie biß die Zähne zusammen und zwang sich zu einer Frage an Danty, der ihr in diesen furchtbaren Tagen merkwürdig nähergekommen war. Danty zuckte die Achseln.
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